FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EZB lässt die Leitzinsen im Euroraum vorerst unverändert und nimmt damit den Druck aus dem Bank- und Spargeschäft. Nach der ersten Erhöhung im Juni steht für viele Marktteilnehmer nun vor allem der September im Fokus, weil neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur anstehen. Treiber bleibt das Risiko höherer Energiepreise: Der Ölpreis hat durch den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten wieder die Marke von 100 US-Dollar je Barrel überschritten. EZB-Chefin Christine Lagarde verweist zugleich darauf, dass die volle Wirkung des Energieschocks auf die Teuerung noch nicht abgeschlossen ist.

Die Zinswende der EZB wirkt nach wie vor, aber der nächste Schritt fällt diesmal nicht sofort. Nach der Anhebung im Juni entscheidet sich die Europäische Zentralbank im Euroraum für eine geldpolitische Pause. Damit bleibt der für Banken und Sparer zentrale Einlagenzins bei 2,25 Prozent. Für Kreditnehmer bedeutet das zunächst eine Verschnaufpause bei den Finanzierungskosten, für Sparer stabilisiert sich die Erwartungshaltung; gleichzeitig bleibt aber das zentrale Inflationsrisiko bestehen, weil sich die Lage bei Energie und Konjunktur nicht spürbar beruhigt hat.
Im Kern geht es um die Übertragungskette von Energiepreisen in die Verbraucherpreise. Die EZB macht deutlich, dass der Energieschock noch nicht vollständig in der Inflationsrate angekommen ist. Christine Lagarde betonte nach der Sitzung in Frankfurt, die Unsicherheit sei weiterhin hoch und die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation seien noch nicht vollständig eingetreten. Genau hier setzt die Marktlogik an: Wenn Energieimporte in Europa teurer werden, schlägt das tendenziell schneller in die Teuerung durch, und zwar nicht nur an der Zapfsäule, sondern auch bei Industrie- und Transportkosten.
Die Richtung der Zinsen hängt damit eng am Ölpreis. Berichten zufolge treibt der Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Ölpreise wieder nach oben; für Brent wird dabei inzwischen mehr als 100 US-Dollar je Barrel genannt (159 Liter). Für die EZB ist das relevant, weil sie selbst bei einer bereits abgeschwächten Teuerungsdynamik weiterhin befürchtet, dass eine neue Welle der Energiepreisinflation die Fortschritte bei der Preisstabilität aushebelt. Dass der Ölpreisschub im September erneut zum Thema werden könnte, ergibt sich auch daraus, dass der EZB-Rat zu diesem Zeitpunkt neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur vorlegt.
Die bisherige Entwicklung zeigt, dass die Inflation nicht einheitlich verlief. Im Juni schwächte sich der Preisauftrieb ab: Für den Euroraum werden Verbraucherpreise von 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat genannt, nach 3,2 Prozent im Mai. In Deutschland dämpfte ein Tankrabatt den Preisauftrieb; hier fiel die Inflationsrate auf 2,3 Prozent. Für die EZB bleibt die mittelfristige Orientierung bei zwei Prozent Inflation im Euroraum zentral. Höhere Zinsen können zwar dämpfen, weil Kredite teurer werden und die Nachfrage bremst, doch eine zu aggressive Straffung kann die Wirtschaft abwürgen – ein Risiko, das besonders im aktuellen Wachstumsumfeld politisch und wirtschaftlich schwer wiegt.
Für Unternehmen, die ihre Kosten planen müssen, ist die Zinsseite deshalb nur eine von mehreren Stellschrauben. Der Bericht verweist darauf, dass viele Firmen die gestiegenen Energiekosten auf ihre Verkaufspreise umwälzen wollen. Gleichzeitig ist die Zinswirkung in der Praxis oft verzögert: Bauzinsen in Deutschland bewegen sich laut dem Geldratgeber Finanztip vergleichsweise stabil nahe der Vier-Prozent-Marke. Ein weiterer Zinsschritt bis zum Jahresende sei demnach bereits in den Bauzinsen eingepreist. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie der Markt Erwartungen vorwegnimmt: Selbst wenn die EZB heute pausiert, kann die Finanzierungslage bereits im Voraus reagieren.
Ob im September tatsächlich erhöht wird, entscheidet sich an der Kombination aus Inflationspfad und Risikoabwägung. Laut Einschätzung des Bankenverbands BVR ist das aktuelle Zinsniveau gut aufgestellt, um nicht auf jede Preisschwankung sofort reagieren zu müssen und Entwicklungen zunächst zu beobachten. Gleichzeitig wird angesichts der Lage am Persischen Golf ein Zinsschritt im September als wahrscheinlich bezeichnet. Ökonomen erwarten dem Bericht zufolge zwar weitere Zinserhöhungen im laufenden Jahr, aber keine Serienentscheidung; der Grund ist die Sorge, dass die Wirtschaft sonst stärker unter Druck gerät, als es die Inflationsbekämpfung rechtfertigt.
Für Sparer ist die Pause dagegen weniger ein Ruhepol als ein Stimmungsindikator. Der Bericht macht deutlich, dass steigende Leitzinsen nur dann ankommen, wenn Banken und Sparkassen die besseren Konditionen tatsächlich an die Kundschaft weitergeben. Nach einer Auswertung eines Vergleichsportals wurden nach der jüngsten EZB-Erhöhung im Juni bei nur rund jedem sechsten von 823 Geldhäusern in Deutschland höhere Tagesgeldzinsen weitergereicht. Insgesamt liegen Tagesgeldangebote bundesweit demnach bei durchschnittlich etwa 1,38 Prozent Zinsen; einzelne Institute werben zeitweise mit bis zu 4 Prozent. Genau diese Streuung zeigt, wie unterschiedlich schnell die Zinslandschaft bei Privatkunden ankommt – ein Faktor, der in der Debatte über die Akzeptanz steigender Zinsen häufig unterschätzt wird.
Auch wenn die EZB aktuell pausiert, bleibt der Ausblick eng getaktet. In ihrer Prognose aus dem Juni rechnet die EZB für das laufende Jahr mit einer Teuerungsrate im Euroraum von durchschnittlich 3,0 Prozent, mit Blick auf den Einfluss des Iran-Kriegs. Entscheidend ist dabei, dass die Notenbank eine neue Preiswelle wie in der Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 vermeiden will; damals geriet die Inflation in eine deutlich höhere Dynamik, und die Nachwirkungen sind bis heute sichtbar, etwa bei den Lebensmittelpreisen. Für den weiteren Verlauf dürfte daher weniger zählen, ob die EZB im Juli wartet, sondern wie klar sich bis zum September zeigt, ob der Ölpreis-Schock zusätzliche Inflationsrunden auslöst oder ob sich die Wirkung abschwächt.
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