BERLIN – Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK zeigt, dass 69 Prozent der Menschen nach dem 50. Lebensjahr mehr gesunde Jahre durch Longevity-Maßnahmen für möglich halten. Gleichzeitig kennt nur die Hälfte den Begriff, während Zeitmangel und Kosten als Hürden genannt werden. Studien liefern derweil konkrete Stellschrauben von Taillenumfang bis Ernährungsformen wie ketogen oder DASH. Entscheidend bleibt aber offenbar die Lücke zwischen Wissen und Umsetzung im Alltag.

Wer ab 50 länger selbstbestimmt und mit guter Lebensqualität leben will, hängt laut den vorliegenden Studien stark von Alltagsentscheidungen ab. Ernährung und Bewegung gelten dabei nicht als „Nice to have“, sondern als zentrale Stellschrauben für Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-Risiken und Muskelmasse. Gleichzeitig zeichnet sich ein wiederkehrendes Muster ab: Viele Menschen unterstützen das Ziel grundsätzlich, aber die praktische Umsetzung stockt. Genau diese Spannung nimmt auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK auf, bei der zwischen dem 7. und 18. August 1.043 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren befragt wurden.
In den Ergebnissen sieht die Mehrheit Potenzial: 69 Prozent der Befragten meinen, gezielte Longevity-Maßnahmen könnten mehr gesunde Lebensjahre ermöglichen. Doch das Verständnis ist breiter als das konkrete Wissen. Nur die Hälfte kennt den Begriff Longevity, während 74 Prozent grundsätzlich bereit wären, mehr Sport zu treiben. Als Gründe, warum es nicht so schnell klappt, dominieren jedoch der Alltag: 40 Prozent nennen Zeitmangel, 22 Prozent zu hohe Kosten. DAK-Chef Andreas Storm fordert vor diesem Hintergrund mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung, weil reine Informationskampagnen offenbar nicht automatisch in Routinen münden.
Auch medizinisch lassen sich Mechanismen herleiten, warum „einfach essen wie früher“ und „sich bewegen wie früher“ mit zunehmendem Alter schlechter funktioniert. Bei Frauen erhöhen die Wechseljahre nach Angaben von Dr. Matthias Riedl das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen; parallel wird eine angepasste Ernährung und mehr Bewegung wichtig. Bei Männern sinkt demnach der Testosteronspiegel um etwa 1 Prozent pro Jahr, was wiederum Auswirkungen auf Stoffwechsel und Muskelmasse haben kann. Entsprechend verschiebt sich der Nährstoff- und Trainingsbedarf im Laufe der Jahre, statt dass es nur um „mehr Disziplin“ ginge.
Spannend ist dabei die Frage, welches Körpermaß als Warnsignal taugt. Eine US-Studie im Journal of the American Geriatrics Society relativiert die Vorstellung, es gebe ein einheitliches Idealgewicht im höheren Alter. Bei Über-65-Jährigen war ein höherer Body-Mass-Index mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden: Männer hatten bei Übergewicht ein um 46 Prozent geringeres Sterberisiko, bei Adipositas Grad I/II sogar um 51 Prozent weniger als Normalgewichtige. Entscheidend war aber nicht das reine Gewicht, sondern der Taillenumfang: Ein größerer Bauchumfang erhöhte das Sterberisiko um 24 Prozent. Als Risikoschwelle gelten dabei ab einem Taillenumfang von 80 Zentimetern bei Frauen beziehungsweise 94 Zentimetern bei Männern.
