LONDON (IT BOLTWISE) – Eine KI-gestützte Forschung zeigt, dass sich der Schlüsselgewinn bei HAWK-256 deutlich beschleunigen lässt und dass ein Angriff auf AES-128 von zehn auf sieben Runden schneller wird. Die Resultate basieren auf bisher ungenutzten Struktur-Eigenschaften: bei HAWK auf einer zusätzlichen Symmetrie in der Gitterbasis, bei AES auf einem invarianten „Möbius Bridge“-Fingerprint, der eine 256-fache Ratephase entfernt. Anthropic veröffentlicht Code und Artefakte, ordnet beide Angriffe aber als weiterhin exponentiell und außerhalb praktischer Reichweite ein. Für bestehende Produktionssysteme sieht das Unternehmen keine Notwendigkeit, Änderungen vorzunehmen.

Die jüngste Kryptanalyse rund um Anthropic wirkt auf den ersten Blick wie ein „Speedrun“ gegen etablierte Konstrukte: Claude Mythos Preview soll einerseits einen End-to-End-Key-Recovery-Angriff gegen HAWK-256 um den Faktor 200 bis 800 beschleunigt haben – und andererseits eine siebtrundige Variante von AES-128 deutlich schneller angreifbar gemacht haben. Entscheidend ist dabei nicht nur die gemeldete Laufzeit, sondern die Art der Beschleunigung. Beim HAWK-Ergebnis reduziert die neue Symmetrie-Ausnutzung eine Suchstrecke im zugrundeliegenden Gitter-Problem; beim AES-Ergebnis fällt eine komplette 256-Wege-Raten-Phase weg, weil ein invariantes Muster bei einem entscheidenden Schritt konstant bleibt. Anthropic betont zudem, dass weder HAWK noch AES durch diese Ergebnisse „gebrochen“ werden, sondern dass es sich um reduzierte Angriffsoberflächen und ein besseres Verständnis der Angriffsmechanik handelt.
Technisch liegt die Spannung in HAWK-256 im Zusammenspiel zwischen dem von Angreifern gesuchten Transformationstyp und einer bisher übersehbaren Symmetrie. HAWK gehört zu den latticebasierten digitalen Signaturen, und innerhalb des NIST-Standardisierungsprozesses für Post-Quantum-Signaturen wurde das Verfahren in einer späteren Runde als Kandidat weitergeführt; zugleich gibt es unterschiedliche Parameter-Sicherheitsniveaus wie HAWK-512 und HAWK-1024 sowie HAWK-256 als kryptanalytisches Ziel. Der direkte Schlüsselgewinn wird dabei in das Suchproblem „Lattice Isomorphism Problem“ überführt, kurz smLIP: Ein Angreifer versucht, eine versteckte Transformation zwischen zwei Gittern zu rekonstruieren. Der methodische Hebel kommt aus einer Arbeit von Daniël van Gent und Ludo Pulles: Sie hatten gezeigt, dass eine nicht-triviale Automorphie des Gitters den Angriff auf HAWK drastisch umformt und im Kern auf ein „short vector finding“ mit ungefähr halbierter Dimension reduziert. Mythos Preview soll genau diese zusätzliche Automorphie entdeckt und damit den zuvor offenen Angriffsweg schließbar gemacht haben.
Aus dem Angriffsweg wird bei Anthropic ein konkreter Angriff, der aus der öffentlichen Signaturbasis eine tau-cocycle-Gitterkonstruktion ableitet. Danach laufen klassischere Bausteine der Gitterkryptanalyse zusammen: Gitterreduktion, „sieving“ zur Kandidatenverengung und schließlich die Rekonstruktion eines geheimen Basissatzes, mit dem Signaturen auf die ursprüngliche öffentliche Schlüsselbasis abgeleitet werden können. Interessant ist auch, was Anthropics Implementierung tatsächlich herausgibt: Laut Beschreibung verifiziert der Code den wiedergewonnenen Schlüssel nicht, indem er eine ursprüngliche Seed-seitige Geheimkomponente rekonstruierte, sondern indem er eine Funktional-Äquivalenz prüft – konkret produziert er einen dekodierten 592-Byte-Schlüssel, mit dem Signaturen korrekt verifiziert werden. Anthropic stellt Code und Artefakte bereit und beschränkt die Ausführung bewusst auf HAWK-256; andere Eingaben werden im Repository abgewiesen. Als erwartete End-to-End-Laufzeit nennt Anthropic etwa drei Stunden und 42 Minuten auf einem 96-Core-Server, wobei der gemeldete Arbeitsaufwand von etwa 2^64 auf 2^38 sinkt. Gleichzeitig ordnet das Unternehmen die Attacke als exponentiell ein: Es handelt sich nicht um eine polynomzeitige Schwächung von HAWK, und es gibt laut Mitteilung keine Übertragungsautomatik auf andere NIST-Signaturkandidaten oder latticebasierte Kryptografie allgemein.
