GÖTTINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ergänzende Therapieangebote rücken 2026 stärker in den Fokus der Onkologie: Kunstkurse, Nordic Walking und digitale Museumsbesuche sollen die psychische Belastung während der Behandlung senken. Im UniversitätsKrebszentrum Göttingen läuft das Angebot „farbRaum“ ohne Voranmeldung unter Leitung von Elena Seubert und Leena Köter. Parallel entstehen regionale Formate wie ein monatlicher Kunsttreff in Halle und Bewegungsprogramme, die speziell auf Krebsbetroffene zugeschnitten sind. Auch bei Kindern setzen Initiativen auf Angstabbau durch individuell gestaltete Bestrahlungsmasken sowie virtuelle Kunsterlebnisse im Klinikalltag.

Kunstkurse, Nordic Walking und digitale Museumsbesuche gegen psychische Belastung in der Krebstherapie
Kunstkurse, Nordic Walking und digitale Museumsbesuche gegen psychische Belastung in der Krebstherapie (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn eine Krebstherapie beginnt, verschiebt sich für viele Betroffene nicht nur der Alltag, sondern auch die innere Belastung. Gerade die Zeit der Chemo- und Strahlentherapie wird häufig als psychisch zäh erlebt, weil Nebenwirkungen, Unsicherheit und Kontrollverlust zusammenkommen. Deshalb setzt die Onkologie 2026 zunehmend auf ergänzende Therapieangebote, die das Wohlbefinden stabilisieren und psychische Belastungen während der Behandlung reduzieren sollen. Das Spannende an der aktuellen Welle ist weniger der einzelne Programmpunkt, sondern die Kombination aus kreativer Selbstwirksamkeit, körperlicher Aktivierung und niedrigschwelliger Teilhabe.

Im UniversitätsKrebszentrum Göttingen gibt es dafür ein konkretes Beispiel: „farbRaum“ bietet regelmäßige Sitzungen für Patienten und Angehörige, jeweils am ersten und dritten Donnerstag sowie am Freitag im Monat in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Organisiert wird das Angebot von Elena Seubert und Leena Köter, der Ansatz zielt ausdrücklich auf einen niederschwelligen Zugang ohne Voranmeldung. Während der Schwerpunkt auf künstlerischem Experimentieren liegt, wirkt das Konzept in der Praxis häufig auch als Strukturanker im Klinikalltag: Wer Gestaltung übt, setzt sich nicht nur mit dem eigenen Erleben auseinander, sondern erhält zugleich einen Rahmen, in dem Gespräche und gemeinsames Arbeiten möglich bleiben.

Auch außerhalb der Klinik entstehen ähnliche Formate, die vor allem die soziale Reichweite verbessern. In Halle etwa organisiert die Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft einen monatlichen Kunsttreff für Betroffene aus Halle und Merseburg; nächster Termin ist der 25. August 2026. Das Programm wird von der Künstlerin und Psychologin Larissa Morgenstern geleitet. Solche Treffen sind mehr als „Beschäftigung“, weil sie Nähe zwischen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen schaffen und damit die Isolation verringern, die bei langen Behandlungsphasen besonders belastend sein kann. Daneben zeigt sich in mehreren Regionen, dass Bewegung als zweiter tragender Baustein funktioniert: In Treptow startete die Berliner Krebsgesellschaft einen Nordic-Walking-Kurs mit zwölf Terminen, angeleitet durch einen Sportwissenschaftler, speziell ausgerichtet auf Krebsbetroffene. Der Freiluft-Fokus ist dabei kein Zufall, denn er verbindet Mobilität mit einem Stück Normalität im Tagesablauf.

Ein besonders anschauliches Detail kommt aus dem Kinder- und Jugendbereich: Im Cross Cancer Institute in Edmonton werden seit 2019 individuelle Bestrahlungsmasken ehrenamtlich bemalt. Ziel ist es, die Angst vor der Strahlentherapie bei Kindern im Alter von zwei bis 16 Jahren zu mindern, etwa durch Motive von Sportlern oder Comicfiguren. Bis Sommer 2026 sind so mehr als 50 Masken entstanden. Solche Maßnahmen wirken an einer Stelle, an der medizinische Technik direkt auf emotionale Erfahrung trifft: Die Strahlentherapie ist für viele Kinder ein „fremder Prozess“ mit hohem Ungewissheitsanteil, und eine visuell personalisierte Umgebung kann die Barriere zwischen Behandlung und Kontrolle verkleinern.

Parallel setzt die Praxis zunehmend auf digitale Ergänzungen, etwa wenn Krankenhauswege, Wartezeiten oder Routine den Zugang zu Angeboten erschweren. In Südkorea geht das Chungnam National University Hospital dafür einen digitalen Weg in Kooperation mit dem Seoul Soma Museum: pädiatrische Krebspatienten erleben virtuelle Kunsterfahrungen, die den Klinikalltag aufbrechen sollen. Gerade bei Kindern kann ein digitaler Museumsbesuch eine Art „Perspektivwechsel“ erzeugen: Statt ausschließlich auf Behandlungsabläufe fokussiert zu sein, entsteht zeitweise Raum für Eindrücke, Geschichten und Farben. Das erinnert an etablierte Konzepte der Kunst- und Musiktherapie, wird hier aber mit interaktiven digitalen Formaten in einen Klinikprozess eingebettet.

Damit diese vielen Einzelinitiativen nicht zufällig bleiben, braucht es eine strukturelle Grundlage. Genau die wird über die Deutsche Krebshilfe beschrieben: Die Organisation investiert vier Jahre lang insgesamt 35,4 Millionen Euro in die Comprehensive Cancer Center (CCCs) und baut dabei das Netzwerk der onkologischen Spitzenforschung weiter aus. Gefördert werden unter anderem Verbände in Kiel, Lübeck und Mannheim sowie etablierte Zentren in Dresden, München, Heidelberg und Würzburg. Seit 2007 habe die Deutsche Krebshilfe rund 250 Millionen Euro in diesen Bereich investiert; geschätzt profitieren jährlich etwa 250.000 Betroffene von den Strukturen spezialisierter Zentren. Für die Praxis bedeutet das: Wenn unterstützende Angebote in die Versorgung integriert werden sollen, müssen sie langfristig organisatorisch abgesichert sein – von Personal über Räume bis hin zu Koordination und Evaluation.

Auch wenn die aktuellen Beispiele aus Kunst, Bewegung und digitalen Formaten stammen, ist die eigentliche technische und organisatorische Herausforderung eine andere: Angebote müssen in unterschiedlichen Versorgungsrealitäten funktionieren – im stationären Setting genauso wie in regionalen Treffpunkten. Das erfordert saubere Übergänge zwischen medizinischem Team, therapeutischem Personal und ehrenamtlichen Kräften. Für Einrichtungen, die 2026 nachziehen wollen, wird zudem die Skalierbarkeit entscheidend: „niederschwellig“ heißt in der Praxis, dass Zeitfenster, Anmeldeaufwand und Kommunikationswege so gestaltet sind, dass Betroffene nicht zusätzlich belastet werden. Gleichzeitig eröffnet KI-basierte Infrastruktur perspektivisch Chancen, etwa für die Planung und Koordination von Terminen oder für die Auswertung von Rückmeldungen – ohne dass die Therapie selbst durch Technik ersetzt werden dürfte. Entscheidend bleibt, dass Kunstkurse, Nordic Walking und digitale Museumsbesuche als Ergänzung wirken: Sie stärken Resilienz, geben Struktur und helfen, psychische Belastung im Verlauf der Behandlung besser zu tragen.


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