LONDON (IT BOLTWISE) – Vertrauliche interne E-Mails und Dokumente aus einem laufenden Verfahren zeichnen ein düsteres Bild für den Umgang von Microsoft und OpenAI mit News-Inhalten. In den Unterlagen warnen Verantwortliche wiederholt vor einem „doom loop“, der sowohl die Modellleistung als auch den Informationsfluss im Netz beeinträchtigen könnte. Zugleich zeigen Auswertungen laut Bericht erhebliche Rückgänge bei Klickraten für bestimmte News-Seiten nach KI-Such- und Bot-Nutzung. Der Streit läuft nun darauf zu, ob Training auf Nachrichteninhalten als fair use gelten kann und welche Bedeutung Substitutionseffekte vor Gericht haben.

Microsoft und OpenAI unter Druck: „Doom-Loop“ im KI-Training
Microsoft und OpenAI unter Druck: „Doom-Loop“ im KI-Training (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Kern des Konflikts ist inzwischen weniger eine technische Debatte über Trainingsdaten als vielmehr ein ökonomischer Wirkungstest: Interne Dokumente, die in einem Antrag auf summary judgment öffentlich wurden, sollen zeigen, wie Microsoft und OpenAI den möglichen Schaden für Nachrichtenanbieter vor der Einführung populärer KI-Produkte einschätzten. Im Verfahren, das von mehreren News-Organisationen mit prominenter Beteiligung einer großen Tageszeitung vorangetrieben wird, geht es darum, ob die Nutzung umfangreicher News-Inhalte zum Training und zur Generierung von Ausgaben rechtlich als fair use durchgeht oder ob sie die Nachfrage nach journalistischen Angeboten verdrängt. Dass diese Diskussion mit „doom loop“-Formulierungen verknüpft wird, verleiht dem Thema eine besondere Schärfe: Es geht nicht nur um Copyright-Fragen, sondern auch um die Frage, ob ein KI-Ökosystem ohne belastbare Content-„Lieferketten“ langfristig selbst leidet.

In den öffentlich gewordenen Unterlagen wird vor allem ein internes Narrativ sichtbar, das sich gegen die Annahme richtet, News-Training sei für Verlage weitgehend folgenlos. So wird Microsoft-weit ein wiederholtes Warnsignal beschrieben, wonach das Scrapen von News für KI-Trainings „astonishing theft“ in außergewöhnlicher Größenordnung sei; zudem soll der gleiche Verantwortliche Microsoft und OpenAI später auch mit der Argumentation widersprochen haben, Training auf News sei fair use. Bei OpenAI wird in internen Nachrichten wiederum von einer „existential threat“ gesprochen, die kommerzielle Produkte auslösen könnten, wenn sie durch KI-Output Nachrichtenanbieter ersetzen. Gleichzeitig wird das Risiko als Teufelskreis beschrieben: Eine Version der Dokumente soll darauf hinweisen, dass eine solche Substitution die Modellperformance und „das gesamte Web“ gleichzeitig beschädigen könne.

Was das Ganze zusätzlich in Richtung Nachweisbarkeit verschiebt, sind laut den News-Klägern konkrete Zahlen zu Nutzungs- und Traffic-Effekten. Dem Bericht zufolge verzeichnete Microsoft bei einigen beteiligten News-Organisationen Rückgänge bei den Click-through-Rates in einer Bandbreite von 83–93 % bzw. 51–94 %; als Kontext werden außerdem Messungen zu niedrigen Klickraten aus Chatbot- bzw. KI-Suchkontexten genannt. Diese Größenordnungen sind relevant, weil sie die juristische Argumentation von „Substitution“ stützen sollen: Wenn Nutzer Informationen nicht mehr zu den Primärquellen verfolgen, verlieren Verlage unmittelbar Reichweite und mittelbar Werbe- und Abonnementerlöse. Für KI-Anbieter entsteht daraus eine doppelte Abhängigkeit: Einerseits steigt die Qualität vieler generativer Systeme historisch auch über die Verfügbarkeit guter Quellen; andererseits wächst mit stärkerer Ausgabefähigkeit das Risiko, dass diese Quellen weniger gelesen werden.

