LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Ansätze machen aus Körpergerüchen messbare Daten: Forschende untersuchen flüchtige organische Verbindungen aus Atem, Urin und Sebum als mögliche Biomarker. Besonders vielversprechend sind Muster, die Krebsarten wie Prostata- oder Blasenkrebs sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson in bestimmten Phasen erkennbar machen sollen. Für die klinische Umsetzung gilt jedoch weiterhin: Standards, robuste Signalinterpretation und belastbare Studien müssen den Weg ins Routine-Diagnostiklabor finden.

Die Idee, Krankheiten über den Geruch des Körpers zu erkennen, ist älter als viele moderne Diagnostikverfahren. Bereits Hippokrates wird in dem Bericht als Verfechter der Annahme zitiert, dass sich Erkrankungen über Körperdüfte identifizieren lassen. Heute übersetzen Forschende dieses Prinzip in Labortechnik: Sie suchen nach flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die aus Atem, Schweiß, Urin, Blut und auch aus dem Sebum der Haut austreten. Was früher als Beobachtung im Alltag galt, soll künftig als reproduzierbares Messsignal in der Medizin nutzbar werden.
Technisch starten viele Projekte mit einer anspruchsvollen Messkette. Für Atemproben werden Freiwillige etwa in kleine, im Labor gebräuchliche Kunststoffsäcke oder in spezielle Atemsammler atmen gelassen; anschließend analysieren Labore die Inhaltsstoffe mit Gaschromatographie gekoppelt an Massenspektrometrie. Andere Teams setzen auf „elektronische Nasen“: Sensorarrays, die bestimmte Moleküle oder Molekülgruppen indirekt aus dem VOC-Mix unterscheiden. Entscheidend ist dabei weniger die reine Erkennung einzelner Bestandteile, sondern das Muster über mehrere Komponenten. Denn Atemprofile schwanken: „Von Sitzen zu Liegen“ ändert sich die Zusammensetzung, auch Medikamente und Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung oder Zigarettenrauch können die Signatur verändern.
Genau diese Variabilität ist zugleich der Grund, warum neue Werkzeuge gebraucht werden. Im Bericht wird beschrieben, dass moderne Detektoren inzwischen sehr geringe Konzentrationen messen können und dass Fortschritte im Bereich Machine Learning die Auswertung solcher komplexen Molekülmischungen erleichtern. An konkreten Beispielen wird sichtbar, wie man aus Biomarker-Signalen diagnostische Klassen ableiten will: In einer Studie zur nichtinvasiven Atemanalyse vor und nach dem Entfernen von Lungentumoren wurden 16 VOCs identifiziert, die als Kandidaten für Atem-Biomarker von Lungenkrebs dienen könnten. Bei anderen Untersuchungen zu Melanomen wurden aus Biopsieproben emittierte Moleküle wie 4-Methyl-Decan als mögliche Marker diskutiert. Noch konkreter wird der Ansatz bei Urin: In einer Auswertung bei Männern mit Prostatakrebs-Verdacht deutete ein Panel aus sechs Molekülen darauf hin, dass die Erkrankung in 75 Prozent der Fälle erkannt werden konnte, mit dem Zusatznutzen, weniger falsch-positive Ergebnisse zu erzeugen als der klassische PSA-Bluttest.
Dass es den Transfer in den Markt überhaupt geben kann, zeigt der Bericht am Beispiel eines Tests für Blasenkrebs. Die Biotech-Entwicklung (im Text als TOBY bezeichnet) analysiert nicht nur einen einzelnen Biomarker, sondern Muster im Urin-VOC-Profil – die Auswertung erfolgt mit KI. Dabei wurde dem Test eine „Breakthrough Device“-Zuweisung durch die US-Aufsicht eingeräumt, die den Entwicklungs- und Zulassungsprozess beschleunigen kann; die Entwickler rechnen zudem mit einem zeitnahen Schritt Richtung Kommerzialisierung. Parallel wird an einem ähnlichen Ansatz für Alzheimer gearbeitet, der ebenfalls mit dieser schnelleren Bewertungsroute verbunden war. Für Unternehmen ist das deshalb relevant, weil es zeigt, wie stark die Kombination aus Mobilitäts- und Einfachheitsversprechen (nicht-invasiv) und datengetriebener Signalverarbeitung den Produktweg verkürzen kann.
