BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Schulleitungen in Deutschland sehen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Schule große Risiken. Knapp 80 Prozent befürchten, dass KI das eigenständige Denken von Schülerinnen und Schülern erschwert. Gleichzeitig erwarten viele Führungskräfte deutliche Verbesserungen bei der Unterrichtsvorbereitung und bei inklusiven Lernangeboten. Offen bleibt jedoch, wie sich Eigenleistungen zuverlässig von KI-gestützten Beiträgen unterscheiden lassen.

Schulleitungen blicken in Deutschland mit gemischten Gefühlen auf den rasch wachsenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Schulalltag. Die Sorge beginnt dort, wo Lernfortschritt normalerweise sichtbar wird: im eigenständigen Denken. In einer Befragung für den Cornelsen Verlag sehen knapp 80 Prozent der Leitungen die Gefahr, dass KI-gestützte Hilfen das selbstständige Nachdenken der Schülerinnen und Schülerinnen und Schüler beeinträchtigen. Dass dieses Thema so stark nach vorn rückt, passt in eine Phase, in der KI-Tools nicht mehr nur experimentell getestet werden, sondern in vielen Haushalten und Klassenzimmern bereits als “Alltagssoftware” angekommen sind.
Technisch ist die Herausforderung weniger die Frage, ob KI Inhalte generieren kann, sondern wie sich Qualität und Urheberschaft im Lernprozess nachweisen lassen. Wenn Prüfungsformate Aufgaben enthalten, bei denen Formulierungen, Lösungswege oder Rechercheergebnisse schnell aus KI-Outputs ableitbar sind, verschiebt sich die Bewertung von der Leistung am Produkt hin zur Leistung am Prozess. Genau darauf zielt die zweite große Befürchtung der Studie: Ein etwa ebenso großer Anteil bejaht die Aussage, dass sich Prüfungsformate radikal verändern müssen. Zusätzlich melden viele Schulleitungen Probleme bei der Abgrenzung zwischen Eigenleistungen und KI-gestützten Beiträgen an, was vor allem für klassische schriftliche Aufgaben, aber auch für Hausarbeiten und größere Projektabschnitte relevant wird.
Die Studie macht dabei nicht nur Risiken sichtbar, sondern auch klare Chancen. Besonders deutlich ist die Zustimmung zur Entlastung im Tagesgeschäft: Sechs von sieben Befragten stimmen der Aussage zu, dass KI die Unterrichtsvorbereitung erleichtert. Das lässt sich in der Praxis oft als effizientere Materialerstellung verstehen – etwa beim schnellen Entwurf von Arbeitsblättern, beim Differenzieren von Aufgaben oder beim Generieren von Erklärvarianten für unterschiedliche Lerntempi. Gerade bei Lehrkräften, die bereits heute mit hoher Arbeitsdichte kämpfen, kann diese Art von Assistenz spürbar Zeit zurückgewinnen. In demselben Atemzug nennen deutliche Mehrheiten zudem Vorteile für inklusives Lernen, etwa durch sprachsensible und barrierearme Materialien sowie die Unterstützung individualisierter Lernprozesse.
Ein weiterer Punkt unterstreicht, dass der Blick der Schulen nicht auf reine Tool-Nutzung verengt bleibt. Praktisch alle Befragten (99 Prozent) sagen, ein KI-Einsatz müsse durch einen medienkritischen Umgang begleitet werden. Das bedeutet in der Bildungsrealität: Lernende sollen nicht nur KI “verwenden”, sondern die Ergebnisse einordnen können – inklusive Grenzen, Plausibilitätschecks und der Frage, wann eine KI-Antwort methodisch hilfreich ist und wann sie vor allem Zeit überbrückt. Historisch erinnert diese Forderung an frühere Wellen der Digitalisierung im Unterricht, etwa als der Computerunterricht sich von reiner Anwendung hin zu Medienkompetenz und Methodenverständnis verschob. Der Unterschied heute: KI-Systeme können Texte und Erklärungen in einer Qualität liefern, die auf den ersten Blick überzeugend wirkt, wodurch die pädagogische Einordnung noch wichtiger wird.
Auch die inhaltliche Schwerpunktsetzung im Schulbetrieb zeigt, warum die Debatte um KI nicht isoliert geführt werden kann. In der Befragung dominiert als Thema “Kinder mit herausforderndem Verhalten”. Vier Aspekte werden dabei von mindestens drei Vierteln der Schulleitungen genannt: psychische Probleme und Erkrankungen, familiäre Herausforderungen, soziale Auffälligkeiten sowie Lernschwierigkeiten. Für die Einordnung ist das entscheidend, weil KI-Anwendungen an diesen Schnittstellen entweder entlasten können – beispielsweise durch differenzierte Materialien oder zusätzliche Unterstützung beim Üben – oder neue Konflikte erzeugen, wenn Leistungsabgrenzung und Transparenz fehlen. Dass neben der Unterrichtsvorbereitung auch inklusive Lernangebote stark unterstützt werden, wirkt daher wie eine pragmatische Antwort auf genau die heterogenen Anforderungen, die im Schulalltag ohnehin bestehen.
Die Umfrage basiert nach Angaben auf einer Onlinebefragung von insgesamt 2.066 Schulleitungen, davon 1.819 an allgemeinbildenden Schulen und 247 an beruflichen Schulen. Die Untersuchung nennt die Antworten der 1.819 Leitungen allgemeinbildender Schulen als insgesamt repräsentativ. Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 35.000 Schulen und Berufsschulen, was die Relevanz des Themas zusätzlich erhöht: Selbst wenn KI nicht überall gleich intensiv genutzt wird, wird der Diskurs über Prüfungen, Leistungsnachweise und Unterrichtsqualität schnell zum Standardthema. Für Schulträger, Schulleitungen und auch Verlage wird damit weniger die Anschaffung einzelner KI-Tools zur Leitfrage, sondern die Ausgestaltung von Lehr-Lern-Szenarien, in denen KI als Assistenz verstanden wird – mit klaren Regeln für Eigenleistung, Dokumentation und Reflexion.
Unterm Strich zeichnet die Studie ein Bild, in dem KI in Schulen bereits als Produktivitätshebel wahrgenommen wird, gleichzeitig aber die Bewertbarkeit von Lernprozessen unter Druck gerät. Die nächsten Monate werden damit weniger von der Frage geprägt, ob KI “erlaubt” ist, sondern davon, wie Unterricht und Prüfungen methodisch so angepasst werden, dass Lernen nicht durch Generieren ersetzt wird. Für die Praxis dürfte das bedeuten: mehr Prozessanteile, stärkere Reflexionsphasen, bessere Transparenz über Nutzungsszenarien und eine konsequente Medienkompetenzarbeit. Wer KI nur als neue Software betrachtet, greift zu kurz; wer sie dagegen als Veränderung des gesamten Lern- und Bewertungsrahmens versteht, kann die Chancen eher nutzen, ohne die Risiken an den entscheidenden Stellen zu übersehen.
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