NEUSS/FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Für Deutschland bleibt die Pleitewelle nach Einschätzung von Creditreform-Ökonomen mindestens bis Mitte 2027 auf hohem Niveau. Der Leiter der Wirtschaftsforschung rechnet bis zum Jahresende mit weiter steigenden Unternehmensinsolvenzen und nennt eine Trendwende erst für 2027 als realistisch. Als Engpass wird eine Dauerkrise beschrieben, die Reserven vor allem kleinerer Unternehmen aufzehrt. Parallel bremsen hohe Energiepreise, Bürokratie sowie geopolitische Verwerfungen die Erholung.

Die Meldung über eine drohende Pleitewelle klingt zunächst nach einer klassischen Konjunkturgeschichte – tatsächlich aber berührt sie gleich mehrere Ebenen, die in der Praxis oft zeitverzögert wirken. In Deutschland ist nach Einschätzung der Wirtschaftsforschung der Auskunftei Creditreform bis mindestens Mitte 2027 nicht mit Entspannung zu rechnen. Das Besondere an der Argumentation: Es geht nicht nur um den erwarteten Verlauf einzelner Monate, sondern um einen Systemeffekt aus „Dauerkrise“ und aufgebrauchten Puffern. Wenn die Zahl der Unternehmensinsolvenzen über längere Zeiträume hoch bleibt, verschiebt sich das Problem von der Liquidität zur Struktur – also weg von kurzfristigen Finanzierungslücken hin zu dauerhaft unrentablen Geschäftsmodellen.
Konkreter wird das Bild durch den Blick auf verfügbare Zwischenstände. Für das erste Halbjahr meldete Creditreform Ende Juni mit rund 12.900 Fällen den höchsten Stand für die ersten sechs Monate seit 2013. Der Leiter der Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch, deutet außerdem an, dass der „Pleite-Höhepunkt“ noch nicht erreicht sei. Aus dieser Perspektive ist wichtig, dass Prognosen typischerweise nicht nur die Konjunktur, sondern auch die Häufigkeit und Geschwindigkeit der Insolvenzanträge abbilden: Unternehmen können zwar zeitweise handeln, doch wenn Finanzierung, Nachfrage und Kosten gleichzeitig unter Druck geraten, wird das Zeitfenster kleiner. Genau deshalb wird in solchen Szenarien die Stabilisierung häufig erst dann sichtbar, wenn sich mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig drehen.
Auch die Forschungslage stützt diese Sicht. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) beobachtete laut eigener Analyse im Juli ein „außergewöhnlich hohes Niveau“ bei Firmenpleiten. Entscheidender Punkt aus Sicht der Studie: Die lange Krise habe offenbar Reserven vieler kleinerer Unternehmen aufgebraucht. Das ist mehr als eine Formulierung – dahinter steckt die Logik von „Resilienz“ im operativen Alltag. Kleine Betriebe verfügen oft über weniger Kapitaldienstreserven und weniger Spielraum bei Absatzschwankungen, weshalb die Insolvenzquote schneller reagiert. Das IWH betont zudem, dass die „Marktbereinigung“ unvermindert anhalte und deshalb auch in den Folgemonaten mit sehr vielen Insolvenzen zu rechnen sei.
Damit wird die Ursache-Schichtung klar: Ein einzelner Treiber reicht selten aus, um eine so lange Phase auszulösen. In der Darstellung von Creditreform geraten Unternehmen in eine „Krisenzange“, die die Wirtschaft „von zwei Seiten“ packt. Auf der einen Seite stehen geopolitische Verwerfungen – im Kontext der Meldung etwa ein Iran-Krieg oder US-Zölle. Auf der anderen Seite wirken binnenwirtschaftliche Faktoren wie hohe Energiepreise und viel Bürokratie. Für die Unternehmen ist die Kombination anspruchsvoll, weil sie gleichzeitig auf die Kostenrechnung und die Planbarkeit drückt: Energiepreise und regulatorische Pflichten verändern die laufenden Ausgaben, während geopolitische Risiken Lieferketten und Absatzmärkte unberechenbarer machen. Je stärker diese beiden Seiten zusammenwirken, desto schwieriger wird es, Liquiditätsengpässe nur durch Umschichtungen im Betrieb zu überbrücken.
