BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Experten warnen vor einem deutlichen Anstieg von Device-Code-Phishing-Angriffen gegen Microsoft 365. Dabei werden keine Passwörter gestohlen, sondern Geräte und OAuth-/Token-Flüsse missbraucht, um Outlook-, SharePoint- und OneDrive-Zugriff zu erlangen. Allein im März 2026 sollen mehr als 340 Organisationen betroffen gewesen sein. Die Betreiber des Ansatzes vermarkten die Infrastruktur zudem als Phishing-as-a-Service, während KI den Anteil automatisierter Kampagnen weiter erhöht.

Device-Code-Phishing wird gerade von einem spezialisierten Angriffsvektor zu einem massentauglichen Geschäftsmodell: Sicherheitsforscher berichten von einer Phishing-Infrastruktur, die sich gezielt gegen Microsoft 365 richtet und selbst mehrstufige Authentifizierung umgehen kann. Der Kern liegt nicht im klassischen Passwortdiebstahl, sondern in einer Situation, in der der Nutzer aktiv eine legitime Microsoft-Anmeldeseite nutzt und dabei ein fremdes Gerät autorisiert. Laut Meldungen wurden im März 2026 über 340 Organisationen attackiert, und die Entwicklung soll sich in kurzer Zeit stark beschleunigt haben. Besonders brisant: Der Angriffsfluss setzt auf OAuth-ähnliche Token-Mechanismen, wodurch der Zugriff auf zentrale Unternehmensdaten erreichbar wird.
Technisch ist der Ansatz vor allem deshalb gefährlich, weil die Angreifer den Authentifizierungsprozess nicht „knacken“, sondern ihn in Richtung Token-Ausleitung umbiegen. In der beschriebenen Kampagne wird ein Toolkit eingesetzt, das als ARToken bekannt ist und Teil einer größeren EvilTokens-Operation sein soll. Über eine hohe Zahl an API-Endpunkten – im Bericht die Rede von „über 80“ – sollen Microsoft-365-Tokens sowie sogenannte Primary Refresh Tokens (PRTs) abgegriffen werden. Diese Tokens sind für Angreifer wertvoll, weil sie nicht nur eine einmalige Sitzung ermöglichen, sondern in der Praxis die Grundlage für wiederholte Authentifizierung bilden. Damit lassen sich Outlook, SharePoint und OneDrive dauerhaft bzw. langfristig missbrauchen, selbst wenn das unmittelbare Phishing später auffällt.
Ein wesentlicher Vergleichspunkt in der Markt-Realität ist, dass Token-gestützte Angriffe nicht nur Microsoft betreffen, aber bei Microsoft-365-Identitäten besonders hohe Systemrelevanz besitzen. Während Workspace-Umgebungen (z. B. Google) ebenfalls OAuth-ähnliche Flows und Gerätezulassungen kennen, wird die konkrete Auswirkung häufig durch die Kombination aus Breitenwirkung, API-Ökosystem und Integrationen in Unternehmensanwendungen bestimmt. Experten ordnen Device-Code-Phishing daher als eine Art „Identitäts-Bypass über Benutzerinteraktion“ ein: Die Schwachstelle liegt nicht in einem einzelnen Endpunkt, sondern im Zusammenspiel zwischen Nutzer-Aktion, Geräteautorisierung und Token-Ausgabe. Das historische Muster ist bekannt: Schon früher wurden Session-Hijacking und Consent-Phishing betrieben, jetzt rückt jedoch die Token-Ebene stärker in den Fokus.
Gleichzeitig zeigt der Bericht, wie schnell „Phishing-as-a-Service“ in professionellen Kriminellen-Ökonomien skaliert. Für die EvilTokens-Infrastruktur werden demnach eine Einrichtungsgebühr von 1.500 Euro sowie monatliche 500 Euro Abo genannt. Diese Preislogik ist strategisch wichtig: Sie senkt die Einstiegshürde, vereinheitlicht Prozesse und macht Kampagnen planbarer. Entsprechend soll die Zahl der Device-Code-Phishing-Angriffe innerhalb eines Jahres um das 37-Fache gestiegen sein. Der Markt reagiert mit verstärkter Detektion auf Token-Events, aber das Angriffsmodell verschiebt die Verantwortung: Unternehmen müssen nicht nur Anmeldeversuche erkennen, sondern auch ungewöhnliche Gerätelinks, Consent-Änderungen und Token-Wiederverwendungs-Muster. Ein Sicherheitsexperte brachte es in einem Interview sinngemäß auf den Punkt: „Wenn Angreifer nicht das Passwort brauchen, reicht klassische Passwort-Absicherung allein nicht mehr.“
Für die operative Angriffsseite spielt Künstliche Intelligenz (KI) inzwischen eine direkte Rolle bei Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Laut Meldungen stieg der Anteil KI-gesteuerter Phishing-Angriffe zwischen November und Dezember 2025 von vier auf 56 Prozent. Damit wird nicht nur Text generiert, sondern die Kampagnen werden stärker automatisiert: Zielgruppenansprache, Timing, Landing-Page-Varianten und die passgenaue Ausleitung von Authentifizierungsflows lassen sich adaptieren. Zusätzlich wird im Kontext der JadePuffer-Ransomware-Kampagne ein erstmals vollständig KI-gesteuerter Angriffszyklus beschrieben. Das ist industriepraktisch relevant, weil KI-orchestrierte Phishing-Ketten die Zeit bis zur Monetarisierung verkürzen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Erkennungsmaßnahmen im Tagesgeschäft „zu spät“ greifen.
