BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Test des DIW zeigt deutliche Unterschiede bei fünf großen KI-Chatbots, wenn sie mögliche Regierungskoalitionen bewerten. Während die meisten Modelle die AfD-Variante nicht ähnlich positiv einstufen, schneidet xAIs SuperGrok in mehreren Kennzahlen deutlich anders ab. Auffällig ist dabei vor allem die Quellenlage, auf die sich das jeweilige Modell stützt. Der Befund wirft Fragen auf, wie KI-gestützte Politikberatung künftig verlässlicher, transparenter und sicherer wird.

Ein scheinbar technischer Vergleich von fünf KI-Chatbots bekommt gerade eine politische Dimension: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat die Modelle darauf getestet, wie sie wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen verschiedener Regierungskoalitionen bewerten. Im Zentrum steht dabei nicht die allgemeine „KI-Güte“, sondern das Antwortverhalten unter einer politisch aufgeladenen Aufgabenstellung. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nur ein Modell – SuperGrok aus dem xAI-Umfeld von Elon Musk – eine AfD-Regierung deutlich positiver bewertet als die übrigen vier Kandidaten. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie stark Trainingswissen, Quellenwahl und Prompting die scheinbar nüchternen Empfehlungen beeinflussen.
Getestet wurden SuperGrok, ChatGPT, Claude, Copilot und das chinesische Modell DeepSeek. Die Modelle sollten die Auswirkungen unterschiedlicher Koalitionen einordnen, einschließlich der Option einer AfD-Alleinregierung. Technisch betrachtet ist das ein typisches Szenario für Large Language Models (LLMs): Sie erzeugen aus einer Mischung von erlernten Mustern, Wiedererkennung von Textbauplänen und – je nach Setup – zugänglichem Quellenmaterial eine plausible Bewertung. Der Unterschied zwischen den Modellen kann dabei aus mehreren Stellen entstehen: aus dem Modelltraining, aus Retrieval- oder Tool-Schichten, aus Antwort-Schemata und aus der Art, wie die Aufgabenstellung in politische Bewertungssprache übersetzt wird. Genau diese Kette entscheidet darüber, ob ein Ergebnis „nur“ konsistent oder auch verzerrt wirkt.
Besonders bemerkenswert ist die Quellenlage, wie sie das DIW beschreibt. SuperGrok stütze sich überwiegend auf parteinahe Dokumente und das AfD-Wahlprogramm sowie weitere Unterlagen, während die anderen Modelle vor allem auf wissenschaftliche Studien und Analysen von Forschungsinstituten zurückgriffen. Das ist aus technischer Sicht plausibel: Wenn ein Modell stärker mit politischem Primärmaterial „gefüttert“ wird, lernt oder verstärkt es die Argumentationslogik dieser Texte; wenn dagegen eher Sekundäranalysen dominieren, verschiebt sich die Bewertung hin zu konsolidierten Befunden. Branchenexperten berichten zudem, dass KI-Systeme ohne klare Transparenz über Retrieval- und Quellenpfade im Alltag schwer auditierbar sind. Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen „guter Antwort“ und „überprüfbarer Antwort“.
Auch der Marktkontext zeigt, warum solche Tests gerade jetzt Relevanz bekommen. Chatbots konkurrieren zunehmend nicht nur über Sprachqualität, sondern über Integrationen in Unternehmens-Workflows, Produktivitäts- und Assistenzfunktionen – bei Microsoft etwa über Copilot, bei OpenAI über ChatGPT und bei Anthropic über Claude. Parallel dazu versuchen Anbieter wie xAI, in bestimmten Nutzergruppen über politische oder zeitnahe Perspektiven zu punkten. Dass SuperGrok in knapp der Hälfte der betrachteten Kennzahlen AfD-Regierungen als effektiver einschätzte, während die anderen vier Modelle dies nicht taten, wäre in einem rein sachlichen Benchmark schnell „ein Ausreißer“ – gesellschaftlich wird es aber zu einem Signal. Im Gespräch mit Beobachtern heißt es deshalb, man müsse nicht nur die Inhalte bewerten, sondern auch das „Wie“ der Informationsaufnahme.
Gleichzeitig bleibt der wichtigste methodische Punkt: Aus der Untersuchung lasse sich nur das Antwortverhalten belegen, nicht zwingend eine Absicht. Das DIW deutet zwar eine mögliche politische Verzerrung als Hinweis auf, aber eine belastbare Aussage über Intention erfordert mehr als ein beobachtetes Muster. Genau deshalb ist die technische Vergleichbarkeit entscheidend: Haben alle Modelle die gleiche Aufgabenformulierung erhalten? Waren Retrieval-Quellen identisch, oder unterscheiden sich die Abrufstrategien? Solche Fragen entscheiden darüber, ob ein Ergebnis auf Bias im Modell selbst, auf Bias in den Quellen oder auf Unterschiede in der Systemarchitektur zurückgeht. Für Enterprises ist das keine akademische Debatte, sondern ein Risiko- und Compliance-Thema: Unklare Quellenpfade können in sensiblen Entscheidungen zu falschen Handlungsgrundlagen führen.
Der Befund fügt sich zudem in frühere Kontroversen rund um Grok ein. In der Vergangenheit geriet Grok bereits wegen problematischer Aussagen unter Kritik, die später entfernt worden sein sollen; zudem hatte Elon Musk angekündigt, dass sich das System künftig weniger an etablierten Medien orientieren solle. Das illustriert eine grundlegende technische Spannung: Je stärker ein System gezielt auf bestimmte Informationsquellen oder Kommunikationsstile ausgerichtet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich bestimmte politische Argumentationsmuster reproduzieren. Gleichzeitig kann Retrieval-getriebene Spezialisierung in anderen Use Cases Vorteile bringen – etwa bei Nischeninformationen oder domänenspezifischen Dokumenten. Für Unternehmen heißt das: KI-gestützte Recherche und Bewertung brauchen klare Governance, um zwischen „Kontextnutzung“ und „einseitiger Quellenverstärkung“ unterscheiden zu können.
Wie geht es jetzt weiter? Erstens werden ähnliche Tests aus der Forschung in Richtung Standardisierung drängen: Transparenz über Retrieval, Nachvollziehbarkeit von Quellen und reproduzierbare Prompts werden zu zentralen Anforderungen. Zweitens dürfte der Wettbewerb zwischen Anbietern zunehmen, die KI nicht nur „antworten“ lassen, sondern in kontrollierte Informationspipelines einbetten. Drittens steigt der Druck auf Sicherheits- und Datenschutzkonzepte, denn politische Fragestellungen sind besonders anfällig für Manipulation, Social Engineering und „Prompt Injection“ in verknüpften Systemen. Für Entwickler eröffnen sich dadurch neue Chancen: KI-gestützte Assistenz kann in der Praxis nützlich bleiben, wenn sie mit Audit-Trails, Modell- und Quellenchecks sowie einer robusten Rechte- und Datenstrategie ausgeliefert wird. Der nächste Schritt ist weniger „noch ein Modell“, sondern ein besserer, überprüfbarer Prozess.
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