Technisch lässt sich dieser Mechanismus als Verschiebung im Nutzerverhalten erklären. Chatbots und KI-Suchfunktionen liefern Antworten oft so, dass der Informationsbedarf teilweise direkt im Bot-Kontext gedeckt wird. In der Darstellung der News-Kläger soll genau diese Erfahrung bereits intern reflektiert worden sein: Es wird beschrieben, dass selbst bei sichtbaren Links Nutzer nicht zuverlässig klicken, wenn die KI die Inhalte zusammenfasst oder sinngemäß wiedergibt. Auch vor Gericht spielt diese Logik eine Rolle, weil sie die Frage berührt, ob die Nutzung von News als „Transformations“-Akt tatsächlich einen Mehrwert schafft, oder ob sie vor allem Nachfrage für den Originalzugang umleitet. Im Verfahren wird deshalb betont, dass Chatbots in Tests lange Auszüge, „extensive verbatim overlap“ oder strukturierte Zusammenfassungen liefern können, wenn Nutzer sehr gezielt nach bestimmten Arten von Output fragen.

Microsoft verweist derweil auf seine Sicht der Dinge. Laut Darstellung soll ein Sprecher betont haben, dass die Produkte eine transformative Nutzung darstellen würden und nicht als Ersatz für journalistische Angebote gedacht seien; zudem wird behauptet, es handele sich bei kritischen Dokumentstellen um die Perspektive einzelner Mitarbeitender ohne bindende rechtliche Bewertung. OpenAI soll nicht unmittelbar geantwortet haben, während Microsoft- und OpenAI-Seite offenbar auch darauf setzt, dass Aussagen von Führungskräften im Umfeld von Nadella und anderen Kontexten eher „Beobachtungen“ statt rechtliche Schlussfolgerungen seien. Gleichzeitig bringt das Verfahren die Gegenposition ins Spiel: Die Klage soll zeigen wollen, dass interne Hinweise auf den erwarteten wirtschaftlichen Schaden gerade nicht zufällig waren, sondern zum Zeitpunkt der Produktentwicklung bekannt gewesen sein sollen.

Am Ende läuft alles auf eine Art „Wirtschaftsbeweis“ hinaus, ob die Nutzung von News in der Praxis als fair use gelten kann. Die Kläger argumentieren, dass Gerichte Ansprüche zurückgewiesen hätten, wenn das Kopieren von News zur Bereitstellung eines Produkts genutzt werde, das Substitution von der Nachfrage für Nachrichten bewirke. Sie stellen dabei auch das Verhalten über das konkrete Training hinaus in den Mittelpunkt: Es wird beschrieben, dass die Firmen Methoden eingesetzt hätten, die das Testen von Outputs für die klagenden Verlage erschweren könnten, etwa über Filterlogiken, die in den Dokumenten als potenziell „accidental cover up“ diskutiert worden sein sollen. Die Diskussion reicht zudem in den Markt: Nach Ansicht der Kläger hätten andere große KI-Anbieter ähnliche Produkte eingeführt, die ebenfalls Traffic absorbieren, wodurch sich die Problematik verallgemeinert und nicht allein auf Microsoft und OpenAI beschränkt. Für die Branche ist das strategisch bedeutsam, weil eine gerichtliche Klarstellung, dass KI-Anbieter News-Inhalte lizenzieren müssen, die Trainings- und Produktpipelines vieler Akteure neu sortieren würde.

Unabhängig vom Ausgang zeigt der Streit bereits jetzt, wie schnell sich die „Content Supply Chain“ von einem Hintergrundfaktor zu einem zentralen Risikothema entwickelt: KI-Teams müssen zunehmend nicht nur Datenqualität, sondern auch Nutzungsrechte, Output-Wirkung und messbare Nutzerwanderung zusammen denken. Für Unternehmen, die KI-Systeme in Produkten einsetzen, verschiebt sich damit der Schwerpunkt in Richtung Auditierbarkeit: Wie werden Quellen beschafft, welche Form der Ausgabe erzeugt tatsächlich Substitution, und wie lassen sich diese Effekte belegen oder widerlegen? Genau hier dürfte die nächste Phase des Verfahrens ansetzen, weil die öffentlich gewordenen Dokumentstellen und die genannten Kennzahlen die Diskussion von abstrakteren Fair-use-Thesen hin zu konkreten Mustern von Nutzerverhalten ziehen. Das macht die Auseinandersetzung nicht nur zu einem Einzelfall, sondern zu einem Präzedenzrahmen, an dem sich künftige KI-Infrastruktur- und Produktentscheidungen in Europa und darüber hinaus orientieren könnten.


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