NORVENICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Europas Unternehmen kippen bei Softwareentscheidungen spürbar Richtung Regionalisierung. Eine neue Erhebung zur digitalen Souveränität zeigt zugleich, dass der Wunsch nach Unabhängigkeit vor allem an Migrationskosten und fehlender Markttransparenz scheitert. Parallel planen Deutschland und Frankreich eine gemeinsame militärische KI-Plattform als Gegenentwurf zu US-Angeboten. Entscheidend wird jetzt, wie schnell Unternehmen von Cloud- und Modellabhängigkeiten wegkommen, ohne Sicherheits- und Compliance-Risiken zu verschärfen.

Die Lage in Europas Softwarelandschaft wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Während 2025 noch 47,7 Prozent der Unternehmen den Fokus auf US-Software setzten, lehnen heute 4,6 Prozent US-Lösungen ab – ein Hinweis auf die beginnende Umsteuerung, auch wenn die echte Ablösung in der Praxis langsamer läuft. In der aktuellen Studie „State of Digital Sovereignty 2026“ wird außerdem deutlich, dass Regionalisierung nicht nur ein politischer Wunsch ist, sondern bereits in den Betriebsalltag vordringt: 39,7 Prozent der Befragten befinden sich bei der Einführung europäischer Lösungen. Deutschland liegt damit knapp vor Frankreich (38,5 Prozent) und den nordischen Ländern (35,5 Prozent).
Technisch betrachtet hängt die Umsetzung digitaler Souveränität weniger an einzelnen Produkten als an der Architektur der Abhängigkeiten. Entscheidend sind dabei zwei Schwerpunkte, die die Studie klar herausarbeitet: Cybersicherheit (57,6 Prozent) und Künstliche Intelligenz (50,1 Prozent). Gerade bei KI zeigen sich typische Enterprise-Hürden: Daten müssen im gewünschten Rechtsraum verarbeitet werden, Modelle und Pipelines brauchen nachvollziehbare Berechtigungen, und die spätere Nachnutzung muss auditierbar bleiben. Gleichzeitig investieren 19,8 Prozent der Entscheider weiterhin verstärkt in US-Software – vor allem, weil geopolitische Rahmenbedingungen und vorhandene Toolchains den Wechsel bremsen.
Aus Marktsicht verschiebt sich damit der Wettbewerb zwischen Cloud- und Defence-Anbietern. Auf staatlicher Ebene treiben Deutschland und Frankreich den Schulterschluss voran: Beim deutsch-französischen Ministerrat in Norvenich wurde der Aufbau einer gemeinsamen militärischen KI-Plattform vereinbart, die als europäische Alternative zu Produkten des US-Anbieters Palantir dienen soll. Frankreich bringt dafür offenbar Arcadia ein, während Geheimdienste bereits Software von ChapsVision nutzen. Hinzu kommen gemeinsame Standards etwa beim Luftkampfsystem FCAS sowie Forschungsprogramme für MGCS. Für Unternehmen ist das indirekt relevant, weil Verteidigungs-Use-Cases häufig Standards in Richtung Industrie übertragen.
Dass die Umstellung nicht nur politisch, sondern operativ teuer ist, zeigt der Datenpunkt zu den Migrationskosten. 54,6 Prozent der Befragten halten das Ziel digitaler Unabhängigkeit bis 2035 für realistisch, doch das setzt eine saubere Übergangsstrategie voraus. In der Cloud spitzt sich das besonders zu: Laut Bitkom Cloud Report 2026 sehen 85 Prozent der Unternehmen die Abhängigkeit von US-Cloud-Providern als zu hoch an. Aktuell beziehen 71 Prozent ihre Cloud-Leistungen aus den USA. Nur 12 Prozent wären laut der Studie bereit, für eine deutsche Alternative mehr zu zahlen – ein Signal, dass Preisniveau und Betriebsrisiken gemeinsam adressiert werden müssen, sonst bleibt die Souveränität Wunschdenken.
Historisch ist der Wechsel in Wellen verlaufen: In den Jahren nach der ersten großen Cloud-Adoption standen zunächst Skalierung und Kosten im Vordergrund, später rückten Compliance und Datenlokalität stärker in den Fokus. Heute kommt KI hinzu, wodurch sich die Angriffsfläche durch Modellzugriff, Datenabflüsse und Training/Inference-Integrationen vergrößert. Genau deshalb warnt der Kontext zusätzlicher KI-Regulierungen und Cyberrisiken: Mitte Juni zeigte ein US-Exportkontroll-Erlass, dass selbst ein KI-Modellzugriff über Nacht wegbrechen kann – im konkreten Fall wurde ein Anthropic-Modell weltweit für 19 Tage gesperrt. Marktbeobachter von Forrester prognostizieren zudem, dass sich die technologische Souveränität Deutschlands nur moderat von 34 Prozent (2025) auf 36 Prozent bis 2030 erhöht.
Welche Hebel Unternehmen jetzt nutzen können, zeigt der Blick auf konkrete Projekte. Der Luftfahrtkonzern Airbus verlagert rund 900 kritische Anwendungen vom US-Anbieter AWS zum französischen Cloud-Dienstleister Scaleway, mit einem Vertrag von über 50 Millionen Euro und einer Laufzeit bis zu zehn Jahren. Auch jenseits klassischer Rechenzentren entstehen neue Angebote: Scality und OVHcloud haben Anfang Juli eine Partnerschaft für souveränen KI-Speicher auf europäischer Hardware angekündigt. Auf EU-Ebene werden diese Wege mit 180 Millionen Euro über sechs Jahre für souveräne Cloud-Dienste unterstützt. In Barcelona entsteht parallel mit MareNostrum 5 AI einer von 35 geplanten KI-Supercomputern, um die lokale Rechenleistung spürbar auszubauen.
Für die nächsten 12 bis 24 Monate dürfte sich der Wettbewerb daher in zwei Dimensionen entscheiden: erstens in der Lieferfähigkeit europäischer Plattformen und zweitens in der Verifizierbarkeit von Sicherheit und Datenflüssen. Die Studie nennt als Kernproblem, dass Europa lediglich etwa 5 Prozent der weltweiten Rechenkapazitäten stellt, während die USA auf 75 bis 80 Prozent kommen. Für IT-Leitungen heißt das: Souveränität braucht nicht nur eine andere Cloud, sondern ein Migrationsdesign inklusive Identitäts- und Rechtekonzept, Netzwerksegmentierung und lückenloser Logging-Strategie – besonders in Verbindung mit EU-Regeln wie dem EU AI Act. Wenn bis 2035 realistische Fortschritte gelingen sollen, entsteht gleichzeitig ein Marktfenster für Systemintegratoren, KI-Operations (MLOps) und Security-by-Design-Ansätze, die Toolchains modular austauschbar machen.
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