WILDAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der FUSION 2026 betont Prof. Gunter Faltin: Viele Technologie-Startups scheitern, weil sie Technik zu schnell mit einem tragfähigen Geschäftsmodell verwechseln. In dem Interview ordnet er KI als hochwirksames Werkzeug ein, das Programmierung deutlich beschleunigen kann, aber nicht die strategische Arbeit am Konzept ersetzt. Gleichzeitig verschiebt sich der „klassische Burggraben“ hin zu Gründerpersönlichkeit, Kommunikation und einem robusten Setup auf mehreren Beinen. Wer in Software-Wettbewerbskonstellationen überleben will, muss Idee, Design und Differenzierung als Gesamtkunstwerk denken.

KI-Gründungsboom trifft Unternehmenskonzepte: Warum der „Burggraben“ heute anders entsteht
KI-Gründungsboom trifft Unternehmenskonzepte: Warum der „Burggraben“ heute anders entsteht (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Gründungsboom wirkt auf viele wie ein Volkssport: Sobald eine Technologie greifbar wird, tauchen Teams auf, die sie in Marktprodukte übersetzen wollen. Genau hier setzt Prof. Gunter Faltin an. In einem Interview im Umfeld der FUSION 2026 sagt er, dass die Erfolgsquote bei Technologie-Startups nach fünf Jahren ernüchternd ist: 80 bis 90 Prozent seien dann nicht mehr dabei. Seine These ist dabei weniger ein Plädoyer gegen Gründergeist, sondern eine Diagnose am Kern: Oft wird Technologie mit einem Geschäftsmodell verwechselt. Technik allein sei noch kein Konzept, das sich wiederholen, verkaufen und langfristig verteidigen lässt.

Um aus einer Idee ein tragfähiges Vorhaben zu machen, fordert Faltin „Kopf schlägt Kapital“ als Leitsatz. Das bedeutet konkret: Zuerst muss die Kopfarbeit geleistet werden, um Technologie in Sprache, Logik und ein überzeugendes Wertversprechen zu übersetzen. Wer zu schnell „auf den Technologiezug aufspringt“, laufe Gefahr, Chancen zu übersehen, die erst sichtbar werden, wenn man um die Technik herumdenkt. In seinen Worten geht es außerdem um den „Spinnerfaktor“: Gründer sollten nicht ausschließlich aus der Logik der Technik argumentieren, sondern aus der Perspektive dessen, was Nutzer wirklich erleben, verstehen und bezahlen wollen.

Welche Fähigkeiten braucht dann ein robustes „Entrepreneurial Design“? Faltin empfiehlt, spielerisch und mit Distanz an das eigene Vorhaben heranzugehen und ein Team breiter zu denken als nur als Ingenieurskollektiv. Neben Menschen, die die Technik entwickelt haben, sollten auch Personen mit anderer Perspektive beteiligt sein. Er spricht ausdrücklich von sozialer Fantasie und formuliert die Frage vor dem Schritt in die Umsetzung: Was könnte aus dieser Technologie alles entstehen? Damit beschreibt er weniger eine einzelne Methode, sondern eine Arbeitsweise, die in der Frühphase Zeit für Exploration schafft, statt sofort in Bau- und Implementierungsarbeit zu springen.

Spannend wird die Einordnung bei „Deep Tech“. Wenn Technologien besonders komplex und forschungsintensiv sind, gelten für Faltin nicht automatisch die gleichen Spielregeln wie für Standard-Software-Startups. Er stellt vielmehr die grundsätzliche Frage, ob Deep Tech überhaupt das ideale Feld für Start-ups ist. Für ihn gehören solche Themen häufig in Forschungseinrichtungen oder an Universitäten, und er warnt davor, Forschung und Gründung zu stark miteinander zu vermischen. Entscheidend ist dabei auch das organisatorische Umfeld: In Institutionen müssen nicht jede Leistung und jede Erkenntnis sofort in „Euro und Cent“ gerechnet werden, während Startups genau in diesem Erwartungsdruck stehen.

