NÜRNBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Exasol hat die Prognose für das Geschäftsjahr 2026 angepasst, nachdem Bestandskunden weniger in On-Premises-Infrastrukturen investierten. Der ARR-Churn ist im ersten Halbjahr 2026 deutlich zurückgegangen und lag auf Basis der 12-months rolling churn-rate zum 30. Juni 2026 bei 10 %. Gleichzeitig belastet ein Umsatzrückgang im oberen einstelligen Prozentbereich die Erwartungen, unter anderem wegen einmaliger Hardware- und Serviceerlöse im Vorjahreszeitraum. Als Wachstumshebel nennt der Anbieter Datensouveränität und agentische KI-Workloads, die sich zwar im Neukundengeschäft positiv zeigen, aber die negativen Effekte nicht vollständig ausgleichen.

Exasol hat die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026 vor allem entlang zwei gegenläufiger Linien beschrieben: Während der ARR-Churn spürbar nachgelassen hat, blieb das Wachstum im Bestandsgeschäft hinter den Erwartungen zurück. In der Mitteilung wird das Muster relativ klar: elf Neukunden im ersten Halbjahr stehen einer geringeren Erweiterungsdynamik bei bestehenden Lizenzen gegenüber. Genau diese Mischung ist typisch für Unternehmen, die mit wiederkehrenden Umsätzen arbeiten, denn die Kennzahl Annual Recurring Revenue (ARR) reagiert oft zeitverzögert auf Investitionszyklen in der Infrastruktur. Wenn On-Premises-Hardware teurer wird, werden Budgets in der Praxis nicht sofort gestrichen, sondern in die nächste Planungsrunde verschoben – und das trifft den zweiten Umsatzhebel einer Analytics-Datenbank, der häufig über Upgrades und zusätzliche Kapazitäten erfolgt.
Technisch und wirtschaftlich greift hier ein Zusammenspiel aus Infrastrukturkosten und Datenzugriff. Exasol positioniert sich als Anbieter von Hochleistungs-Datenbanktechnologie für On-Premises- und hybride Umgebungen; damit hängt die Kaufentscheidung vieler Kunden stark an der Frage, wie schnell sich neue Workloads in bestehende Rechenzentren integrieren lassen und welche Betriebskosten dabei entstehen. Laut Exasol war die Zurückhaltung bei Bestandskunden unter anderem durch massiv gestiegene Hardwarepreise sowie eine angespannte Konjunkturlage in den Kernmärkten getrieben. Dazu kommt ein weiterer Bremsfaktor: Der Vertriebsstart einer gemeinsamen Lösung mit einem strategischen Kooperationspartner verzögerte sich wegen verspäteter technischer Integrationsarbeiten. Im Ergebnis blieb das ARR-Wachstum im ersten Halbjahr verhaltener, während gleichzeitig die Abwanderung (Churn) besser unter Kontrolle gebracht wurde.
Die Zahlen illustrieren diese Dynamik. Der ARR lag zum Ende des ersten Halbjahres 2026 bei 37,9 Mio. Euro, nach 38,1 Mio. Euro zum 30. Juni 2025. Die Ausweitung existierender Lizenzen, traditionell der größte Treiber für ARR-Wachstum, habe eine deutlich niedrigere Dynamik als erwartet gezeigt. Beim ARR-Churn ging es dagegen erkennbar voran: Das Volumen der Vertragskündigungen und -anpassungen lag in den ersten sechs Monaten 2026 bei 1,9 Mio. Euro gegenüber 8,1 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Besonders aussagekräftig ist die 12-months rolling churn-rate, die zum 30. Juni 2026 auf 10 % sank, nachdem sie zum 31. Dezember 2025 noch bei 24 % gelegen hatte. Exasol rechnet auch auf Gesamtjahressicht weiter mit einem gegenüber 2025 mehr als halbierten ARR-Churn – das deutet darauf hin, dass das Unternehmen Kündigungsdruck im Bestand reduziert hat, ohne allerdings gleichzeitig den Investitionsfokus der Kunden kurzfristig wieder anzuschieben.