Die Hoffnung, die es trotzdem gibt, hängt deshalb weniger an einem einzelnen Indikator, sondern an der zeitlichen Wirkung von Investitionen. Im Laufe des Jahres dürften zwar – so die Einordnung aus der Wirtschaftslage – wieder etwas mehr Lichtblicke sichtbar sein, viele Ökonomen rechnen einen spürbaren Aufschwung aber erst ab 2027. Hintergrund: Dann sollen die Milliarden umfassenden staatlichen Impulse in Bereichen wie Straßen-, Schienen- und Verteidigungsinvestitionen ihre volle Wirkung entfalten. In der Praxis bedeutet das: Auch wenn einzelne Konjunkturdaten kurzfristig stabiler wirken, brauchen Unternehmen länger, um neue Aufträge zu gewinnen, Kapazitäten auszulasten und Finanzierungskosten zu normalisieren. Das führt dazu, dass die Insolvenzstatistik oft „hinten raus“ besonders hart reagiert – eine klassische Verzögerungslogik zwischen gesamtwirtschaftlicher Wende und Unternehmensüberleben.
Für Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen verschiebt sich damit der Fokus von kurzfristiger Schadensbegrenzung hin zu belastbarer Risikosteuerung. Wenn die Prognose bis mindestens Mitte 2027 reicht, wird die Frage nach Szenarien konkret: Welche Kostenblöcke lassen sich ohne Qualitätseinbußen senken, welche Produkte oder Kundensegmente müssen schneller restrukturiert werden, und wie stabil bleibt die eigene Working-Capital-Position, wenn Kundenbeziehungen zeitweise wackeln? In der Lieferkette wird zudem relevanter, wie sich Zahlungsverhalten verändert, sobald immer mehr Betriebe in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Gerade für Zulieferer kann das bedeuten, dass Risiken aus dem „Kundeninsolvenz-Kanal“ stärker in den eigenen Liquiditätsplan eingepreist werden müssen.
Auch die Frage nach Frühwarnsystemen bekommt in so einer Phase Gewicht. Unternehmen, die Insolvenzen nicht nur „abwartend“ verfolgen, sondern operativ datenbasiert absichern, können typischerweise besser reagieren – etwa über striktere Kreditlimits, differenzierte Zahlungsbedingungen oder eine engere Abstimmung im Forderungsmanagement. Dabei geht es nicht darum, dass Daten allein Risiken eliminieren, sondern darum, Entscheidungen schneller zu machen, bevor sich Zahlungsprobleme verfestigen. In einem Umfeld, in dem Marktbereinigung als Prozessbeschreibung „unvermindert“ weiterläuft, zählt die Geschwindigkeit: Wer zu spät reagiert, trägt häufig die Folgekosten der eigenen Untätigkeit.
Die zentrale Botschaft bleibt damit nüchtern: Eine Entspannung ist nach derzeitigem Stand nicht unmittelbar absehbar, selbst wenn die gesamtwirtschaftliche Lage einzelne Signale verbessert. Creditreform sieht eine reale Trendumkehr eher im Jahr 2027 – und wahrscheinlich erst im späteren Jahresverlauf – während das IWH die Reserve-Aufzehrung kleinerer Unternehmen als strukturelles Problem beschreibt. Für die nächsten Quartale heißt das vor allem, dass Planungshorizonte konservativ angesetzt werden sollten. Gleichzeitig entsteht für robuste Player eine Chance: Wenn schwächere Anbieter verschwinden, können stabile Unternehmen Marktanteile gewinnen – allerdings nur, wenn sie die eigene Finanzierung, Energie- und Kostenstruktur sowie die operative Resilienz rechtzeitig ausbalancieren.
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