Wenn es um KI geht, liefert Faltin eine konkrete wirtschaftliche Perspektive. Er bezeichnet den KI-Hype als „Goldrausch“, der um den Faktor 100 größer sein soll als alles, was zuvor kam. Inhaltlich geht es ihm aber um die Wirkung: KI ist laut seiner Darstellung ein hochwirksames Instrument, das neue Perspektiven eröffnet, auf die man selbst zuvor nicht gekommen wäre. Als Beispiel nennt er Zahlungsprozesse: Zahlungsdienstleister wie Visa oder Mastercard würden Händlern typischerweise 3 bis 5 Prozent Gebühren abnehmen, obwohl die zugrunde liegende Technologie nur einen Bruchteil der Kosten ausmache. Mit KI könne man heute eine App programmieren, die genau diese „Reibung“ zwischen Produzent und Kunde umgeht. Das ist für seine Argumentation der Punkt: Das Geschäftsmodell wird nicht dadurch besser, dass sich eine Technik effizienter implementieren lässt, sondern dadurch, dass das Wertversprechen und die Systemlogik neu gestaltet werden.

Damit stellt sich die nächste Frage: Wenn KI die technische Umsetzung erleichtert, was schützt dann noch ein Startup? Faltin antwortet, der klassische Burggraben sei schwieriger geworden. Software wird kopierbarer, Zugang zu Entwicklungsumgebungen und KI-gestützten Werkzeugen sinkt die Hürde. Folglich rückt ein anderer Verteidigungsmechanismus in den Vordergrund: die Person des Gründers. Er argumentiert, dass Kapitalgeber Persönlichkeiten stärker gewichten, weil Gründer die Idee in Sprache und Bilder übersetzen müssen, die überzeugen. Dazu passt sein Bild vom „Gesamtkunstwerk“: Ein Geschäftsmodell sollte auf mehreren Beinen stehen, nicht nur auf dem Preis. Wenn ein Wettbewerber aus einer anderen Region den Preis unterbietet, bricht bei einem Einbein-Konzept alles ein. Robuste Konzepte kombinieren Qualitätsversprechen, Design, Nachhaltigkeit und Fairness-Aspekte oder auch emotionale Elemente.

Am Ende setzt Faltin noch an einer kulturellen Hürde an: Viele hätten das Vorurteil, man müsse „zum Unternehmer geboren“ sein. Er stellt das als Quatsch dar und vergleicht es mit Bildung: Unternehmertum sei eine Fähigkeit, die sich wie Lernen öffnen und vermitteln lässt. Entscheidend sei nicht Ellenbogenmentalität oder Rücksichtslosigkeit, sondern die Bereitschaft, etwas zu unternehmen und sein Leben aktiv zu gestalten. Für Gründer ist diese Perspektive auch praktisch, weil sie das eigene Vorgehen vom Zufall unabhängiger macht: Entrepreneurship wird zu einem wiederholbaren Lern- und Gestaltungsprozess, nicht zu einem Instinktproblem.

Als konkrete Nutzenerfahrung beschreibt er schließlich Konferenzen. Für ihn ist eine Keynote-Umgebung wie eine „wohltuende Dusche“, weil man nicht permanent die typischen Gründe hört, warum etwas nicht geht oder verboten ist. Stattdessen treffen Gründer auf Menschen, die begeistert sind und Fragen aus der Praxis mitbringen. In diesem Sinn soll die FUSION 2026 im September in Wildau eine Plattform sein, um Energie mitzunehmen, Kontakte zu knüpfen und unternehmerisches Handeln als Selbstverständlichkeit zu erleben. Genau dort wird sein Kernansatz greifbar: KI kann schneller bauen, aber bessere Unternehmenskonzepte müssen weiterhin bewusst entwickelt werden.


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