Parallel dazu hat sich der Umsatz deutlich schwächer entwickelt. Exasol beziffert den Rückgang im ersten Halbjahr 2026 auf 11,6 % auf 19,0 Mio. Euro; im Vergleichszeitraum 2025 standen 21,5 Mio. Euro. Der Grund liegt im Wesentlichen im Wegfall einmaliger Umsätze mit Hardware und Services aus dem Vorjahreszeitraum: Hardware- und Serviceumsätze lagen im ersten Halbjahr 2026 bei 0,1 Mio. Euro nach 2,9 Mio. Euro im ersten Halbjahr 2025. Die wiederkehrenden Erlöse stiegen hingegen auf 18,9 Mio. Euro (H1 2025: 18,6 Mio. Euro). Auf EBITDA-Ebene nennt das Unternehmen 1,6 Mio. Euro nach 2,0 Mio. Euro im Vorjahr; auch hier verweist es auf den genannten Einmaleffekt. Die Nettoliquidität lag zum 30. Juni 2026 bei 21,6 Mio. Euro nach 18,7 Mio. Euro zum 31. Dezember 2025 – das kann dem Unternehmen kurzfristig finanziellen Spielraum geben, ändert aber nichts an der operativen Prognoseanpassung.
Vor diesem Hintergrund hat Exasol seine Erwartungen für 2026 angepasst. Gegenüber dem ARR von 38,4 Mio. Euro zum Ende 2025 erwartet der Anbieter nun eine Veränderung zwischen -2 % und +2 % bis Ende 2026; zuvor war Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich in Aussicht gestellt. Beim Umsatz erwartet Exasol einen Rückgang im oberen einstelligen Prozentbereich, nachdem man zuvor von einem Rückgang im mittleren einstelligen Bereich ausgegangen war. Das EBITDA soll in einer Bandbreite von 3,0 Mio. bis 3,5 Mio. Euro liegen, nach vorher 3 Mio. bis 4 Mio. Euro. Wichtig ist dabei die Einordnung der Ursachen: Exasol sieht den negativen Effekt nicht primär in der Technologie selbst, sondern in der Kombination aus Investitionszurückhaltung bei Bestandskunden und einem verzögerten Vertriebsstart des Kooperationsprojekts. Damit bleibt das Unternehmen zwar beim strategischen Kurs, verschiebt aber den Zeithorizont, bis sich die positive Neukundenlogik breiter in die Ergebnisentwicklung übersetzt.
Als strategischen Wachstumsanker hebt Exasol Datensouveränität und agentische KI hervor. Die Argumentation setzt bei einem praktischen Engpass an: Agentische KI in Unternehmen benötigt einen schnellen, kontrollierten Zugang zu strukturierten und kontextualisierten Daten. Exasol beschreibt, wie es diese Daten in eine analytische Umgebung integriert und transformiert, damit KI-Agenten umfangreiche Unternehmensdaten schneller und verlässlicher auswerten können – insbesondere in Umgebungen mit hohen Anforderungen an Datenhoheit, Sicherheit und Compliance. CEO Jörg Tewes bringt diesen Zusammenhang in der Mitteilung so auf den Punkt: „Agentische KI ist für uns nicht nur ein Zukunftsthema. Mit ihrer zunehmenden Verbreitung steigen Datenvolumina und Abfragevolumina erheblich – und damit die Anforderungen an Performance, Skalierbarkeit und Datensouveränität. Genau hierfür ist unsere Analytics-Datenbank ausgelegt. Eine leistungsfähige und souveräne Datenbasis ist entscheidend dafür, dass KI-Agenten zuverlässig Mehrwert schaffen. Diese strategische Ausrichtung stärkt unsere Positionierung im anziehenden Neukundengeschäft im ersten Halbjahr 2026.“ Für den Markt bedeutet das: Die Technologie kann als Enabler dienen, doch ob sich daraus im gleichen Zeitraum ein breiteres ARR-Wachstum ergibt, hängt in der Praxis weiterhin an Budgetzyklen, Integrationsaufwand und dem Tempo, mit dem Kunden ihre Dateninfrastruktur für neue Workloads öffnen.
Den weiteren Abgleich mit den Zahlen wird Exasol zeitnah liefern. Der Vorstand geht im Webcast am 19. August detailliert auf die Entwicklung des ersten Halbjahres und die Treiber der Prognoseanpassung ein. Zusätzlich kündigt das Unternehmen für den Kapitalmarkttag am 15. Oktober an, konkrete Einsatzszenarien aus agentischer KI vorzustellen und die daraus resultierenden Marktpotenziale zu erläutern. Für Entscheider in datenintensiven Organisationen bleibt unterdessen eine konkrete Frage im Raum: Wenn der Bestand zwar weniger churnt, aber dennoch weniger investiert wird, muss die Value-Story für Datensouveränität und KI-Workloads stärker in messbare Business-Effekte übersetzt werden, die den Hardware- und Integrationsaufwand rechtfertigen. Genau an dieser Stelle wird sich zeigen, ob das Neukundengeschäft im Verlauf 2026 auch die Erwartungen zur Umsatz- und Ergebnisstabilisierung wieder näher an die ursprüngliche Planung heranführt.
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