NASHVILLE, TENN. / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus Finnland verknüpft höheren Kaffeekonsum mit messbaren Unterschieden bei Körperzusammensetzung und Stoffwechselmarkern. Besonders bei Männern steigt demnach das Gesamt-Testosteron mit der Kaffeezufuhr, gleichzeitig sinkt jedoch das freie Testosteron. Der Zusammenhang wirkt zudem komplex über SHBG, Insulinwerte und Aminosäuren. Entscheidend: Die Untersuchung beweist keine Ursache, sondern zeigt vor allem Assoziationen.

Ein alltägliches Ritual wird in dieser Woche überraschend biologisch: In einer Studie aus Finnland taucht Kaffee nicht nur als Getränk am Morgen auf, sondern als Faktor, der mit Hormonen, Körperfett und Stoffwechselwerten zusammenhängt. Untersucht wurden 2.264 Erwachsene aus der „Northern Finland Birth Cohort 1966“, die im Jahr 2012 mit 46 Jahren Gesundheitsdaten bereitstellten. Veröffentlicht wurde die Arbeit in der European Journal of Nutrition, und sie nutzt dabei nicht nur klassische Blutwerte, sondern auch sehr viele lipid- und metabolomnahe Messgrößen aus Blutproben. Damit adressiert die Studie genau die Frage, ob sich in einem normalen Lebensalltag Muster finden lassen, die über „Wachmacher“ hinausgehen.
Der Teil, der zunächst am wenigsten nach „Hormonthema“ klingt, betrifft die Körperkomposition. Die Forschenden teilten die Teilnehmenden anhand ihres üblichen Kaffeekonsums in vier Gruppen ein: keine Kaffeetrinker, 1–2 Tassen pro Tag, 3–4 Tassen pro Tag sowie 5 oder mehr Tassen pro Tag. Bemerkenswert ist dabei, dass nur 70 von 2.264 angaben, gar keinen Kaffee zu trinken; der Rest tranken demnach regelmäßig Kaffee. In den Gruppen mit höherem Konsum zeigten sich im Durchschnitt niedrigere Körperfettanteile, weniger Fettmasse insgesamt und weniger viszerales Fett. Gleichzeitig stieg die Skelettmuskelmasse an. Der BMI blieb dagegen über die Kaffeegruppen hinweg ähnlich – das ist wichtig, weil „leichter“ nicht automatisch „anders zusammengesetzt“ bedeutet. Genau dieses „anders zusammengesetzt“ sticht hervor: weniger Fett, mehr Muskel, bei vergleichbarer Körpergröße und Gewicht.
Dann wird es für viele Leserinnen und Leser interessant: die Geschlechtshormone. Bei Männern beobachteten die Forschenden, dass das Gesamt-Testosteron mit zunehmender Kaffeeaufnahme tendenziell steigt. Verglichen mit Männern, die keinen Kaffee tranken, lagen jene mit moderatem und hohem Konsum beim Gesamt-Testosteron signifikant höher. Nach einer Anpassung der Analyse für mögliche Störfaktoren – genannt werden unter anderem BMI, Bildung, Rauchen, körperliche Aktivität und Alkoholkonsum – blieb die Assoziation bestehen. Konkret war pro zusätzlicher Tasse pro Tag eine Zunahme des Gesamt-Testosterons um etwa 0,29 Nanomol pro Liter mit der Kaffeezufuhr verbunden. Doch hier kommt der entscheidende „Aber“-Punkt, denn die Studie berichtet nicht nur von einem Testosteronanstieg, sondern auch von Verschiebungen in Richtung Bindung und „frei verfügbarem“ Hormon.
