LONDON (IT BOLTWISE) – Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages, Marc Henrichmann, fordert eine stärkere operative Handlungsfähigkeit der deutschen Nachrichtendienste. Im Mittelpunkt steht ein präventives Vorgehen gegen russische Drohnenhersteller, bevor die Gefahr in Deutschland ankommt. Er ordnet das als Teil einer laufenden Nachrichtendienstreform ein und spricht von „operativen Fähigkeiten“ sowie dem Prinzip, Angreifer beschäftigungsfähig zu halten. Offen bleibt, wie schnell sich die dafür nötigen Fähigkeiten in der Praxis aufbauen und bündeln lassen.

Die Debatte um eine neue Ausrichtung der Nachrichtendienste bekommt in Deutschland einen spürbaren Cyber-Schwerpunkt: Marc Henrichmann, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages, stellt in Aussicht, dass Prävention künftig stärker in der Lage stattfinden soll, mögliche Schadensquellen frühzeitig auszuschalten. Sein Kernpunkt ist dabei nicht nur „Abwehr“, sondern ein aktiveres Eingreifen gegen Akteure und Infrastrukturen, die Drohnenproduktion und -einsatz vorbereiten. Damit rückt das Zusammenspiel aus Cyber-Operations, Aufklärung und strategischer Wirkung in den Fokus – also genau der Bereich, der in vielen Organisationen bisher eher zwischen technischen Abteilungen und klassischer Geheimdienstarbeit aufgeteilt war.
Henrichmann ordnet diese Stoßrichtung ausdrücklich in eine Nachrichtendienstreform ein, die er „gerade … vorbereitet“. Aus seiner Sicht reicht künftig eine rein reaktive Informationssammlung nicht mehr aus. Er argumentiert mit dem Bild, dass „die beste Drohne“ die ist, die nie abhebt – weil sie dann weder Menschen in Deutschland noch kritische Ziele wie einen Flughafen konkret bedrohen kann. Technisch übersetzt heißt das: Der relevante Zeitpunkt verschiebt sich vom Moment des Angriffs auf den Vorfeldbereich, in dem Lieferketten, Fertigungsprozesse, Logistik, Testumgebungen und Cyber-Assets noch erreichbar sind, bevor ein System in einen operativen Flugzustand übergeht.
Für ein präventives Vorgehen, so Henrichmann, braucht es „operative Fähigkeiten“ der Nachrichtendienste. Zentral ist dabei sein Verweis auf den Cyber-Abwehrspruch „Keep them busy“, der im Sicherheitskontext häufig als Leitidee verstanden wird: Angreifer sollen nicht nur gestört werden, sondern in ihrer Planung und Ausführung so gebunden werden, dass sie Ressourcen verlieren und ihre Angriffe weniger zielgerichtet werden. Der Gedanke dahinter ist organisatorisch ebenso wie technisch: Wenn man den Gegner in laufenden digitalen Abläufen beschäftigt, entstehen Lücken in Timing und Koordination – und damit mehr Spielraum für Gegenmaßnahmen. Gleichzeitig deutet der Hinweis auf „Kompetenzen, die Deutschland hat“, darauf hin, dass solche Operationen nicht ausschließlich aus dem klassischen Ermittlungs- oder Auswertungsapparat entstehen, sondern auf vorhandene Fähigkeiten in Analyse, IT-Sicherheit und Netzwerkkompetenz aufbauen müssen.
Auch der Begriff „zusammenrücken“ spielt in der Einordnung eine Rolle: Henrichmann betont, Deutschland müsse „zügig … schauen: Wie bündeln wir Kapazitäten?“ Das adressiert ein wiederkehrendes Problem großer Behörden- und Sicherheitsverbünde: Fähigkeiten existieren oft in mehreren Silos, aber die Schnittstellen sind nicht automatisch so ausgelegt, dass Informationen und operative Zuständigkeiten zeitkritisch zusammenlaufen. Bei Cyber-Vorfeldoperationen ist diese Verzahnung besonders wichtig, weil sowohl die technische Kette (Erkennung → Zuordnung → Wirksamkeit) als auch die operative Kette (Entscheidung → Durchführung → Nachhalten) eng getaktet sind. Für Entscheider bedeutet das konkret, dass Reformen nicht nur Rollen definieren sollten, sondern auch Prozessarchitekturen, Zugriffskontrollen und das Zusammenspiel mit weiteren staatlichen Stellen so nachschärfen müssen, dass aus „Wissen“ tatsächlich „Handeln“ wird.
Historisch betrachtet ist der Wandel hin zu präventiver Cyber-Operations nicht neu, aber er gewinnt bei Drohnen und anderen autonomen Systemen an Dringlichkeit. Drohnen verbinden eine Vielzahl von technischen Ebenen: Kommunikations- und Navigationskomponenten, Firmware- oder Konfigurationsdaten, Trainings- und Testumgebungen sowie die logistische Bereitstellung von Baugruppen und Ersatzteilen. Genau diese Mischung macht Vorfeldmaßnahmen wirksamkeitsnah, weil sich die Wahrscheinlichkeit späterer Schadensereignisse reduziert, wenn kritische Produktions- oder Zulieferpunkte gestört werden. Für die KI-gestützte Industrie- und Cyber-Abwehr folgt daraus zudem eine praktische Konsequenz: Modelle zur Mustererkennung können helfen, Anomalien in Netzwerken oder Build- und Update-Prozessen schneller sichtbar zu machen, aber sie ersetzen nicht die operative Fähigkeit, daraus handlungsleitende Schritte abzuleiten.
Für Unternehmen, besonders für Betreiber kritischer Infrastruktur und Anbieter von Sicherheits- und Kommunikationsdiensten, verschiebt sich dadurch das Erwartungsprofil gegenüber dem Staat. Wenn Nachrichtendienste wie von Henrichmann skizziert stärker in Richtung operativer Vorfeldwirkung gehen wollen, werden Schnittstellen zur technischen Praxis noch wichtiger: Austauschformate, abgestimmte Melde- und Reaktionswege sowie klare Zuständigkeiten bei der Bewertung von Bedrohungen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von resilienten Architekturentscheidungen – etwa segmentierte Netze, nachvollziehbare Update-Prozesse und schnelle Wiederherstellbarkeit – weil präventive Maßnahmen nie vollständig „alles verhindern“ können. Stattdessen wird die Sicherheitsstrategie stärker zu einer mehrschichtigen Dynamik aus Frühwarnung, Störung potenzieller Angreiferwege und robuster Schadensbegrenzung.
Unterm Strich setzt Henrichmann auf eine Reformlogik, bei der Nachrichtendienstarbeit nicht nur Informationen sammelt, sondern sich an der Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen orientiert. Die Formulierung „vor die Welle kommen“ beschreibt dabei nicht bloß einen politischen Anspruch, sondern ein Zielbild für Priorisierung, Timing und Ressourcenzuschnitt. Entscheidend wird sein, wie schnell und wie sauber die nötigen operativen „operativen Fähigkeiten“ aufgebaut und gebündelt werden, ohne die Kontrolle und die rechtliche Einhegung aus dem Blick zu verlieren. Bis dahin bleibt offen, wie sich das Prinzip der präventiven Handlungsfähigkeit in konkrete Prozesse übersetzt, etwa entlang von Cyber-Workflows, relevanten Datenflüssen und der Abstimmung zwischen technischen Teams und strategischen Entscheidungsgremien.
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