LONDON (IT BOLTWISE) – Morgan Stanley sieht bei SpaceX vor allem über die KI-Einheiten deutlich mehr Potenzial als der Markt einpreist. Das Analystenhaus hält am 12. August am Kursziel von 300 US-Dollar fest und nennt als Bull-Case sogar 600 US-Dollar. Kern der Argumentation ist eine „Sum-of-the-parts“-Rechnung, die Raumfahrt und Satelliteninternet einerseits und die Consumer- und Enterprise-KI mit xAI, Grok und Cursor andererseits getrennt bewertet. Untermauert wird die These durch den Abschluss der Cursor-Übernahme für 60 Milliarden US-Dollar und den Start von Grok 4.6.

In der Bewertung von SpaceX steckt aktuell ein Spannungsfeld: Während der Markt die Raumfahrt- und Satellitentechnologie meist als dominierenden Werttreiber behandelt, argumentiert Morgan Stanley, dass die KI-Sparte bislang zu wenig Gewicht in der Kursfindung findet. Das Analystenhaus bekräftigte am 12. August sowohl ein Kursziel von 300 US-Dollar für die SpaceX-Aktie als auch ein Overweight-Rating. Der entscheidende Punkt: Analyst Adam Jonas versucht, die Erwartungswerte nicht als „Alles-in-einem“-Story zu lesen, sondern trennt die Sparten in einer Sum-of-the-parts-Logik. Genau diese Aufteilung bestimmt, wie viel Wert der KI-Teil zusätzlich tragen könnte – und wie empfindlich der Kurs auf eine Neubewertung reagiert.
Die operative Blaupause der Argumentation liefert Jonas’ Aufschlüsselung der Unternehmensbereiche. In der Analyse vom 12. August taxiert er die Sparten Space und Connectivity – also Raketenstarts, das Starship-Programm und das Satelliteninternet Starlink – auf 127 US-Dollar je Aktie. Diese Zahl wird dabei in Relation zu dem für 2028 geschätzten EBITDA gesetzt: Der Ansatz entspricht laut Darstellung dem 52-Fachen. Erst damit wird die Ausgangslage klar, denn die Kernaussage lautet nicht „SpaceX ist mehr wert“, sondern „der KI-Block wird im Verhältnis zu Raumfahrt und Connectivity zu konservativ bepreist“. Jonas setzt dieser Spartenbewertung die Consumer- und Enterprise-KI-Einheit gegenüber, zu der er die Sprachmodell-Einheit xAI mit Grok sowie Cursor zählt.
Für die Consumer- und Enterprise-KI reserviert Jonas in seiner Rechnung lediglich 12 US-Dollar je Aktie. Das entspreche – umgerechnet – etwa dem Einfachen des für 2028 erwarteten Verhältnisses von Unternehmenswert zu Umsatz, wie es in der Notiz beschrieben wird. Diese Relationen sind der eigentliche „Hebel“ der Einschätzung: Wenn Investoren die KI-Sparte faktisch nur als Anhängsel bewerten, bleibt der Bewertungsrahmen eng. Jonas hatte bereits am 24. Juli gewarnt, dass ein Aktienkurs von 100 US-Dollar aus seiner Sicht bedeuten würde, Investoren billigten der KI-Sparte nahezu keinen Wert mehr zu. In der Folge verstärkte er die Kritik an der Markteinschätzung: Viele Anleger würden den Bereich angesichts hoher Kapitalkosten, einer unsicheren Wirtschaftlichkeit und eines hohen Management-Aufwands sogar negativ einpreisen, heißt es in der darauffolgenden Notiz vom Folgetag.
Dass die Debatte nicht rein theoretisch ist, zeigt die jüngste Kursreaktion. Die SpaceX-Aktie zog an der NASDAQ am Montag um 4,5 Prozent auf 146,23 US-Dollar an; nachbörslich lag sie dem Text zufolge bei 145,90 US-Dollar, entsprechend einem Plus von 0,23 Prozent. Morgan Stanley hält neben dem 300-US-Dollar-Ziel zudem an einem Bull-Case-Szenario von 600 US-Dollar fest, das explizit das Potenzial der Übernahme der KI-Coding-Plattform Cursor widerspiegelt. Genau dieser Schritt ist als konkret verwertbares Signal im Text verankert: SpaceX habe die Übernahme von Cursor am 14. August für 60 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. In einer Bewertung, die Sparten trennt, spielt die Frage eine zentrale Rolle, ob solche Transaktionen eher Synergien und Monetarisierung versprechen – oder ob sie nur kurzfristig Kosten und Ausführungslast erhöhen.
