LONDON (IT BOLTWISE) – Mercedes-Benz treibt nach eigenen Angaben eine größere Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle vor. Im Zentrum steht die Forderung, die tariflich verankerte 35-Stunden-Woche abzuschaffen. Parallel soll der Personalbestand mit einem freiwilligen Abfindungsprogramm um 5.000 bis 6.000 Stellen sinken. Gleichzeitig bleibt betriebsbedingte Kündigung bis 2034 wegen einer Beschäftigungsgarantie ausgeschlossen.

Mercedes-Benz verschiebt die Debatte vom Ergebnis zur Organisation: Nach Unternehmensangaben verlangt das Management weitreichende Zugeständnisse, um Produktivität zu erhöhen und Standortkosten zu senken. Ende Juli 2026 stellte der Konzern dafür eine Mischung aus längeren Arbeitszeiten, restriktiveren Rahmenbedingungen fürs Homeoffice und flexiblerem Leiharbeits-Einsatz in den Mittelpunkt. Besonders klar wird die Stoßrichtung mit der Forderung, die tariflich verankerte 35-Stunden-Woche abzuschaffen. Für die Belegschaft bedeutet das nicht nur eine rechnerische Mehrbelastung, sondern vor allem die Frage, wie die Gegenleistung in einem Modell aus Stunden, Leistung und Entgelt konkret verhandelt wird.
Technisch betrachtet geht es dabei um das Zusammenspiel mehrerer Stellschrauben im Arbeitszeitdesign: Wenn eine produktivitätsorientierte Mehrarbeit bei gleichbleibendem Gehalt in Aussicht gestellt wird, verlagert sich der Konflikt aus dem Lohnsystem in die Leistungs- und Planungslogik der Werke. Die angekündigte Einschränkung der Homeoffice-Regelungen wirkt dagegen vor allem auf die Steuerbarkeit von Arbeitswegen und auf die Verteilung von Tätigkeiten zwischen Standort und Remote-Arbeit. Ebenso wichtig ist die geplante Flexibilisierung des Leiharbeitereinsatzes: Sie verändert kurzfristig die Personalbedarfsplanung, kann aber auch langfristig die Verhandlungsposition über Kernbelegschaften beeinflussen. Vor diesem Hintergrund passt auch die Aussage des Konzerns in das gängige Muster von Standortoptimierung durch Kapazitätsglättung und variable Kostenblöcke.
Parallel zur Diskussion über Arbeitszeit und Arbeitsformen setzt Mercedes-Benz auf einen Personalabbau über ein freiwilliges Abfindungsprogramm. Zielgröße: 5.000 bis 6.000 Stellen weniger; im ersten Halbjahr 2026 fielen dafür Kosten in Höhe von 1,1 Mrd. Euro an. Dass betriebsbedingte Kündigungen bis 2034 ausgeschlossen bleiben, hängt laut Angaben mit einer bestehenden Beschäftigungsgarantie zusammen. Damit verlagert sich das Risiko aus dem klassischen Kündigungsprozess in den Bereich der Sozialabfederung und in die Gestaltung von Programmen, die von Beschäftigten freiwillig angenommen oder abgelehnt werden. Genau dort wird die Rolle der Mitbestimmung entscheidend: Wer Sozialpläne und Interessenausgleiche nicht nur unterschreibt, sondern die Kriterien der Sozialauswahl und die Verteilung von Nachteilen konkretisiert, beeinflusst, welche Beschäftigtengruppen am stärksten betroffen sind.
