LONDON (IT BOLTWISE) – Der DIHK-Report zur Unternehmensgründung zeigt ein wachsendes Gründungsinteresse: 36 Prozent der Gründungswilligen wollen vor allem mangels Erwerbsalternativen starten. Gleichzeitig sinkt der Optimismus im Markt, denn viele Vorhaben scheitern bereits im Konzeptstadium an Finanzierung und kaufmännischer Planung. Rund 73 Prozent wünschen sich außerdem deutlich einfachere Regeln, beim Steuerrecht liegt die Forderung sogar bei 61 Prozent. Für Unternehmen und Politik rückt damit weniger „Aufbruch“ als vielmehr ein struktureller Reformbedarf bei Gründungsprozessen in den Fokus.

Die Zahl klingt nach Aufbruch, erklärt aber zugleich etwas Unangenehmes: Laut DIHK-Report „Unternehmensgründung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK)“ liegt der Anteil der Gründungsinteressierten, die ihre Entscheidung vor allem mangels Erwerbsalternativen treffen wollen, bei 36 Prozent. Damit erreicht das Motiv den höchsten Stand seit elf Jahren. Hinter dieser Kennziffer steckt jedoch eine Verschiebung im Narrativ vieler Gründungen: Es geht weniger um den geplanten Aufbau einer neuen Geschäftsidee als um die Absicherung des eigenen beruflichen Status in einer Phase, in der Transformation und konjunkturelle Schwäche für viele Beschäftigte spürbar sind.
Auch die realen Gründungszahlen liefern einen wichtigen Kontext. Für 2025 nennt der DIHK-Report einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr: mehr als 20.000 zusätzliche Firmengründungen auf gut 171.000. Gleichzeitig erinnert die Zeitreihe zwischen 2010 und 2020 daran, wie stark die Zahlen zuvor bereits über dem aktuellen Niveau lagen. In dieser Dekade bewegten sich die Gründungsvolumina im Durchschnitt um etwa 100.000 höher. Diese Gegenüberstellung ist entscheidend, weil sie zeigt: Das „Plus“ im Jahr 2025 ist zwar bemerkenswert, aber es ersetzt keinen breiten Trend zu nachhaltiger Unternehmensdynamik über mehrere Jahre hinweg.
Technisch betrachtet entsteht das Bild nicht aus einer einzelnen Befragung, sondern aus einer Kombination von Beratungserfahrung und Kontaktmaterial. Grundlage sind Erfahrungsberichte von rund 350 IHK-Existenzgründerberatern aus 79 Industrie- und Handelskammern. Dazu kommt eine Auswertung zum IHK-Gründungsservice. Der Report basiert auf einer Befragung der Experten im Frühjahr 2026 und stützt die Ergebnisse zusätzlich auf rund 200.000 Kontakte mit angehenden Unternehmern aus Einstiegsgesprächen, Beratungen, Gründungsveranstaltungen und Gründertagen. In Summe wirkt das wie eine Mischung aus qualitativer Feldbeobachtung und quantitativer Auswertung – mit dem Vorteil, dass die Aussagen dort ansetzen, wo Gründungen praktisch scheitern oder konkreter werden: im Gespräch, im Konzept und in der Durchrechnung der Tragfähigkeit.
Für die inhaltliche Interpretation ist vor allem die Motivationserhebung relevant. In den Beratungsgesprächen spiele der Wunsch nach Selbstständigkeit zwar weiterhin eine Rolle – aber die Sorge um die berufliche Zukunft werde laut DIHK-Report bei einem wachsenden Teil der Interessierten wichtiger. Das DIHK-Umfeld beschreibt diese Lage als eher „Ausweichstrategie“ denn als klaren Plan, neue Marktchancen zu erschließen. Deutlich wird das auch über die zweite Beobachtung der Berater: Bei einem wachsenden Anteil der vorgelegten Geschäftskonzepte sehen sie Defizite, insbesondere bei Finanzierung und kaufmännischer Planung. Das heißt: Nicht die Idee allein bleibt zurück, sondern die Umsetzung in ein belastbares Zahlen- und Finanzierungsmodell. Damit verschiebt sich die Diskussion in Richtung der Hürden, die viele Gründer bereits vor dem Markteintritt bremsen.
Die Hürden werden im Report sehr konkret benannt. Bürokratische Regeln und das Steuerrecht gelten als besonders steil. 73 Prozent der Gründer wünschten sich einfachere Regeln; damit rangiert das Thema auf Platz eins. Platz zwei belegt ein einfacheres Steuerrecht, das 61 Prozent der Gründer einfordern. Diese Priorisierung ist mehr als ein Stimmungsbild: Sie deutet darauf hin, dass sich Zeit und Ressourcen in der Frühphase häufig nicht auf Produkt, Vertrieb oder Kundenvalidierung konzentrieren lassen, sondern auf die Navigation durch formale Anforderungen. Für die Gründungsberatung heißt das zugleich, dass die Nachfrage nach strukturierten Hilfestellungen – von Finanzierungsplanung über Liquiditätslogik bis zu steuerlichen Grundsatzfragen – weiter steigt.
DIHK-Präsident Peter Adrian ordnet das Gesamtbild entsprechend ein: Der Report zeige ein steigendes Gründungsinteresse, aber keinen breiten unternehmerischen Aufbruch. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig für die Einordnung in die Wirtschaftspolitik. Wenn Gründungen stark durch Arbeitsmarktängste motiviert sind, steigt zwar die Zahl der Initiativen, doch die Ausfallquote kann sich erhöhen, weil Risiko- und Planungsqualität nicht automatisch mit dem Startwillen wächst. Genau hier setzen die Beobachtungen der IHK-Berater an. Gleichzeitig wirft das Fragen für den Markt auf: Wie gelingt es, aus „Reaktionsgründungen“ wieder echte Gründungen mit eigener Wachstumsdynamik zu machen? Für Startups und bestehende kleine Unternehmen bedeutet das vor allem, dass Förder- und Beratungsangebote ihre Wirkung stärker an der Finanzierung und der kaufmännischen Planung messen müssen, nicht nur an der Anzahl geführter Erstgespräche.
Für die nächsten Monate lässt sich daraus eine pragmatische Konsequenz ableiten: Der Fokus sollte weniger auf allgemeinen Kampagnen liegen und stärker auf der „Übersetzung“ zwischen Idee und belastbarer Umsetzung. Wenn Finanzierung und Planung in den Konzepten systematisch schwächer ausfallen, helfen bessere Templates, verbindliche Coaching-Pfade und klarere Standards in der Gründungsvorbereitung – etwa bei der Herleitung von Kostenstrukturen, bei Szenarien für die Liquidität und bei der Nachvollziehbarkeit der Umsatzannahmen. Auch die Forderung nach vereinfachten Regeln und einem leichteren Steuerrecht adressiert genau diese Engstellen. Entscheidend ist dabei, dass Vereinfachung nicht bedeutet, Risiken zu verstecken, sondern die Komplexität so zu reduzieren, dass Gründer früher zu tragfähigen Entscheidungen kommen.
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