MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Für die diesjährige Vergabe des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur wurden neun Projekte in die engere Auswahl aufgenommen. Die Finalisten setzen dabei auf Sanierung und Revitalisierung von Bestandsgebäuden, kombiniert mit Lowtech-Ansätzen und Wiederverwendung von Materialien. Die Bekanntgabe der Finalisten sowie des prämierten Projekts findet am 21. Oktober 2026 im Rahmen des Forums Nachhaltige Architektur in Mannheim statt. Die DGNB bewertet die Nominierungen als Ergebnis einer Abwägung zwischen Nutzerqualitäten, Architektur, Stadtverträglichkeit und langfristiger Wirtschaftlichkeit.

Am 21. Oktober 2026 wird in Mannheim deutlich, welche Bauprojekte in Deutschland Nachhaltigkeit nicht nur deklarieren, sondern praktisch in Planung und Ausführung übersetzen: Für die diesjährige Vergabe des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur wurden neun Vorhaben nominiert. Auffällig ist dabei der Schwerpunkt auf dem Umgang mit Bestand. Statt Neubauflächen „von der grünen Wiese“ in den Vordergrund zu stellen, konzentrieren sich viele Konzepte auf Sanierung und Revitalisierung von Gebäuden unterschiedlicher Nutzungskategorien – dort also, wo Eingriffe bereits vorhandene Substanz weiterführen und neue Lebenszyklen ermöglichen.
Die Fachjury legt laut der Ausschreibung besonderen Wert auf Lowtech-Lösungen und die Wiederverwendung von Materialien. Das ist mehr als ein Stilthema: Lowtech bedeutet in der Baupraxis meist, dass die Systeme auf robuste Funktionsprinzipien setzen, die ohne dauerhafte Hochkomplexität auskommen. In Kombination mit Materialre-use wird zudem der „graue“ Ressourcenaufwand adressiert, weil Rohstoffe weniger neu beschafft werden müssen. Der Ansatz wirkt besonders schlüssig, wenn der Eingriff eine klare Leitidee hat – etwa die Verbindung von sozialer Teilhabe mit einer baulichen Struktur, die sich über differenzierte Innen- und Außenbereiche nutztauglich erweitert.
Im Bildungs- und öffentlichen Bau finden sich dafür mehrere Beispiele. In Berlin geht der Moabiter Kinderhof als Projekt ins Rennen, weil das Kinder- und Jugendzentrum in den Baumbestand eingebunden wird: Fünf versetzte Holzkuben ergänzen den Bestand bei geringer Flächenversiegelung. Diese Art von „Zubau mit Haltung“ bleibt funktional, ohne den Standort vollständig zu überformen. In Heilbronn adressiert die Josef-Schwarz-Schule die Anforderungen dichter innerstädtischer Lagen mit einer Holz-Stahl-Hybridbauweise, die hochwertige Bildungsräume und klimaangepasste Freiflächen zusammenführt. Ergänzend zeigt ein Lowtech-Energiekonzept, wie Energiefragen im Bildungsbau in eine langfristig betreibbare Architektur übersetzt werden können.
Auch bei sicherheitsrelevanten Einrichtungen wird der Nachhaltigkeitsgedanke konkret. Der Neubau der Feuerwache Kaiserswerth in Düsseldorf soll die Vereinbarkeit von Sicherheitsarchitektur, Funktionalität und Nachhaltigkeit vorleben. Entscheidend ist hier die Material- und Bauweise: In Holz-Hybridbauweise entsteht eine Fassade aus regional wiederverwendeten Klinkern, die den sensiblen landschaftlichen Kontext respektiert. Gerade bei öffentlichen Bauten mit klaren Betriebsanforderungen zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht am Rand geplant werden muss, sondern sich in Gebäudehülle und Konstruktion widerspiegelt – vom Wechsel der Bauphasen bis hin zur Frage, wie der Betrieb über Jahre hinweg effizient bleibt.
Im Wohnungsbau sind ebenfalls drei Projekte nominiert, wobei sich ein roter Faden abzeichnet: Suffizienz, Kreislaufwirtschaft und eine belastbare Grundriss-Logik sollen zusammenkommen. In Leipzig wurde das gemeinschaftlich getragene Wohnprojekt K10 realisiert. Auf einer ehemaligen Brachfläche entstand ein energieeffizientes Lowtech-Gebäude in Holzbauweise, das Baumaterialien konsequent wiederverwendet und zugleich ein anpassungsfähiges Bausystem bereitstellt. Genau dieser Punkt ist marktrelevant, denn ein System, das sich in der Nutzungsentwicklung nachschärfen lässt, reduziert das Risiko teurer Folgeeingriffe. In Ingolstadt präsentiert das „Haus (fast) ohne Heizung“ mit 15 Wohneinheiten einen Prototyp für klimagerechten und bezahlbaren Wohnraum: Die Planung folgt dem Suffizienzgedanken und setzt auf einfache Bauprinzipien, wodurch die Rückbindung an eine langfristig wartbare Konstruktion erleichtert wird.
Ein weiteres Beispiel kommt aus München: Die energetische Sanierung und Aufstockung des 1927 erbauten „Gelben Blocks“ zeigt, wie Umbaukultur zur doppelten Innenentwicklung beitragen kann. Durch die Aufstockung um zwei Vollgeschosse wurden 45 barrierefreie Obergeschosswohnungen geschaffen. Gleichzeitig blieb der Wohnwert der 169 Bestandswohnungen erhalten, während der Mietdruck vergleichsweise moderat ausfiel. Für Entscheider in Kommunen und Wohnungsunternehmen ist dieses Modell besonders relevant, weil es die zentrale Zielkonfliktlage adressiert: mehr Wohnraum und bessere Barrierefreiheit, ohne den Charakter des Bestands zu „entkernen“ oder die wirtschaftliche Tragfähigkeit übermäßig zu belasten.
Der Blick auf diese neun nominierten Projekte macht damit auch deutlich, wie sich Nachhaltigkeit im Architekturwettbewerb weiterentwickelt: weg von einzelnen technischen Leuchttürmen, hin zu integrierten Entscheidungen über Nutzungsqualität, Ressourcenverbrauch und Lebenszykluskosten. Professor Amandus Samsøe Sattler, Präsident der DGNB und Vorsitzender der Jury, hebt dabei die Abwägung hervor, die hinter gelungenen Ergebnissen steckt. Für die Branche zählt am Ende, dass solche Konzepte nicht nur in der Visualisierung überzeugen, sondern als umsetzbare, betreibbare und finanzierbare Lösungen in reale Bau- und Sanierungsprozesse passen. Die Bekanntgabe am 21. Oktober 2026 in Mannheim wird zeigen, welches Vorhaben diese Balance am überzeugendsten auf den Punkt bringt.
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