SHANGHAI / LONDON (IT BOLTWISE) – iSOFT stellt auf der AUTOSAR Open Conference sein Betriebssystem für intelligentes Fahren als globale Code-Basis bereit und positioniert AUTOSAR CAPI als „Code-First“-Schritt hin zum softwaredefinierten Fahrzeug. Das Projekt soll Entwicklungskosten senken, den Abgleich zwischen Chip-, Software- und Fahrzeugschichten beschleunigen und gleichzeitig Sicherheits- sowie Performance-Anforderungen der Automobilindustrie adressieren. Branchenvertreter ordnen die Initiative als Reaktion auf kurze Feedback-Zyklen und eine beschleunigte Open-Source-Akzeptanz im Automotive-Software-Stack ein.

Auf der 17. AUTOSAR Open Conference (AOC) in Shanghai hat iSOFT ein Betriebssystem für intelligentes Fahren als globale Code-Basis im Kontext der AUTOSAR Common Adaptive Platform Implementation (CAPI) vorgestellt. Damit verschiebt sich das Narrativ in einem Markt, der bisher stark auf „Standard-First“ gesetzt hatte, hin zu einem „Code-First“-Ansatz, bei dem die gemeinsame Implementierung und die schnelle Iteration im Vordergrund stehen. Für Unternehmen in der Automobilsoftware-Entwicklung ist das vor allem deshalb relevant, weil sich Zyklen für Konzept, Integration und Validierung immer stärker an den Tempo-Anforderungen moderner Serien- und Over-the-Air-Programme orientieren.
Technisch adressiert iSOFT dabei den Anspruch, eine gemeinsame Basissoftware so bereitzustellen, dass sie über verschiedene Fahrzeugplattformen und Lieferketten hinweg nutzbar bleibt. Die Kerngedanken von CAPI zielen darauf, die Lücke zwischen der Basisebene (Basic Software und Middleware) und den darüberliegenden Applikations- und Service-Schichten zu verringern. In der Praxis bedeutet das: Wenn Chip-Anbieter, Tooling-Ökosysteme und Fahrzeug-OEMs auf derselben Codegrundlage arbeiten, sinken die Reibungen bei Schnittstellen und Übersetzungslogik, die sonst in jeder Plattform-Generation neu entstehen. iSOFT positioniert sein serienerprobtes Middleware-Umfeld als ein Bindeglied für diesen Austausch.
Der Schritt wird explizit als Open-Source-Ökosystem rahmt. iSOFT argumentiert, Open Source ermögliche Zusammenarbeit, müsse jedoch zwingend die Automobilanforderungen an Sicherheit, Performance und die Integrität der Softwarekette erfüllen. Für die Umsetzung ist dieser Spagat entscheidend: Open Source beschleunigt zwar die Entwicklung, erzeugt aber ohne klare Governance auch Risiken durch unkontrollierte Änderungen, unklare Abhängigkeiten oder schwer nachvollziehbare Build-Artefakte. Daher liegt die betriebliche Bedeutung weniger in der reinen Veröffentlichung von Code, sondern in der Definition von Versionierung, der Pflege von Referenzimplementierungen sowie in einem konsistenten Verfahren für Security-Updates über Lebenszyklen hinweg.
Als Impuls für den Markt wurde besonders die Rolle Chinas betont. Laut Angaben aus dem AUTOSAR-Umfeld ist der chinesische Fahrzeugmarkt mit rund 30 Millionen Einheiten pro Jahr der größte weltweit; Beobachter verfolgen damit, wie in China entstehende Technologien in internationale Standards einfließen. iSOFT verweist auf verkürzte Feedback-Zyklen, die es erlauben sollen, Spezifikationen und Code parallel weiterzuentwickeln. Das erinnert an frühere Versuche, die Automotive-Software-Basis zu vereinheitlichen, etwa durch die zunehmende Modularisierung und die Standardisierung von Kommunikations- und Abstraktionsschichten. Neu ist jedoch der Fokus auf eine schnellere, codegetriebene Konvergenz, die die typische „Spezifikation folgt Implementierung“-Asymmetrie reduzieren soll.
Aus Wettbewerbersicht ist die Verbindung zu Infineon besonders relevant. Patrick Will, Head of SW Product Marketing & Management bei Infineon, ordnet den Wandel als Beschleunigung des Open-Source-Trends ein und nennt als Ziel die Optimierung von Softwareentwicklungsprozessen. Gleichzeitig wird eine praktische Brücke geschlagen: Infineons DRIVECORE-Plattform integriere die iSOFT-Middleware mit Software- und Hardware-Schichten von Infineon, sodass Projekte schneller starten können, ohne auf Lizenzhindernisse zu stoßen. Für viele Enterprise-Software-Teams ist das der entscheidende Unterschied zwischen „Open Source als Strategie“ und „Open Source als integrierbarer Liefermechanismus“: Erst die verlässliche Toolchain-Integration reduziert Time-to-Prototype und senkt damit die Gesamtkosten der Softwareentwicklung.