Der zweite Strang der Meldung richtet sich auf AES-128, jedoch strikt in einer reduzierten Angriffsarchitektur: von zehn Runden auf sieben. Solche Reduced-Round-Analysen sind in der Kryptologie Standard, weil sie messen, wie viel Sicherheitsmarge zwischen reduzierten Konstrukten und dem vollständigen Algorithmus bleibt. Der Angriff setzt voraus, dass der Gegner etwa 2^105 ausgewählte Klartexte unter einem festem, unbekanntem Schlüssel erhält – allein dieses Chosen-Plaintext-Budget macht einen praktischen Einsatz unrealistisch. An früheren „meet-in-the-middle“-Ansätzen zeigt sich die Mechanik: Dort wird typischerweise Speicher gegen Rechenzeit getauscht, indem Zwischenzustände abgespeichert und Werte über die beiden Enden der Chiffre abgeglichen werden. Ein früherer Schritt erforderte dabei das Testen von 256 Kandidatenwerten, bevor die Tabelle durchsucht werden konnte. Anthropics Ansatz setzt dagegen an einer Stelle an, die das Modell als „Möbius Bridge“-Fingerprint bezeichnet: Dieser Fingerprint bleibt über die ansonsten geratene Transformationskomponente hinweg invariant. Dadurch kann die 256-fache Enumeration entfallen, und in der resultierenden Gesamtsicht schätzt Anthropic eine 200- bis 800-fache Beschleunigung der siebtrundigen AES-128-Variante, je nachdem, wie die Laufzeit gemessen wird.
Auch hier bleibt die praktische Reichweite begrenzt, weil Anthropics Aussage bewusst enger gefasst ist als die Titelhypothese „AES gebrochen“. Die veröffentlichten Artefakte liefern Code für die im mathematischen Papier spezifizierten Experimente und führen vollständige Black-Box-Key-Recovery jedoch nur an kleineren AES-ähnlichen Chiffren mit einem 24-Bit-Schlüssel durch. Für die echte siebenrunde AES-128-Instanz werden stattdessen einzelne Tabellenentries und Online-Kandidaten bestimmt; daraus projiziert Anthropic dann die geschätzte Gesamtkosten. Diese Unterscheidung ist wichtig: Sie zeigt, dass das Ergebnis eher eine präzisere Kostenmodellierung und Optimierung der Komponentenangriffe ist als ein sofort ausführbarer End-to-End-Angriff gegen AES-128 in voller Parametrisierung. Bemerkenswert ist daneben die Interaktion zwischen Modell und Forschung: Anthropic beschreibt, dass die Modellinstanz zunächst ablehnend reagierte und die Weiterentwicklung eines AES-Angriffs als unmöglich einstufte. Erst durch veröffentlichte Nachfolge-Prompts, inklusive Fehlern und Tippfehlern, wurde das Modell angeblich in den iterativen Suchprozess zurückgeführt, der dann zur Möbius-Bridge-Idee führte.
In der Gesamteinordnung treffen hier zwei Trends zusammen: KI-gestützte Suche in komplexen Forschungsräumen und die wachsende Bedeutung reproduzierbarer Artefakte. Anthropic ordnet Mythos Preview als Multi-Agent-Umgebung ein und nennt rund 60 Stunden für die verifizierte Entdeckung im HAWK-Kontext, plus mehrere Tage für das AES-Resultat. Die reine Modelllaufzeit beziffert Anthropic mit einem API-Kostenrahmen von etwa 100.000 US-Dollar für den KI-Anteil, während menschliche Verifikation laut Beschreibung zum Engpass wurde: Forscher hätten über mehrere hundert Stunden die Methode geprüft; zudem seien zwei Personen knapp einen Monat tätig gewesen, um die Korrektheit abzusichern. Zusätzlich kommt als Kontext hinzu, dass diese Veröffentlichung zeitlich an einen neuen Benchmark anknüpft: „CryptanalysisBench“ mit 191 Aufgaben, der unter anderem von ETH Zürich, Anthropic, der University of Haifa, der Technischen Universität Berlin und Tel Aviv University entwickelt wurde. Für diesen Benchmark werden Mython-Updates wie „Mythos 5“ ausgewertet, wobei die HAWK- und AES-Disclosure explizit auf Mythos Preview verweist.
Für die Standardisierung bleibt die Aussagezeit deshalb differenziert: HAWK gilt weiterhin als Kandidat in einem NIST-Standardisierungsprozess, und Anthropics öffentliche Diskussion bedankt sich im Rahmen eines NIST-Forums ausdrücklich bei der HAWK-Arbeitsgruppe für Rückmeldungen zur Verifikation des Ergebnisses. Gleichzeitig zeigen die gemeldeten Gate-Count-Schätzungen, wie stark der Aufwand für größere Parameter dennoch ausbleibt: Für HAWK-512 und HAWK-1024 bleiben die Kosten laut Anthropics Schätzungen oberhalb dessen, was als praktisch angreifbar gelten kann. Ob NIST oder die Einreicher als Reaktion Parameter anpassen oder Sicherheitsbehauptungen neu bewerten, ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung laut öffentlicher Lage nicht klar. Was bleibt, ist ein konkreter technologischer Beleg dafür, dass generative Systeme nicht nur „Benchmark-Score“ liefern, sondern strukturelle Angriffsflächen systematisch finden und mit überprüfbaren Implementierungen untermauern können – allerdings in einer Form, die aktuelle Produktionssysteme nach eigener Darstellung nicht direkt betrifft, weil die Angriffe weiterhin exponentiell bleiben und nur gezielt auf Parameter- oder Rundenreduktionen abzielen.
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