Für die Ernährung gilt zudem: Neben den Makronährstoffen spielt die soziale Komponente eine Rolle. Eine chinesische Studie aus dem Jahr 2016 mit mehr als 9.000 Frauen ab 60 Jahren zeigte, dass Alleinessen stärker mit Depressionen und Demenz assoziiert ist als das bloße Alleinleben. Eine japanische Studie aus dem Jahr 2025 ergänzt das Bild, indem sie bei Menschen, die regelmäßig allein essen, ein geringeres Gehirnvolumen beobachtete. Wenn es um Stoffwechselerkrankungen geht, nennt eine Studie der Washington University in Cell Metabolism konkrete Unterschiede: Eine ketogene Diät mit 73 Prozent Fett und 4 Prozent Kohlenhydraten verbesserte die Insulinsensitivität der Leber zwei- bis dreimal stärker als eine mediterrane oder fettarme Diät. Leberfett ging in der ketogenen Gruppe um 67 Prozent zurück, gegenüber 45 Prozent in den Vergleichsgruppen; beim Blutzucker zeigten sich 20 Prozent gegenüber 8 Prozent. Bei 7 von 14 Teilnehmern mit Prädia-betes bildete sich die Erkrankung zurück, ohne dass die Cholesterinwerte anstiegen. Für die Blutdruckkontrolle wird außerdem die DASH-Diät empfohlen: Eine US-Studie aus dem Jahr 2017 mit 74.000 Probanden ordnete bereits eine 20-prozentige Umsetzung mit einer 12-prozentigen Senkung des Sterberisikos ein.
Gesund altern bleibt damit mehr als ein Ernährungsthema. Die Daten zur „Morbiditätslücke“ zeigen, warum Prävention so dringend in den Alltag gehört: Laut einer Lancet-Studie, die den Zeitraum von 1990 bis 2023 auswertet, stieg die weltweite Lebenserwartung um 9,2 Jahre auf 73,8 Jahre, während die gesunde Lebenserwartung nur um 7,2 Jahre auf 63,1 Jahre wuchs. Die damit verbundene Morbiditätslücke legte um 21,9 Prozent zu. Für Deutschland wird berichtet, dass sich die Lücke von 10,1 Jahren (1990) auf 11,9 Jahre (2023) vergrößerte. Auch die volkswirtschaftliche Dimension wird beziffert: 2023 beliefen sich die Krankheitskosten in Deutschland auf 491,6 Milliarden Euro, wobei 53,2 Prozent auf die Altersgruppe 65 plus entfielen. Wenn außerdem immer mehr Zeit in Unwohlsein statt in Gesundheit verbracht wird, steigen die Chancen für wirksame, aber konsequent genutzte Präventionsangebote.
Ein Blick auf die medizinische Vorsorge verdeutlicht, dass ein Teil des Potenzials offenbar ungenutzt bleibt. Der Darmkrebs-Chirurg Skander Bouassida vom Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin benennt vier Grundregeln: Nichtrauchen, regelmäßige Bewegung, die Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen wie der Koloskopie ab 50 Jahren sowie die HPV-Impfung, ergänzt durch die Gewichtskontrolle. Trotzdem klaffen Zahlen und Anspruch auseinander: Nur jeder zehnte der Berechtigten nutze die Einladung zur Vorsorgeuntersuchung, lediglich 2 Prozent absolvieren das komplette Vorsorgeprogramm. Die vorliegenden Daten legen damit nahe, dass gesundes Altern nicht dem Zufall überlassen ist, sondern maßgeblich davon abhängt, wie konsequent Ernährung, Bewegung und Vorsorge zusammenwirken. Damit rückt auch für Unternehmen und Gesundheitsanbieter die Umsetzungsfrage in den Mittelpunkt: Angebote müssen sich so in den Alltag integrieren lassen, dass sie Zeitmangel und Kostenbarrieren realistisch adressieren.
Für die Praxis bedeutet das auch, dass Prävention nicht als punktuelle Maßnahme verstanden werden sollte. Mobilität, Muskelmasse und Stoffwechsel hängen zusammen; das „Abfangen“ des natürlichen Abbaus im Alter erfordert Wiederholbarkeit, nicht nur Motivation. Gleichzeitig zeigt die beobachtete Lücke zwischen Wissen und Handeln, dass Kommunikationen wie „mach heute etwas Gutes“ allein zu kurz greifen. Wer Routinen aufbaut, nutzt verlässliche Leitplanken wie Taillenumfang als metabolisches Signal, kombiniert Ernährungsstrategien je Ziel (zum Beispiel DASH bei Blutdruck, ketogen bei bestimmten Stoffwechselkennzeichen) und ergänzt sie um die konsequente Nutzung von Vorsorge. So entsteht aus verstreuten Informationen ein belastbarer Pfad zu mehr gesunden Jahren.
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