Besonders interessant ist der Blick auf Sebum und damit auf eine zweite „Geruchsquelle“ des Körpers. Sebum entsteht in Talgdrüsen und enthält ebenfalls flüchtige Bestandteile, die sich möglicherweise mit metabolischen Veränderungen im Krankheitsverlauf verknüpfen lassen. Im Bericht wird die Entwicklung über einen persönlichen Einstieg erzählt: Joy Milne bemerkte bei ihrem Ehemann einen ungewöhnlich „holzigen“ und „moschusartigen“ Körpergeruch, der später mit einem frühen Morbus Parkinson zusammenfiel. Wissenschaftler um Perdita Barran konnten in einem Experiment zeigen, dass ein Geruchstest anhand von Kleidungsstücken zwischen Parkinson-Patienten und gesunden Personen unterscheiden kann. In der Folge suchte das Team gezielt nach einem Parkinson-Signal in Sebum-Molekülen: Aus Tausenden möglichen Verbindungen sollen etwa rund 10 Prozent als unterscheidbar markant sein, darunter auch Moleküle, die an der Fettstoffwechselkette und an der Energiegewinnung in den Mitochondrien beteiligt sind.
Für die klinische Einordnung nennt der Bericht Leistungswerte, die vor allem für die Fragestellung „Früherkennung vs. Krankheitsstadium“ entscheidend sind. Die Sebum-Signatur soll in einem Stadium, in dem Parkinson bereits gut „eingesprungen“ ist, mehr als 84 Prozent der Betroffenen korrekt identifizieren. Gleichzeitig besteht ein realistischer Weg zur früheren Erkennung: In einem 2025 beschriebenen Bericht wurde Sebum von Menschen mit REM-Schlafverhaltensstörung untersucht – einer Störung, die stark mit späteren neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Die VOC-Profile lagen dabei zwischen denen von gesunden Probanden und denen mit diagnostiziertem Parkinson. Genau an dieser Stelle verschiebt sich der Nutzen von „Diagnose nach Symptomen“ hin zu „Risikostratifizierung und frühere Interventionsfenster“ – wobei auch hier robuste Validierung in größeren Kohorten nötig bleibt.
Andere Erkrankungen profitieren potenziell von derselben Prinzipienfamilie, aber mit anderen Hürden. Bei Infektionen etwa geht es darum, Virus- und bakterielle Verläufe anhand ihrer VOC-Signaturen trennbar zu machen. Der Bericht nennt dafür Beispiele: Für Influenza wurden in einer Untersuchung mit 235 Patienten Atem-Biomarker berichtet, die eine Unterscheidung zwischen Influenza und ähnlichen Infektionen mit 78 Prozent Genauigkeit erlauben könnten. Bei Erkältungsviren soll der Zusammenhang zwischen bestimmten VOC-Konzentrationen in der Ausatemluft und der Viruslast im Nasen-Rachen-Raum erkennbar sein. Im Intensivbereich könnte das laut dem Bericht besonders wertvoll werden: Kontinuierliches Monitoring von intubierten, kritisch kranken Patienten würde frühe Hinweise liefern, etwa um eine Sepsis (bakteriell getriggert) von immunologisch geprägten Entgleisungen abzugrenzen. Gleichzeitig werden die Stolpersteine klar benannt: fehlende Standardisierung macht Ergebnisse zwischen Studien schwer vergleichbar, und es ist noch nicht vollständig verstanden, woher einzelne Biomarker im Körperstrom konkret stammen. Trotzdem bleibt die Tonalität optimistisch – nicht weil alles gelöst ist, sondern weil die Mess- und Auswertungstechniken inzwischen so weit sind, dass aus Gerüchen echte Diagnostik-Workflows werden können.
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