Die Kostenargumentation des Konzerns knüpft dabei an den internationalen Vergleich an. Als Begründung nennt das Management einen massiven Kostennachteil der deutschen Standorte, konkret mit einer Differenz von 70 Prozent gegenüber Ungarn. Während die Arbeitskosten im ungarischen Werk Kecskemét mit 15,20 Euro pro Stunde beziffert werden, liegen sie in Deutschland demnach deutlich darüber. Gleichzeitig kündigt der Konzern Investitionen am Standort Kecskemét an: 1 Mrd. Euro sollen die Kapazität dort auf bis zu 400.000 Fahrzeuge steigern. Bereits in der Verwaltung habe man laut Darstellung seit 2019 die Kosten um 25 Prozent gesenkt. Diese Kombination aus Kostendruck und Kapazitätsaufbau erklärt, warum die Arbeitszeitdebatte nicht isoliert geführt wird, sondern als Teil einer Gesamtstrategie zur Verschiebung von Kosten- und Produktionsstrukturen.
Auch das operative Geschäft liefert den Hintergrund: Im zweiten Quartal 2026 stieg der Konzerngewinn um 13,5 Prozent auf 1,09 Mrd. Euro, der operative Gewinn des Gesamtkonzerns um 21,5 Prozent auf 1,55 Mrd. Euro. In der Kernsparte Pkw dagegen zeigt sich mehr Belastung; der bereinigte operative Gewinn sank um 26 Prozent auf 909 Mio. Euro, was einer Rendite von 4,0 Prozent entspricht. Der Pkw-Absatz ging insgesamt um 7,9 Prozent auf 417.800 Einheiten zurück, in China sogar um 30 Prozent. In der Folge nennt der Konzern eine Sonderabschreibung von 704 Mio. Euro auf chinesische Joint-Ventures. Gleichzeitig meldet das Unternehmen Zuwächse bei batterieelektrischen Fahrzeugen: BEV-Verkäufe stiegen um 51 Prozent auf 52.852 Einheiten, doch die Jahresprognose wurde den Angaben zufolge dennoch auf rund 1,7 Mio. Fahrzeuge gesenkt, nach 1,8 Mio. im Vorjahr.
Das erklärt, warum die Arbeitszeit- und Personalpläne auf Widerstand treffen. Gewerkschaften und Betriebsrat stellten sich laut Bericht bereits Anfang Juli mit massiven Protesten gegen die Linie des Vorstands; dabei schwanken die Teilnehmerzahlen zwischen 10.000 (laut Mercedes-Benz) und 26.500 (laut IG Metall). Auch die IG Metall kritisierte das Vorgehen und warnte vor einem „Klassenkampf von oben“. Der Betriebsrat äußerte ebenfalls deutliche Kritik. Verstärkt wird die Spannung zusätzlich durch die Verschiebung einer tariflichen Sonderzahlung, die ursprünglich für Juli vorgesehen war. Daneben steht in der öffentlichen Debatte die Relation zwischen Sparforderungen und Auszahlungen an Führungskräfte und Aktionäre: Für das Jahr 2025 nennt der Bericht eine CEO-Vergütung von knapp 9 Mio. Euro und für April 2026 eine Dividende in Höhe von 3,3 Mrd. Euro. Für die Arbeitgeberseite ist die Botschaft damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch symbolisch – und genau diese Wirkung kann Verhandlungspositionen verändern.
Für Unternehmen und Entscheider ist die aktuelle Gemengelage vor allem ein Praxisfall für Mitbestimmung unter Zeitdruck. Wenn Arbeitszeitmodelle wie die 35-Stunden-Woche neu zugeschnitten werden sollen und parallel Abfindungsprogramme laufen, müssen Sozialparameter, Übergangsregelungen und Kriterien der Mittelvergabe so sauber wie möglich dokumentiert werden. In der Sache geht es zudem um das Verhältnis von Produktivitätszielen und fairer Lastenverteilung: Ein ehemaliger Mitarbeiter äußerte die Vermutung, hinter der Produktivitätsoffensive könne ein verdeckter Stellenabbau stehen. Das ist keine abschließende Bewertung, zeigt aber, wie sensibel Arbeitnehmervertreter die Mechanik solcher Pläne interpretieren. Unterm Strich entscheidet sich die Wirkung dieser Strategie nicht allein an den Zahlen, sondern an der Ausgestaltung im Betrieb – dort, wo aus „Kosten“ konkrete Regeln für Arbeitsleben werden.
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