Technisch wird die These im Bericht auch über neue Modell-Iterationen verdichtet. Im Mittelpunkt steht der Start von Grok 4.6 durch die xAI-Einheit: Das Modell soll laut Unternehmensangaben komplexe, mehrstufige Aufgaben übernehmen können – darunter Recherche, Datenanalyse und Softwareentwicklung. Der Zugang erfolgt demnach nicht nur „irgendwo im Ökosystem“, sondern über Cursor sowie Grok Build. Für die operative Nutzung nennt der Text eine Preisspanne in Token-Basis: 2 US-Dollar je Million Input-Token und 6 US-Dollar je Million Output-Token. Für die künftige Entwicklungsrichtung stützt Morgan Stanley die eigene Erwartung ebenfalls mit zeitlichen Meilensteinen: xAI solle Grok 4.7 noch diesen Monat veröffentlichen und Grok 5 bis Ende Dezember bringen.
Damit verschiebt sich der Fokus von „KI als Vision“ hin zu „KI als wiederholbarer Produkt- und Umsatzpfad“. Morgan Stanley verweist in der aktualisierten Einschätzung auch auf Kennzahlen, die als Signal für die Skalierbarkeit gelesen werden: SpaceX hatte im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 7,8 Milliarden US-Dollar ausgewiesen, ein Plus von 92 Prozent. Für Ende 2026 sieht das Unternehmen eine Umsatz-Run-Rate von nahezu 100 Milliarden US-Dollar vor. Ob diese Dynamik primär aus Raumfahrt- und Konnektivitätsgeschäft kommt oder ob KI-Komponenten den Margenhebel später verstärken, bleibt im Bericht als Annahme in die Bewertungslogik eingebaut. Der Text zeigt außerdem, wie stark die Wahrnehmung schwanken kann: Der breitere Analystenkonsens liege laut Darstellung derzeit bei einem mittleren Kursziel von 232,35 US-Dollar, getragen von insgesamt 24 Kauf-, 5 Halte- und 2 Verkaufsempfehlungen unter 31 Häusern, mit einer Kurszielspanne von 75 bis 800 US-Dollar. Das Spektrum deutet weniger auf Einigkeit als auf unterschiedliche Pfade in der Annahme hin, wie schnell sich KI-Engagement monetarisieren lässt.
Für Entscheider in Technologie- und Investitionsbudgets ist das vor allem eine Frage nach Bewertungsmechanik: Eine Sum-of-the-parts-Ansicht zwingt dazu, KI-Fortschritt nicht nur als Technologie-Roadmap, sondern als Reihe von „Produktmomenten“ zu verstehen – etwa Modellstarts, Integrationen in Entwickler-Tools und konkrete Übernahmen wie Cursor. Gleichzeitig macht die Argumentation sichtbar, warum Märkte oft vorsichtig bleiben: Hohe Kapitalkosten und die Unsicherheit über die Wirtschaftlichkeit sind genau die Faktoren, die bei KI-Investments die Diskontierung verschieben. Wenn Morgan Stanleys Bull-Case von 600 US-Dollar in den Bereich der Erwartungswerte rückt, dann nicht wegen eines einzigen Events, sondern weil mehrere Bausteine gleichzeitig zusammenkommen: die Trennung der Spartenlogik, die Preisgestaltung rund um Grok, der Cursor-„Distribution“-Pfad und die im Text genannten Umsatzsignale aus dem operativen Wachstum. Welche dieser Annahmen sich am Ende durchsetzt, wird sich spätestens an der Frage entscheiden, wie schnell die KI-Komponenten messbar in wiederkehrende Erlöse und Kundenumsätze übersetzt werden.
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