LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Längeres Ausatmen verändert messbar, wie Menschen Risiken bewerten: In einem Laborexperiment akzeptierten Teilnehmende riskantere Angebote häufiger, ohne langsamer zu werden. Entscheidend war eine erhöhte Herzratenvariabilität, die auf stärkere Aktivität des Ruhe-nervensystems hindeutet. Die Bildgebung zeigt zudem eine erhöhte Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex und im Precuneus, Bereiche die subjektiven Wert und Selbstbezug verknüpfen. Damit rückt eine Atemtechnik als einfacher Hebel in den Fokus, der die Entscheidungsarchitektur auch ohne Coaching-Tricks beeinflussen kann.

Die Idee klingt fast zu simpel, um sie ernst zu nehmen: Atme anders, und dein Verhalten bei riskanten Entscheidungen könnte sich ändern. Genau das legt eine neue Studie nahe, in der Forschende aus einer Atemsteuerungs-Technik einen direkten Zusammenhang zur Bewertungslogik von Gehirn und Körper ableiten. Im Zentrum steht dabei nicht „Motivation“ im üblichen Sinne, sondern ein physiologischer Takt. Der Ansatz: längeres Ausatmen, also kurz einatmen und dann deutlich länger ausatmen, um den Zustand zwischen Anspannung und Ruhe gezielt zu verschieben.
Für die Einordnung hilft ein Blick auf das Zusammenspiel der beiden großen Regelkreise des vegetativen Nervensystems. Unter Stress schaltet der Körper typischerweise in Richtung Sympathikus: Herzschlag und Atmung nehmen zu, die Wahrnehmung von potenziellen Verlusten wird häufig stärker gewichtet. Im Gegensatz dazu fördert der Parasympathikus den „Rest-and-digest“-Modus, in dem der Körper zur Regeneration zurückkehrt. In der Vergangenheit wurde bereits beschrieben, dass Menschen mit höherer Ruhe-Parasympathikus-Aktivität oftmals sensibler für mögliche Belohnungen sind. Die neue Arbeit geht aber einen Schritt weiter: Sie untersucht, ob sich dieser Zustand absichtlich in Echtzeit herstellen lässt – und ob das anschließend auch die Art verändert, wie das Gehirn Risiken rechnerisch einordnet.
Das Studiendesign war dafür so gebaut, dass individuelle Unterschiede weniger störend wirken. Insgesamt nahmen 41 gesunde Erwachsene teil (Durchschnittsalter etwa 25 Jahre). Alle Teilnehmenden durchliefen zwei Bedingungen in einem Within-Subject-Design: einmal „natürlich“ (Eupnoe) und einmal mit einem verlängerten Ausatmungsmuster. Die Forschenden erstellten für die Atemführung eine visuelle Zeitvorgabe auf einem Bildschirm. In der Kontrollbedingung atmeten die Teilnehmenden in ihrem eigenen Rhythmus; in der Interventionsbedingung mussten sie zwei Sekunden einatmen und anschließend acht Sekunden ausatmen. Diese Struktur ist physiologisch relevant, weil längeres Ausatmen typischerweise die Herzfrequenz und die natürlichen Schwankungen zwischen Herzschlägen beeinflusst.
Währenddessen arbeiteten die Teilnehmenden an einer Entscheidungsaufgabe im Labor: Sie bekamen wiederholt Glücksspiel-Optionen präsentiert, die jeweils eine 50-prozentige Gewinnchance auf einen Geldbetrag zwischen 10 und 30 Euro und eine 50-prozentige Verlustchance auf Beträge zwischen 5 und 15 Euro boten. Entscheidend war der Bewertungsprozess unter Zeitdruck: Für die Akzeptanz oder Ablehnung blieb jeweils maximal ein Zeitfenster von drei Sekunden, und die Entscheidung erfolgte über eine vierstufige Skala. Um sicherzugehen, dass die Aufgabe nicht als reines Experiment „abgearbeitet“ wurde, informierten die Forschenden, dass drei Entscheidungen am Ende zufällig ausgewählt und tatsächlich ausgezahlt würden. Parallel wurde der Körper überwacht: Ein Elektrokardiogramm und Pulssensoren dienten zur Erfassung der Herzratenvariabilität, während Hautleitwert und Pupillengröße als Hinweise auf sympathische Aktivität bzw. allgemeine Erregungsmarker genutzt wurden. Ergänzend lagen die Teilnehmenden in einem fMRT-Scanner, sodass sich messen ließ, welche Gehirnareale während der Entscheidungen aktiv wurden.
