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BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Linke-Landesvorsitzende Kerstin Wolter weist Vorwürfe des Antisemitismus und einer überzogenen Israel-Kritik gegen ihre Partei zurück. Auf einem Landesparteitag in Berlin-Lichtenberg argumentiert sie, dass die Verurteilung von Völkerrechtsverbrechen in Gaza nicht zur Gleichsetzung mit Antisemitismus führen dürfe. Sie betont zudem die „besondere Verantwortung“ für den Schutz jüdischen Lebens in einer Stadt, in der die Schoah geplant und exekutiert worden sei. Abschließend stellt sie klar, dass Gewalt gegen Zivilisten aus ihrer Perspektive nicht mit einer Friedensbewegung vereinbar ist.

Kerstin Wolter weist Antisemitismusvorwürfe zurück: Schutz Israels und Rechte der Palästinenser
Kerstin Wolter weist Antisemitismusvorwürfe zurück: Schutz Israels und Rechte der Palästinenser (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Konflikt, der sich in der politischen Debatte um Antisemitismusvorwürfe und Israel-Kritik zuspitzt, steht selten isoliert da. Bei der Berliner Linke-Landesvorsitzenden Kerstin Wolter verdichtet sich die Auseinandersetzung zu einer Kernfrage: Wie lässt sich eine Position zu Gaza und zu mutmaßlichen Völkerrechtsverletzungen vertreten, ohne in der eigenen Organisation den Vorwurf des Antisemitismus zu befördern? Wolter stellt diese Verknüpfung in den Mittelpunkt ihrer Zurückweisung und verweist auf den moralischen und rechtlichen Maßstab, der nach ihrer Darstellung zwischen legitimer Kritik und menschenfeindlicher Haltung trennen muss. Ihr Argumentationsgang setzt dabei bewusst am Ausgangspunkt der Vorwürfe an: Sie sagt, die Linke verurteile den Genozid in Gaza, werde deshalb aber als antisemitisch etikettiert.

Technisch betrachtet wirkt so eine Debatte wie ein „Bias-Transfer“ zwischen Diskursen: Eine Aussage wird nicht nur inhaltlich bewertet, sondern in einer Erzählkette eingeordnet, die Vorannahmen übernimmt. Wolters Formulierung zielt genau darauf, diese Kette zu unterbrechen. „Aber gegen Völkerrechtsverbrechen einzustehen, ist kein Verbrechen“, sagt sie auf einem Landesparteitag in Berlin-Lichtenberg. Für ihre Partei bedeutet das: Positionen zur Kriegssituation werden als Rechts- und Menschenrechtsfragen gerahmt, nicht als Projekt gegen eine Bevölkerungsgruppe. Auch der nächste Satz setzt einen klaren Kontrapunkt: „Es wäre ein Verbrechen, es nicht zu tun.“ Gerade diese Gegenüberstellung ist politisch wirkungsvoll, weil sie das moralische Minimum als Referenz festlegt und den Vorwurf des Antisemitismus dadurch als Fehlinterpretation erscheinen lässt.

Darüber hinaus verschiebt Wolter die Debatte weg von der tagesaktuellen Konfliktlage und hin zu einem historisch aufgeladenen Berliner Bezug. Sie betont, die deutsche Geschichte dürfe nicht vergessen werden, und verknüpft daraus eine Pflichtenkaskade: Für eine Linke in Berlin heiße das, „dass wir eine besondere Verantwortung für den Schutz jüdischen Lebens tragen“. Besonders pointiert ist ihre Erinnerung daran, dass Berlin als Stadt, in der die Schoah geplant und von der aus sie exerziert wurde, eine besondere moralische Last trage. In diesem Rahmen leitet sie das Existenzrecht Israels nicht nur aus politischen Erwägungen ab, sondern aus dem Grauen, das ihrer Argumentation zufolge in unmittelbarer Nähe zum Ort des Geschehens steht. Der Kern ist dabei nicht „Israel um jeden Preis“, sondern Schutzlogik: Israel sei Schutzraum für Jüdinnen und Juden, und aus dieser Schutzfunktion folgt für Wolter die Verantwortung, das Existenzrecht anzuerkennen.

Für die politische Praxis wird damit eine zweite Spannung sichtbar: Wie hält man zugleich das Existenzrecht Israels und das Recht auf einen eigenen Staat für Palästinenserinnen und Palästinenser zusammen? Wolter antwortet darauf mit einer ausdrücklich formulierten Zurückweisung eines vermeintlichen Widerspruchs. Sie sagt, es sei „kein Widerspruch“, für das Existenzrecht Israels einzustehen und zugleich für das Recht der Palästinenserinnen und Palästinenser auf einen eigenen Staat zu streiten. Genau an dieser Stelle zeigt sich, wie stark die Diskussion um Sprache, Deutung und Handlungsmotive wird. In vielen Organisationen entsteht der Antisemitismusvorwurf nicht aus einer einzelnen Aussage, sondern aus dem Eindruck, dass bestimmte Positionen systematisch ein Narrativ stützen, das Menschen abwertet oder aus der politischen Gemeinschaft ausschließt. Wolters Gegenmodell versucht, politische Rechte als Gleichrangige zu behandeln und damit die Interpretation zu begrenzen, man könne Israel-Kritik pauschal mit antijüdischen Zuschreibungen gleichsetzen.

Gleichzeitig legt Wolter die Messlatte nicht nur für symbolische Positionen, sondern auch für das Verhalten in Konfliktsituationen an. Sie richtet sich gegen die Vorstellung, man könne als „Trittbrettfahrer der Palästina-Solidaritätsbewegung“ Gewalt und Terror gegen Zivilisten legitimieren. Diese Passage ist ein scharfer Grenzmarker, weil sie Verantwortung nicht bei der abstrakten Ideologie belässt, sondern bei der konkreten Praxis, die aus einer Bewegung heraus legitimiert oder abgelehnt wird. Wolter sagt, wer so handle, werde aus der Bewegung für Frieden und gleiche Rechte ausgeschlossen. Damit verbindet sie moralische Sprache mit organisatorischer Konsequenz: Wer das Menschen- und Völkerrecht „mit Füßen tritt“, habe in einer Friedensbewegung nichts zu suchen. Für den Umgang innerhalb der Partei ist das mehr als Rhetorik, denn es verspricht ein Regelwerk für den Umgang mit abweichenden oder eskalierenden Positionen.

Auf die Debatte in der Gesellschaft wirkt dieses Vorgehen wie ein Versuch, die innere Kohärenz der politischen Linie zu stabilisieren: Sie setzt auf eine juristisch-moralische Trias aus Menschenrecht, Völkerrecht und historischer Verantwortung. Für Organisationen bedeutet das, dass Kommunikations- und Auslegungsspielräume enger werden, sobald Vorwürfe als Konfliktmatrix auftauchen. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie genau die Partei mit Fällen umgeht, in denen Mitglieder oder Sympathisanten in der öffentlichen Debatte Formulierungen nutzen, die von anderen als antisemitisch gelesen werden. Wolter lässt zumindest erkennen, dass es innerhalb der Bewegung eine Feedback- und Korrekturschleife geben soll: „Wo das von unserer Seite nicht passiert, werden wir Fehler aufarbeiten.“ In dieser Offenheit liegt der politische Realismus ihrer Position. Denn ob eine Organisation in solchen Debatten nachhaltig Vertrauen aufbaut, entscheidet sich häufig weniger an der einmaligen Zurückweisung eines Vorwurfs als an der wiederkehrenden Ausgestaltung von Regeln, inhaltlicher Qualifikation und konsequenter Abgrenzung.

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