Auch aus Sicht eines Fahrzeugherstellers wird der Nutzen konkretisiert. Yu Peng vom XPENG Technical Center beschreibt CAPI als Hebel für drei Punkte: geringere redundante Kosten, verbesserte Sicherheit in der Lieferkette und beschleunigte Zusammenarbeit im Ökosystem. Besonders interessant ist das Argument, dass CAPI ein strukturelles Spannungsfeld löst, das entsteht, wenn die Basissoftware langsamer vorankommt als die oberen Schichten, die Applikationen häufig bereits in Wochen aktualisieren. Dieser Effekt ist in der Praxis bei komplexen E/E-Architekturen mit vielen Komponenten bekannt: Ohne harmonisierte Abhängigkeiten müssen Teams entweder warten oder mit Zwischenlösungen leben, die später schwer konsolidierbar werden.
Mit Blick auf die technische Foundation lässt sich CAPI zudem als Versuch interpretieren, eine stabilere „gemeinsame Grundlage“ für die Entwicklung zwischen mehreren Akteursgruppen zu schaffen: Chip-Anbieter, Softwarehersteller und Fahrzeughersteller sollen auf derselben Basis kooperieren können. Das ist im Kontext des softwaredefinierten Fahrzeugs (SDV) ein strategischer Drehpunkt. Während frühere Standardisierungswellen vor allem Schnittstellen beschrieben, verschiebt CAPI den Schwerpunkt auf gemeinsame Implementierungsdetails, die messbar die Integrationsaufwände beeinflussen. In der Architekturarbeit heißt das: Tests, Modell-zu-Code-Übergaben und Middleware-Anpassungen können stärker automatisiert werden, weil weniger Interpretationsspielraum zwischen den Beteiligten bleibt.
Gleichzeitig müssen Security- und Regulierungsanforderungen von Anfang an mitgedacht werden, gerade wenn Code zur Kooperation geöffnet wird. Für Unternehmen bedeutet das, dass sie nachweisbare Prozesse für Schwachstellenmanagement, Build-Reproduzierbarkeit und das Absichern der Softwarelieferkette etablieren müssen. In Europa kommt dabei typischerweise die Cybersecurity-Regulierung nach UNECE WP.29 (z. B. UN R155/156) ins Spiel, während für funktionale Sicherheit Rahmen wie ISO 26262 weiterhin gelten. Ergänzend wirkt Datenschutz, insbesondere wenn Telemetrie oder Fahrzeugnutzungsdaten in die Entwicklung oder das Monitoring fließen. Open-Source-basierte Code-Basen sind damit nur dann skalierbar, wenn sie mit klaren Compliance- und Audit-Fähigkeiten kombiniert werden.
Für die nächsten Schritte zeichnet sich ab, dass die Initiative vor allem die Entwicklerproduktivität in Richtung „plattformentkopplung“ treiben kann. Wenn eine gemeinsame Code-Basis wirklich über mehrere Fahrzeugmodelle und Plattformgenerationen hinweg genutzt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Tooling und CI/CD-Pipelines im Automotive-Umfeld enger standardisiert werden. Das eröffnet Chancen für Systemhäuser und Middleware-Integratoren, ihre Differenzierung stärker in den Applikations- und Service-Schichten anzusiedeln, statt ständig neue Basis-Anpassungen zu implementieren. Gleichzeitig erhöht sich der Druck, die Governance im Ökosystem sauber zu organisieren, damit Sicherheits- und Performance-Profile über Releases hinweg stabil bleiben.
In Summe positioniert iSOFT die CAPI-Strategie als zentralen Baustein für eine globale Entwicklung im SDV-Zeitalter. Die Kombination aus Open-Source-Grundlage, integrierbarer Hardware-Software-Kette über Infineon-Ansätze und der argumentierten Lieferketten-Sicherheit adressiert genau jene Engpässe, die in der Praxis die Skalierung von Fahrzeugsoftware bremsen. Für Entscheider ist dabei die Frage weniger, ob Open Source „gewollt“ ist, sondern ob ein konkreter Implementierungsstandard die Engineering-Kosten messbar reduziert und gleichzeitig die Sicherheits- und Compliance-Anforderungen erfüllt. Wenn der Ökosystem-Ansatz trägt, dürfte der nächste Innovationsschub in der Fahrzeugentwicklung weniger an einzelnen Features hängen, sondern an der Geschwindigkeit, mit der Teams Updates konsistent integrieren können.
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