LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Wettbewerbsbehörde FTC hat zusammen mit Behörden aus Utah und Kalifornien Klage gegen den Telemedizinanbieter Hims & Hers eingereicht. Laut Klageschrift soll das Unternehmen Gesundheitsdaten von rund 2,5 Millionen Abonnenten ohne ausreichende Einwilligung an Meta und Snap weitergegeben haben. Parallel warnt Health-ISAC vor Vishing-Angriffen auf Single-Sign-On-Konten. Auf der Verteidigungsseite veröffentlicht CISA eine Strategie, die Betriebstechnik (OT) während laufender Angriffe besser isolieren soll.

Die aktuelle Lage in der digitalen Gesundheitsversorgung zeigt zwei Muster, die in der Praxis oft zusammen auftreten: Zum einen geraten Datenflüsse ins Visier, bei denen Tracking-Mechanismen in sensiblen Kontexten eingesetzt werden. Zum anderen steigt der Druck durch Angriffe, die nicht primär auf klassische E-Mail-Postfächer zielen, sondern auf Authentifizierungsketten wie Single Sign-on (SSO). Genau in diese Gemengelage fällt die Klage der FTC, die am 29. Juli gemeinsam mit Behörden aus Utah und Kalifornien eingereicht wurde, gerichtet gegen den Telemedizinanbieter Hims & Hers.
Laut Klageschrift soll Hims & Hers Gesundheitsdaten von etwa 2,5 Millionen Abonnenten ohne ausreichende Einwilligung an Meta und Snap übermittelt haben. Konkret nennt die Einreichung den Einsatz von Tracking-Pixeln sowie sogenannten Custom-Audience-Tools, um sensible Patientendaten an Social-Media-Plattformen weiterzugeben. Hinzu kommen laut Text der Klage Vorwürfe zu fragwürdigen Abrechnungspraktiken: Patienten sollen wiederholt vor der eigentlichen Konsultation zur Zahlung gedrängt worden sein, außerdem soll die Kündigung von Abonnements erschwert worden sein. Dass der Fall nicht unter HIPAA, sondern auf Basis des FTC-Gesetzes adressiert wurde, ist für Unternehmen besonders relevant, weil die Compliance-Logik damit nicht auf einen einzelnen Gesetzesrahmen reduziert werden kann.
Während bei Datenschutzfragen häufig technische Implementierungsdetails wie Event-Tracking, Consent-Logik und Daten-Minimierung im Vordergrund stehen, verlagert sich die Bedrohung auf Angriffswege, die sich an Identitäten festbeißen. Eine separate Warnung des Gesundheits-Analysezentrums Health-ISAC vom selben Tag macht Vishing zum Thema: Dabei versuchen Angreifer per sprachgestütztem Phishing, SSO-Zugänge zu kompromittieren. Gelingt der Zugriff, können die Angreifer in Cloud-Plattformen wie Microsoft 365 und Salesforce eindringen und anschließend sensible Daten abgreifen. In der Warnung werden zudem mehrere Gesundheitsakteure als mögliche Ziele genannt, darunter Medtronic, DentaQuest, iRhythm und OneMedical.
Aus Sicht der Sicherheitsarchitektur ist die Empfehlung, die Health-ISAC und Sicherheitsexperten betonen, klar nachvollziehbar: phishing-resistente Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) reduziert genau jene Angriffsfläche, die bei Vishing genutzt wird. Gleichzeitig wird SSO als Tier-0-Asset eingeordnet, also als System mit höchster Schutzpriorität. Technisch bedeutet das in vielen Organisationen, dass SSO nicht nur „mit MFA“ abgesichert wird, sondern auch strikter überwacht, mit besonders harten Richtlinien für Zugriff und Änderung versehen und enger an Incident-Response-Prozesse gekoppelt wird. Auch wenn klassisches Phishing weiterhin den Großteil der Vorfälle speist, steigen laut den genannten Daten die Anteile KI-gestützter Angriffe, wodurch sich Angreifer schneller an Nutzerprofile und Kommunikationsstile anpassen können.
Die wirtschaftliche Dimension macht die Priorisierung zusätzlich schwer, weil Datenverlust in der Gesundheitsbranche teuer bleibt. Eine IBM-Studie zu Datenverlustkosten beziffert die durchschnittlichen Kosten eines Leaks im Gesundheitswesen auf 6,64 Millionen Euro, trotz eines Rückgangs um 10,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Phishing bleibt dabei mit 17 Prozent der Vorfälle das häufigste Einfallstor, während KI-gestützte Angriffe dem Bericht zufolge im letzten Jahr um 56 Prozent zulegten. Konkrete Fallbeispiele aus der Ransomware-Landschaft untermauern zudem, wie schnell ein Angriff in großflächige Auswirkungen kippt: Genannt werden ein Angriff der Gruppe PEAR auf MCBS Ende September 2025 mit der Größenordnung von über 1,26 Millionen Betroffenen und 3,3 Terabyte exfiltrierten Daten sowie ein später bekannt gewordener Angriff auf NYC Health + Hospitals mit 1,8 Millionen Betroffenen.
Für die Abwehr reicht es daher nicht, nur Endpunkte und E-Mail-Flows zu härten. Die US-Cybersicherheitsbehörde CISA veröffentlichte am 29. Juli gemeinsam mit internationalen Partnern den Leitfaden „CI Fortify“, der eine sechsstufige Strategie zur Isolierung von Betriebstechnologie (OT) während aktiver Cyberangriffe beschreibt. Das Ziel ist, kritische Systeme vor Kaskadeneffekten zu schützen – ein Punkt, der besonders für Krankenhäuser und Gesundheitsdienstleister relevant wird, sobald medizinnahe IT-Systeme und technische Infrastruktur eng gekoppelt sind. Ergänzend wird auf Erkenntnisse aus einer FBI-Operation mit dem Namen „Winter SHIELD“ verwiesen: Demnach sollen 95 Prozent der Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen bekannte Schwachstellen ausnutzen, etwa fehlende Offline-Backups oder ein mangelhaftes Schwachstellenmanagement. Parallel heißt es, staatliche Akteure würden laut Geheimdienstinformationen zunehmend unabhängige Cyberkriminelle als Auftragnehmer einsetzen, was die Angriffsqualität erhöhen kann.
Am Ende bleibt aber ein Engpass, der in vielen Sicherheitsprogrammen zu spät priorisiert wird: die Erholung nach einem Vorfall. Im Text wird eine Umfrage von Health-ISAC unter 76 Sicherheitsverantwortlichen zitiert, wonach nur 22 Prozent ihre Wiederherstellungsfähigkeiten als hoch entwickelt bewerten. Genau hier lohnt sich eine Verschiebung der Budget- und Verantwortungslogik: Krankenhausvorstände sollten Geschäftskontinuitäts- und Notfallplanung explizit zur Chefsache machen, weil Wiederherstellung nicht nur ein Backup-Problem ist, sondern auch Prozess- und Kommunikationsketten betrifft. In der Kombination aus FTC-gerichteten Datenschutzvorwürfen, Vishing-SSO-Risiken und CISA-OT-Isolation entsteht damit ein sehr praktisches Bild: Wer Gesundheitsdaten schützen will, muss sowohl die Einwilligungs- und Trackingkette als auch die Identitäten und die technischen Abhängigkeiten im Betrieb gleichzeitig denken.
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