Für den Schaden bleibt die Richtung klar: Phishing ist nicht nur ein IT-Risiko, sondern ein messbarer finanzieller Faktor. Im Bericht werden für 2025 Schäden durch Betrugsmaschen mit falschen Identitäten von rund 3,5 Milliarden Euro genannt. Im Kryptosektor sollen im ersten Quartal 2026 von insgesamt 482 Millionen Euro Verlusten 306 Millionen Euro auf Phishing entfallen sein. Damit verschiebt sich das Risiko von „Informationsdiebstahl“ hin zu unmittelbar monetarisierter Wirkung. Besonders perfide ist zudem die automatische Anpassung an das Betriebssystem: Device-Fingerprinting, also die Analyse von Bildschirmauflösung und Browserkennung, soll die Schadsoftware für Windows 11, macOS oder mobile Plattformen maßschneidern. Historisch war das ein Qualitätsmerkmal früherer Botnets; jetzt wird es in Phishing-Ketten integriert.
Auch die Angriffsbreite und die regulatorische Dimension nehmen zu. Der Bericht verweist auf eine Sicherheitslücke CVE-2026-12957 in Amazon Q Developer mit einem CVSS-Wert von 8,5, was zeigt, dass selbst Cloud- und Entwicklungsdienste verwundbar sein können. Parallel werden sogenannte „Poisoned-Tenant“-Kampagnen beschrieben, die gezielt Cybersicherheitsfirmen angreifen. Für Unternehmen heißt das: Sicherheitsprogramme, die ausschließlich Identitäts-Events überwachen, bleiben angreifbar, wenn Zugang über Supply-Chain-ähnliche Pfade oder Tooling-Ökosysteme erfolgt. Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck im Bereich Datenschutz und Compliance: Token-Diebstahl kann personenbezogene Daten, Inhalte und Nutzungsprofile in unkontrollierte Abflüsse überführen, womit je nach Rechtsraum Meldepflichten und Haftungsfragen entstehen.
In den konkreten Branchenbeispielen wird deutlich, wie stark die Social-Engineering-Schicht mit technischen Zugriffen verknüpft ist. Für das Hotelgewerbe wird eine Malware mit Tarnung als Booking-Informationen genannt, die japanische Hotels attackieren soll. Im mobilen Kontext sollen NFC-basierte Angriffe auf Android-Geräte zwischen Januar und April 2026 um 188 Prozent gestiegen sein. Und im Bereich Strafverfolgung wird von einer Festnahme eines 19-jährigen Bandenchefs in Antwerpen berichtet, der demnach über 572.000 Euro durch gefälschte Regierungsmitteilungen erbeutet haben soll. Diese Beispiele unterstreichen die Multi-Vektor-Strategie: Phishing wird mit unterschiedlichen Einstiegstoren kombiniert, während die entscheidende Zugriffsebene über Token und Berechtigungen gesteuert wird.
Der wichtigste Gegenmaßnahmen-Block ist daher weniger „mehr MFA“, sondern vor allem das Umstellen auf phishing-resistente Methoden. Experten empfehlen den Einsatz phishing-resistenter MFA-Verfahren wie FIDO2 oder Passkeys, weil diese die klassische Schwachstelle „Interaktionsübernahme“ entschärfen. Zusätzlich wird die strikte Begrenzung von Benutzerberechtigungen in Cloud-Umgebungen als zentral genannt: Wenn Token missbraucht werden, entscheidet das Least-Privilege-Prinzip darüber, wie groß der Schaden ausfällt. Für die Praxis bedeutet das auch, Konten und Rollen in Microsoft-365-Umgebungen besser zu segmentieren, Admin-Zugriffe zu isolieren und riskante Berechtigungen eng zu überwachen. In der Zukunft wird KI-gestütztes Bedrohungsmanagement damit zunehmend zur Pflicht: Unternehmen sollten Detektion, Response und Identitäts-Härtung als zusammenhängende Pipeline betreiben.
Für die Roadmap ist absehbar, dass Angreifer noch stärker auf Konsens- und Autorisierungsmechanismen setzen. Der Bericht nennt neue Techniken wie ConsentFix und ClickFix, die angeblich innerhalb von Sekunden Microsoft-365-Konten „kapern“ können – oft durch das Erwirken von Links oder Berechtigungsfreigaben. Damit steigt die Bedeutung von Sicherheitsüberwachung auf Consent-Änderungen, Geräteautorisierungen und ungewöhnlichen Token-Wiederverwendungen. Gleichzeitig wird es für Entwickler und Security-Teams relevanter, Authentifizierungs- und Token-Events systematisch zu loggen, zu korrelieren und automatisch zu reagieren. Wenn Unternehmen KI-Agenten in Arbeitsabläufe integrieren, vergrößert sich die Angriffsoberfläche – und die Angreifer sind, wie der Bericht nahelegt, bereits einen Schritt voraus. Ein wirksamer Ausblick lautet daher: Identitätstechnologien modernisieren, Berechtigungen minimieren und phish-resistente Authentisierung konsequent ausrollen.
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