LONDON (IT BOLTWISE) – Das KIcht gesicherte Drift-Protokoll hat nach einer mehrmonatigen Operation rund 280 Millionen US-Dollar verloren. Angreifer sollen sich über persönliche Kontakte als Team einer quantitativen Trading-Firma ausgegeben und eine Telegram-Gruppe aufgebaut haben. Über zwei Infektionswege und bereits vorab signierte Solana-Transaktionen gelang es ihnen, am 1. April in weniger als einer Minute umzusetzen. Der Fall wird forensisch untersucht, während das Protokoll den Betrieb zentral eingefroren und betroffene Wallets entfernt hat.

Der Verlust von etwa 280 Millionen US-Dollar beim Drift-Protokoll steht nicht nur für einen weiteren größeren Angriff im DeFi-Ökosystem, sondern auch für eine selten klar dokumentierte Kombination aus Social-Engineering, kompromittierten Entwickler-Assets und einem sehr zielgerichteten Ausführungsmechanismus auf Solana. Laut den vorliegenden Beschreibungen begann die Operation offenbar rund ein halbes Jahr zuvor, bevor sie am 1. April mit einer Ausführungsdauer von unter einer Minute die Funds abfloss. Entscheidend ist dabei nicht allein das Ausmaß, sondern die Tatsache, dass die Angreifer Zugriffspfade und Ablaufplanung über mehrere Monate hinweg aufgebaut haben – inklusive zwischenzeitlicher Onboarding-Schritte und sauberer Anmutung gegenüber den Betroffenen.
In der Darstellung wird der Kern der Vorbereitung besonders greifbar: Angreifer sollen Drift-Contributors zunächst auf Veranstaltungen angesprochen haben, dabei aber nicht wie klassische Scammer wirkten. Stattdessen traten sie als Vertreter eines quantitativen Trading-Unternehmens auf, gründeten eine Telegram-Gruppe und hielten den Kontakt anschließend über internationale Branchenevents hinweg. Die Beziehung wirkte nach Angaben des Teams konsistent, weil die Beteiligten eine hohe technische Kompetenz und überprüfbare berufliche Hintergründe mitbrachten – genau die Art von Authentizitätsmerkmalen, die für seriöse Partnerschaften in DeFi typischerweise relevant sind, etwa wenn es um Governance- und Strategieprozesse geht.
Technisch rückt der Angriff dann an zwei Stellen gleichzeitig in den Fokus: die Infektion und die spätere Freigabe. Bei einer der beiden als wahrscheinlich genannten Infektionsrouten soll ein Contributor kompromittiert worden sein, nachdem er ein vom Angreifer gestelltes Repository klonte. Das Repository habe eine Schwachstelle ausgenutzt, die in zwei weit verbreiteten Code-Editoren (VS Code und Cursor) dazu führen kann, dass beim Öffnen von Dateien oder Ordnern still und ohne sichtbaren Benutzerimpuls beliebiger Code ausgeführt werden kann. Parallel dazu beschreibt die zweite Route, dass ein weiterer Contributor durch das Installieren einer vorab freigegebenen App über Apples TestFlight auf eine vermeintliche Wallet-Lösung hereingeführt worden sein soll. Sobald die Geräte kompromittiert waren, hätten die Angreifer die nötigen Multisig-Freigaben erhalten.
Für die eigentliche Abwicklung spielt dann ein Solana-spezifisches Detail die Hauptrolle: Vorgefertigte Transaktionen, die bereits vorab signiert wurden, sollen über einen sogenannten durable-nonces-Mechanismus länger „schlafend“ gehalten worden sein, bevor sie dann am 1. April ausgeführt wurden. Dieser Ansatz reduziert das Risiko, dass die Angreifer bei einer frühen Entdeckung sofort blockiert werden, und verlagert den Erfolg stark auf die Kontrolle über Signatur- und Freigabeprozesse. Nach den Angaben erfolgte die Ausführung dann in weniger als einer Minute, was zu der beschriebenen Planung über mehrere Monate passt und zugleich erklärt, warum das kurzfristige Reaktionsfenster für das Protokoll in der Praxis so klein ist.
Bei der Zuordnung wird auf eine nordkoreanisch mit dem Staat affiliierte Gruppe verwiesen, die unter dem Namen UNC4736 sowie weiteren Tracking-Bezeichnungen geführt wird. Die Argumentation stützt sich dabei auf mehrere Indikatoren: die Übereinstimmung mit Merkmalen früherer Angriffe, Overlap bei operativen Mustern sowie die Tatsache, dass On-Chain-Fundflüsse in Wallets zurückverfolgt werden konnten, die bereits im Zusammenhang mit einem früheren großen Hack an einem anderen Protokoll aufgeführt wurden. Zusätzlich wird beschrieben, dass die Personen, die vor Ort auf Veranstaltungen aufgetreten seien, nicht nordkoreanische Staatsangehörige gewesen seien; auf diesem Niveau seien vielmehr Dritte mit vollständig ausgearbeiteten professionellen Identitäten und Beschäftigungshistorien im Einsatz. Genau dieses „Schein-Professionalität“-Prinzip ist für Sicherheits- und Fraud-Teams besonders schwer greifbar, weil es nicht nur technische Schwächen adressiert, sondern den menschlichen Prozess rund um Vertrauen und Due Diligence.
Mit dem Vorfall verknüpft ist auch eine zweite Debatte in der Szene: Ein unabhängiger Beobachter kritisiert in diesem Zusammenhang den Stablecoin-Emittenten Circle, indem er beschreibt, dass der Angreifer offenbar über sechs Stunden etwa 232 Millionen USDC von Solana nach Ethereum transferiert habe, bevor die Gelder eingefroren worden seien. Unabhängig davon, wie sich diese Vorwürfe im Detail verifizieren lassen, zeigt der Fall in jedem Fall, wie stark Angreifer versuchen, Preis- und Infrastrukturpfade zwischen Ketten zu nutzen, um Reaktionszeiten zu überbrücken. Für die Branche bedeutet das, dass die technische Absicherung von Multisigs zwar zentral bleibt, aber nicht ausreicht, wenn der Prozess zur Erlangung der Freigaben – vom Onboarding über Dokumente bis zur Geräte-/Repository-Sicherheit – gleichzeitig angreifbar ist.
Das Drift-Team beschreibt, dass alle verbleibenden Protokollfunktionen eingefroren wurden, und dass kompromittierte Wallets aus dem Multisig entfernt seien. Ergänzend wird die Einordnung vorgenommen, dass der Exploit als größter DeFi-Hack des Jahres 2026 und als zweitgrößter in der Solana-Historie nach einem großen Bridge-Angriff aus 2022 gilt. In der Praxis verschiebt sich dadurch der Fokus für Unternehmen und Entwickler: Während technische Hardening-Maßnahmen wie Signaturhygiene, Isolation von Entwicklerumgebungen und Kontrolle über Toolchain-Integrationen dringend bleiben, müssen auch Social-Engineering-Risiken entlang des gesamten Partner- und Governance-Workflows neu bewertet werden. Genau diese Spannung – zwischen sichtbarer Professionalität im Alltag und unsichtbarer Kompromittierung im Hintergrund – macht den Vorfall für die nächsten Monate zu einem Referenzfall für KI- und Security-orientierte Architekturentscheidungen im DeFi-Umfeld.
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