MEMPHIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Ausstellung „Land and Sky“ bei ShapeShifter Art School & Gallery zeigt neue, leuchtende Landschaftsgemälde von Susan Maakestad. Die Künstlerin verarbeitet Eindrücke aus Highway-Webcams zu abstrakten Bildräumen, die Realität und Vorstellungskraft bewusst gegeneinander kippen. Dabei setzt sie auf jahrelanges Arbeiten an Details, deren „Essence“ übrigbleibt, statt auf bloße Abbildung. Neu ist auch der Blick auf ihre Constable-Studien aus der Pandemie, die Licht, Atmosphäre und Farbgebung bis heute prägen.

Susan Maakestad startet in „Land and Sky“ nicht mit einem klassischen Skizzenbuchmotiv, sondern mit einer technischen Sichtweise aus dem Alltag: Highway-Webcams. Die Kameras sind ursprünglich für einen pragmatischen Zweck gedacht, doch genau diese Zweckbindung hebt die Künstlerin in ein ästhetisches Experiment. Über die Wechsel von Jahreszeiten und Wetter hinweg folgen die Aufnahmen wie eine fortlaufende Beobachtung durch unterschiedliche Zustände der Landschaft. Aus dieser Distanz entsteht eine bemerkenswerte Spannung: Was auf dem Bildschirm als Verkehrsinfrastruktur funktioniert, wird bei Maakestad zur Bühne für Weite, Horizontlinien und einen Blick, der langsamer werden muss.
Technisch betrachtet arbeitet sie dabei an einem Kernprinzip, das man auch aus dem Denken moderner Bildverarbeitung kennt: Reduktion. In ihren eigenen Worten beschreibt sie, dass sie „unnötige Details“ fortlaufend herausarbeitet, bis nur noch das bleibt, was sie als „Essence“ bezeichnet. Diese Arbeitsweise erinnert weniger an fotorealistisches Kopieren als an das, was in der Datenanalyse das Filtern und Verdichten von Signalen bedeutet. Im Ergebnis balancieren die Werke erkennbare Erdformen und zugleich eine abstrahierte Raumwirkung, sodass Betrachter zunächst eine vertraute Topografie erwarten und dann merken, dass die Tiefe im Bild nicht mehr „real“ nach den Regeln der Perspektive funktioniert. Maakestad formuliert das als glaubbaren, aber nicht realen Raum: Man fühlt sich an Landschaften erinnert, während die Abstraktion die räumliche Tiefe flachlegt.
Der Horizont spielt in diesem Ansatz die Rolle eines psychologischen Bezugspunkts. Maakestad sagt, die Horizontlinie stehe für Optimismus; ihre persönliche Herkunft aus Illinois, wo der Blick in den Himmel und über den Horizont auch außerhalb des Ortes möglich war, liefert die emotionale Grundlage. Damit wird aus einer Bildkomponente etwas, das sich in Stimmung übersetzt. Die Ausstellungstexte und die von Besuchern beschriebenen Reaktionen („calm“ und „peaceful“) passen zu diesem Konzept: Die Bilder wirken nicht wie Momente der Eile, sondern wie Stationen eines inneren Entschleunigens. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen gewohnt sind, Informationen in Sekunden zu konsumieren, fordert die Schau eine Gegenbewegung ein: hinsehen, warten, nach dem ersten Eindruck noch einmal hinschauen.
Ein weiterer Technik-naher Faktor steckt in der Materiallogik ihrer jüngeren Arbeiten: Wasserfarben und Studienarbeit. Während der Pandemie setzte sie sich intensiver mit dem 19.-Jahrhundert-Maler John Constable auseinander und erstellte hunderte Studien auf Basis seiner Landschaften. Diese Rückbindung an Malpraxis liefert ein nützliches Verständnis dafür, wie sie Licht, Atmosphäre und Farbwerte neu ordnet. Constables Umgang mit Bewölkungszuständen, Farbtemperaturen und wechselnden Stimmungen ist nicht nur „Motivgeschichte“, sondern eine wiederholte Übung in Abstraktionsgrad und Farbhierarchie. Maakestads heutige Serie knüpft daran an, aber sie übersetzt die gewonnenen Malprinzipien in die Bildsprache ihrer Webcam-Ausgangsbilder: Aus statistisch wechselnden Wetterlagen wird durch das handwerkliche Studium ein malerisch kohärentes Gefühl von Raum.
Bemerkenswert ist außerdem, dass die Ausstellung nicht im luftleeren Raum entsteht. Viele Memphians kennen Maakestad als langjährige Lehrkraft am Memphis College of Art, wo sie mehr als zwei Jahrzehnte unterrichtete. Diese Lehrerfahrung wirkt sich oft direkt auf die Verständlichkeit einer künstlerischen Methode aus, weil man lernt, Prozesse so zu erklären, dass Lernende sie selbst nachvollziehen können. Heute setzt sie die Lehre an ShapeShifter fort und arbeitet zudem im Kontext „Creative Aging“. Für die Ausstellung bedeutet das: Die Betrachtung wird nicht nur emotional gefasst, sondern auch als angeleiteter Prozess gedacht. Besucher werden eingeladen, zwischen Realität und Imagination zu „stehen“ – und genau diese Positionierung macht den Titel „The Space Between“ plausibel, ohne dass die Schau auf reine Theorie angewiesen wäre.
Aus Markt- und Branchenperspektive lässt sich die Relevanz der Ausstellung auf eine einfache Frage zuspitzen: Wie verwandelt man digitale Beobachtungsquellen in sinnliche, menschliche Bildräume? Highway-Webcams liefern gleichmäßige Blickachsen, die eigentlich nur für Verkehrsvorgänge gedacht sind. Maakestad zeigt, dass solche Quellen nicht zwingend in die Rolle von Überwachung oder rein technischen Datenträgern gedrängt werden müssen. Stattdessen entstehen Kunstwerke, die die Alltagsumgebung neu rahmen und damit auch die Wahrnehmung über Medien hinweg verändern. In einer Zeit, in der KI-gestützte Bildsysteme häufig auf Wiedererkennung und schnelle Verarbeitung optimiert werden, setzt diese Ausstellung eher auf langsame Interpretation und eine methodische Unsicherheit: Du glaubst, du siehst eine Landschaft – bis die Bildsprache die Annahme auflöst.
„Land and Sky“ läuft bis Samstag, August 15, in der Adresse 680 Oakleaf Office Lane bei ShapeShifter Art School & Gallery. Wer hinschaut, bekommt damit nicht nur neue Gemälde, sondern auch einen nachvollziehbaren Arbeitsprozess: Webcam-Beobachtung, redaktionelles Weglassen, Wasserfarbenstudien, die Rückkehr zu klassischen Licht- und Atmosphärenprinzipien. Für Unternehmen oder Bildungseinrichtungen, die sich für die Verbindung von Technologie und Gestaltung interessieren, liefert das Format eine praktische Analogie: Datenquellen werden nur dann sinnvoll, wenn man sie durch eine bewusste Filter- und Abstraktionsentscheidung in einen neuen Kontext überführt. Maakestad versucht genau das – mit künstlerischen Mitteln, aber mit einer Denkrichtung, die man aus dem Umfeld KI-gestützter Bildanalyse ebenso kennt wie aus kreativen Datenprojekten.
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