Dieser Mechanismus spielt sich über SHBG ab, das Sexualhormon-bindende Globulin. Die Forschenden fanden bei höherem Kaffeekonsum bei Männern ein höheres SHBG und zugleich niedrigeres freies Testosteron sowie niedrigere Werte des Free Androgen Index. Für die Interpretation bedeutet das: Gesamt-Testosteron und freies Testosteron sind nicht dasselbe. SHBG bindet einen Teil der Sexualhormone im Blut; wenn SHBG steigt, kann ein größerer Anteil „gebunden“ vorliegen, während das tatsächlich bioverfügbare, freie Testosteron relativ sinkt. Die Autoren beschreiben den Befund deshalb nicht als einfache Gleichung „Kaffee = mehr Testosteron“, sondern als breiteres hormonelles Muster, das für die metabolische Gesundheit relevant sein könnte. Bei Frauen zeigte sich zudem kein identischer Effekt: Dort blieb die Assoziation für Gesamt- und bioverfügbares Testosteron aus, während SHBG und freies Testosteron zwar ähnliche Richtungen andeuten, aber das Gesamtbild sex-spezifisch ausfiel.
Auch jenseits der Sexualhormone liefert die Studie Ansatzpunkte für metabolische Zusammenhänge – vor allem bei Männern. Wer mehr Kaffee trank, zeigte in den Daten günstigere Werte im Glukose-Insulin-Profil: niedrigere Nüchterninsulin-Spiegel, niedrigere Insulinwerte während Glukose-Tests und bessere Kennzahlen zur Insulinresistenz, einschließlich einer höheren Insulinsensitivität. Zusätzlich berichteten die Forschenden über niedrigere Konzentrationen mehrerer verzweigtkettiger Aminosäuren (BCAAs) – insbesondere Leucin, Isoleucin und Valin. Da BCAAs in der Stoffwechselregulation eine Rolle spielen und in früheren Arbeiten mit Insulinresistenz und metabolischen Erkrankungen in Verbindung standen, wirkt das wie ein konsistentes Storyline-Puzzle. Allerdings gilt auch hier: Die Studie belegt keine Kausalität. Sie zeigt nur, dass Menschen mit höherem Kaffeekonsum in diesem Datensatz niedrigere BCAAs und bessere Insulinmarker aufwiesen.
So bedeutsam die Muster klingen, die wichtigste Limitation bleibt methodisch: Die Untersuchung ist querschnittsbasiert. Das heißt, sie betrachtet Gewohnheiten und Messwerte zu einem Zeitpunkt. Dadurch kann die Studie Beziehungen identifizieren, aber nicht entscheiden, was Ursache und was Folge ist. Sie kann etwa nicht beweisen, dass Kaffee direkt zu weniger Körperfett oder zu dem beschriebenen Hormonprofil führt – ebenso ist denkbar, dass Menschen mit bestimmten Ernährungs- oder Lebensstilen häufiger Kaffee trinken und andere Faktoren die Unterschiede erklären. Dazu kommt, dass die Angaben zum Kaffeekonsum auf Selbstauskünften beruhen: Es fehlten Details zu Portionsgröße, Brühmethode, Bohnenart oder Zusätzen wie Milch oder Zucker. Ebenso lässt sich aus dieser Datenlage nicht sicher ableiten, ob Koffein selbst – oder andere Inhaltsstoffe im Kaffee – die beobachteten Assoziationen treiben. Für eine fundierte Empfehlung fehlen damit die kontrollierten Interventionsdaten.
Was folgt daraus für die Praxis? Die Studie legt kein „ideal“ fest, das man blind ansteuern sollte. Stattdessen liefern die Ergebnisse evidenzbasierte Hinweise, dass gewohnheitsmäßiger Kaffeekonsum mit einem bestimmten Zusammenspiel aus Hormonen und Stoffwechselmarkern verknüpft sein kann, insbesondere bei Männern. Genau hier setzt der nächste Forschungsschritt an: Langzeitstudien und kontrollierte Experimente sollen klären, ob Kaffee selbst diese Veränderungen tatsächlich verursacht und welche Bestandteile – Koffein oder weitere Kaffeeinhaltsstoffe – den Effekt erklären könnten. Für Entscheiderinnen und Entscheider im Gesundheits- und Ernährungsumfeld ist die Botschaft daher weniger „Kaffee steigert Testosteron“ und mehr „Kaffee steht möglicherweise im Kontext einer metabolisch vorteilhafteren Biomarker-Konstellation“. Und das ist eine Nuance, die in der Kommunikation zählt – weil sie die Erwartungen sauber von der Kausalität trennt.
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