Die Ergebnisse zeigen zunächst eine klare Wirkung auf die physiologische Zielgröße. Unter der Bedingung „langes Ausatmen“ stieg die Herzratenvariabilität signifikant. Damit bestätigten die Daten, dass die Atemtechnik tatsächlich den Ruhe-anteiligen Regelkreis stärker aktiviert. Gleichzeitig änderten sich Skin Conductance und Pupillengröße nicht in vergleichbarer Weise. Diese Kombination ist wichtig: Sie spricht dafür, dass die Technik nicht einfach „irgendeine“ Intensivierung auslöst, sondern eher selektiv auf den Zustand einwirkt, der mit Ruhe und parasympathischer Dominanz verbunden ist. Im Entscheidungsverhalten zeigte sich dann der Brückeneffekt: Teilnehmende akzeptierten riskantere Gambles häufiger, wenn sie die verlangsamte Ausatmung ausübten. Gleichzeitig blieb die Sensitivität für potenzielle Verluste zwischen den beiden Bedingungen stabil. Mathematisch und psychologisch bedeutet das: Nicht die Angst vor Verlusten verschiebt sich, sondern die Attraktivität der möglichen Gewinne bekommt unter dem Atemmuster zusätzliches Gewicht.
Um alternative Erklärungen auszuschließen, prüften die Forschenden mehrere Störfaktoren. Weder benötigten die Teilnehmenden unter dem langsamen Ausatmen länger für ihre Entscheidungen, noch gaben sie sich als „zufällig“ aus. Das ist methodisch relevant, weil Änderungen in Aufmerksamkeit, Verarbeitungstempo oder reine Heuristikfehler das Ergebnis leicht verfälschen könnten. Stattdessen deutet die statistische Modellierung darauf hin, dass der Mechanismus eher in einer veränderten Belohnungs-Sensitivität liegt. Die Gehirnscans lieferten dafür eine biologische Plausibilität: Von 35 Teilnehmenden lagen vollständige Herz- und Gehirndaten vor. Die Auswertung zeigte, dass Personen mit den stärksten Anstiegen der Herzratenvariabilität zugleich eine erhöhte Aktivität in zwei Regionen aufwiesen: im ventromedialen präfrontalen Kortex und im Precuneus. Der ventromediale präfrontale Kortex wird in der Forschung mit der Verarbeitung von Risiko, Angst und vor allem mit der Berechnung des subjektiven Werts von Optionen in Verbindung gebracht. Der Precuneus wiederum gilt als Knotenpunkt, der Körperempfindungen mit Selbstbezug verknüpft. Zusammengenommen passt das zur Hypothese, dass beruhigende Signale aus dem Körper in diesen Bewertungs- und Integrationsprozess einspeisen.
Natürlich bleibt der Transfer vom Labor in den Alltag eine offene Frage. Die Aufgabe bildet zwar Verlustaversion explizit ab, indem die potenziellen Gewinne bewusst höher angesetzt wurden als die potenziellen Verluste, doch reale Risiken sind meist komplexer, emotionaler und stärker kontextabhängig. Die Forschenden selbst nennen als nächsten Schritt Untersuchungen mit anderen Risikotypen und mit ausgewogeneren Gewinn-/Verlustbereichen. Ebenso interessant ist der Blick auf Situationen mit akutem Stress: Notfallteams, Leistungssport oder Luftfahrtprozesse könnten besonders profitieren, wenn sich zeigt, dass eine Atemtechnik die Entscheidungsqualität auch dort stabilisieren kann, wo die Zeit für kognitive Strategien knapp ist.
Für Unternehmen und produktorientierte Teams in der Praxis ist neben der Wirkrichtung vor allem die Hürde relevant: Die Technik ist vergleichsweise leicht zu erlernen und erfordert keine intensive mentale Anstrengung. Das macht sie als Kandidat für „Rapid Arousal Regulation“ spannend, also als schneller Eingriff in den Zustand, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Auch über das reine Labor hinaus könnten psychologische Anwendungen denkbar sein, etwa dort, wo autonome Dysbalancen mit einer veränderten Belohnungswahrnehmung einhergehen. Der Blick geht dabei in Richtung klinischer Psychologie, aber auch Richtung Verhaltenstrainings oder Assistenzsysteme, die Atemmuster als Eingangsvariable nutzen. Und ebenso öffnet sich ein breiter Forschungsweg: Wenn Organe über biologische Signale tatsächlich so stark auf die kognitive Bewertung einzahlen, dann wird verständlich, warum neue Interventionen nicht nur „im Kopf“ ansetzen müssen, sondern auch am Körper – konkret am Atem.
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