BREMEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Bremer Mercedes-Werk eskalieren die Verhandlungen über die Arbeitszeit: Die Unternehmensführung will weg von der 35-Stunden-Woche und die 40-Stunden-Woche wieder auf die Agenda setzen. Betriebsrat und IG Metall wehren sich gegen zusätzliche Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Parallel laufen die Gespräche mit dem Gesamtbetriebsrat in einer Sondierungsphase, während für Montag ein bundesweiter Aktionstag in der Automobilindustrie geplant ist. Die Debatte trifft auch den Standortdruck durch die anhaltende Absatzkrise und mögliche Produktionsverlagerungen.

Im Bremer Mercedes-Werk verdichtet sich der Konflikt um die Arbeitszeit: Die Unternehmensführung strebt in den Verhandlungen mit Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche an, obwohl aktuell in der Produktion weiterhin eine 35-Stunden-Woche gilt. Serkan Gök, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, machte auf mehreren Betriebsversammlungen deutlich, dass die Beschäftigten die Botschaft hören: Bei keiner Einigung könne das Nachfolgemodell verlagert werden. Auffällig ist dabei der Timing-Faktor: Während das Werk noch als gut ausgelastet gilt und in drei Schichten produziert wird, wächst der Druck durch die Absatzkrise der deutschen Automobilindustrie – und damit auch durch die Frage, wie stabil die Auslastung in den nächsten Quartalen bleibt.
Technisch und organisatorisch hängt die Debatte weniger an Maschinen als an den Taktungen, Schichtplänen und damit an der gesamten Planbarkeit der Fertigung. Im Werk in Sebaldsbrück laufen Autos in drei Schichten vom Band; Sonderschichten sind laut Bericht bereits mit dem Betriebsrat vereinbart. Genau diese bestehenden Spielräume sind für den Arbeitgeber der Ansatzpunkt, um über zusätzliche Arbeitszeit Kosten zu beeinflussen – für die Arbeitnehmerseite jedoch der Beleg, dass der Standort nicht zwingend „nach unten“ optimiert werden muss, sondern zunächst über Investitionen und Produktentscheidungen gesprochen werden sollte. Dass direkt und indirekt bis zu 25.000 Arbeitsplätze an dem Werk hängen können, verschiebt die Frage zudem von einer reinen Konzernlogik hin zu einer regionalen Industriefrage, in der Zulieferketten, Logistik und Wartungs- und Dienstleistungsstrukturen unmittelbar mitschwingen.
Inhaltlich läuft die Argumentationslinie der Unternehmensseite auf eine Wettbewerbsfrage hinaus: Eine Unternehmenssprecherin erklärte, die strukturellen Kosten in Deutschland – insbesondere die Arbeitskosten – seien im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig. Entsprechend möchte die Führung mit dem Betriebsrat „Lösungen“ besprechen, die unter anderem eine Erhöhung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich umfassen. Begleitet wird das Paket jedoch durch weitere Stellschrauben: Auch Kürzungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie die Streichung von Jubiläumsgeldern und Sonderzahlungen stünden zur Debatte. Für die IG Metall ist das keine isolierte Maßnahme, sondern ein Eingriff in das Gefüge der Tarifverträge – Stefanie Gebhardt, Geschäftsführerin der IG Metall Bremen, bezeichnete die Pläne ausdrücklich als etwas, das an die Substanz der Tarifverträge gehe.
Die Arbeitszeitverkürzung von 35 Stunden gilt in der Metall- und Elektroindustrie seit 1995 als zentrales Signal, das nicht nur die Menge der Arbeit betrifft, sondern auch die Perspektive auf das Verhältnis von Beruf und Privatleben. Gebhardt stellte diese symbolische Dimension bei den Versammlungen in den Vordergrund: „Das Verhältnis von Arbeit und Leben neu auszutarieren – das ist ein Symbol der Gewerkschaftsbewegung“. Gleichzeitig signalisiert die Gewerkschaft Handlungsfähigkeit in der Sache: „Deshalb sind wir gesprächsbereit“, sagte Gebhardt. Der Kern der Kritik bleibt aber, dass eine einseitige Senkung der Personalkosten keine tragfähige Zukunftsantwort sei. Stattdessen fordert die IG Metall nach dem Muster „Investition vor Entzug“: innovative Produkte sowie Investitionen in Anlagen und in Menschen sollen Gesprächsgegenstand werden.
Damit gewinnt auch die politische Dimension an Gewicht. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte nahm an den Betriebsversammlungen in der Früh-, Spät- und Nachtschicht teil und signalisierte dabei Zustimmung zu einem Kernpunkt: „Ich bestreite nicht, dass Mercedes seine Kosten senken muss“. Zugleich setzte er eine klare Grenze gegenüber dem vorgeschlagenen Reflex: „Gleiches Geld für mehr Arbeit ist noch keine Zukunftsstrategie“, sagte Bovenschulte. Dass die Auseinandersetzung in Berlin und Brüssel entschieden werde, spiegelt den Ausbau der externen Einflussfaktoren wider: Energiekosten, Handelsbeschränkungen und Importfahrzeuge zu „Schleuderpreisen“ seien Themen, auf die das Werk nur begrenzt direkten Einfluss hat. Diese Mischung erklärt, warum der Konflikt zwar im Betrieb beginnt, aber strukturell nach außen verweist.
Für kommenden Montag plant die IG Metall einen bundesweiten Aktionstag in der Automobilindustrie unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“, und Bremen will sich darin sichtbar positionieren. Erwartet werden in Bremen mehrere Demonstrationszüge und zwei Kundgebungen: eine am Mercedes-Werk an der Kreuzung Sebaldsbrücker Heerstraße/Brüggeweg sowie eine im Gewerbegebiet Hansalinie, wo mehrere Zulieferer des Werks ihren Sitz haben. Inhaltlich geht es dabei nicht nur um die Verteidigung der 35-Stunden-Woche, sondern auch um konkrete Standortsignale: Bovenschulte nannte neue Gewerbegrundstücke an der Hansalinie für Mercedes-Zulieferer und den Ausbau von Ladestationen, um die E-Mobilität zu fördern. Damit wird aus dem Arbeitskampf auch eine Standortdebatte – und die Frage, ob zusätzliche Arbeitszeit in der Produktion tatsächlich der Hebel ist, der die Transformation hin zu neuen Antriebs- und Modellstrategien beschleunigt.
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