RABAT / LONDON (IT BOLTWISE) – Wales entzieht dem walisischen Verband zufolge Gianni Infantinos Wiederwahl als FIFA-Präsident im kommenden Jahr den Rückhalt. Kurz darauf bestätigte auch Serbien, dass es seine Unterstützung für die Kandidatur für die Amtszeit 2027 bis 2031 zurücknimmt. Der Schritt erfolgt mit dem Hinweis auf neue Führung, Vertrauen und einen anderen Ansatz, um den internationalen Fußball wieder zu einen. Damit wächst der Druck kurz vor den FIFA-Wahlen 2027 in Marokko deutlich.

Der Gegenwind für Gianni Infantino nimmt kurz vor den FIFA-Wahlen 2027 deutlich Fahrt auf: Zuerst zog Wales als erster nationaler Fußballverband seine Unterstützung für die geplante Wiederwahl des FIFA-Bosses zurück. In der Begründung werden nicht einzelne Streitpunkte herausgegriffen, sondern ein Bündel an Kritikfeldern genannt, darunter verantwortungsvolle Verbandsführung, Entscheidungsprozesse, Werte und Kommunikation sowie die Frage, ob er künftig genügend Urteilsvermögen an den Tag legt. Für die FIFA ist das mehr als eine diplomatische Verstimmung, weil Unterstützungserklärungen in solchen Wahlprozessen regelmäßig als Signal für die Verlässlichkeit von Mehrheiten gelesen werden.
Wales stützt seine Position dabei explizit auf den Vertrauensentzug: Der Walisische Fußballverband macht geltend, dass die jüngsten Defizite in mehreren Bereichen dazu geführt hätten, dass man Infantino das Vertrauen für die Fortsetzung an der Spitze des Weltfußballs nicht mehr geben könne. Genau diese Formulierung ist entscheidend, weil sie das Thema von „politischem Taktieren“ hin zu „Governance“ verschiebt. Gleichzeitig entsteht dadurch ein realistischer Dominoeffekt, denn wer eine Wiederwahl öffentlich ablehnt, setzt damit auch den Maßstab, an dem andere Verbände ihre eigene Position ausrichten.
Die schnelle Reaktion aus Serbien verstärkt den Eindruck, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Der Co-Gastgeber der EM 2028 im Vereinigten Königreich und Irland teilte den Angaben zufolge mit, dass er seine Unterstützung für die Kandidatur Infantinos zur Wiederwahl für die Amtszeit 2027 bis 2031 entzieht. Auch hier wird nicht mit „persönlicher Abneigung“ argumentiert, sondern mit dem Bedarf an neuem Vertrauen, einem neuen Ansatz und einer neuen Führung. Das Zielbild dahinter lautet, Dialog, Geschlossenheit und Glaubwürdigkeit der internationalen Fußballinstitutionen wiederherzustellen.
Technisch betrachtet lässt sich der Vorgang als Verschiebung in der Governance-Dynamik verstehen: In Organisationen mit delegiertem Wahlrecht wirken nicht nur formale Stimmen, sondern auch Narrative und Erwartungsmanagement. Wenn Verbände öffentlich benennen, dass Kommunikationsfähigkeit, Stakeholder-Management und Entscheidungsqualität nicht mehr als ausreichend gelten, steigt für jede weitere betroffene Seite der politische Kostenfaktor, eine Wiederwahl ohne sichtbaren Kurswechsel mitzutragen. Dazu passt, dass die Kritik in mehreren Bereichen gleichzeitig formuliert wird und nicht an einer einzigen Stellschraube ansetzt.
Der Hintergrund: Infantino hatte zuvor Pläne zurückgezogen, die im Raum standen, weil sie mit einem möglichen Verkauf eines Teils der kommerziellen Rechte der FIFA in Verbindung gebracht wurden. Laut dem Bericht hatte der Widerstand in diesem Zusammenhang die ursprünglichen Überlegungen ausgebremst; wie stark die Auseinandersetzung noch nachwirkt, zeigt sich daran, dass nun auch im Wahlkontext über die Zukunft des Präsidenten diskutiert wird. Infantino steht seit 2016 an der Spitze des Weltverbands, und in dem Zeitraum hat die FIFA immer wieder versucht, kommerzielle Rechte zu bündeln und stärker zu monetarisieren. Genau dort, wo Einnahmeziele auf Interessen von Verbänden, Zeitpläne und Wahrnehmung treffen, entsteht regelmäßig Reibung.
Für Europa ist die Einordnung besonders, weil Wales als Mitglied der UEFA eingebunden ist und der Konflikt offenbar auch auf europäischer Ebene diskutiert wurde. Wenn mehrere Verbände gleichzeitig ihre Unterstützung zurücknehmen, signalisiert das: Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob ein konkreter Plan „durchgeht“, sondern darum, wer künftige Entscheidungen glaubwürdig und im Sinne der Stakeholder absichern kann. Entscheidend wird nun, ob sich aus der aktuellen Eskalation eine stabile Gegenkoalition entwickelt oder ob sich die Positionen im weiteren Verlauf wieder annähern.
Am 18. März 2027 soll Infantino – sofern alles nach Statuten geordnet verläuft – in Rabat (Marokko) auf dem 77. FIFA-Kongress ein letztes Mal für vier Jahre als Präsident gewählt werden. Für die FIFA-Wahl bedeutet das Zeitdruck bis zur entscheidenden Phase: Nicht nur die Stimmenzahl zählt, sondern auch, ob bis dahin überzeugende Antworten auf die genannten Governance-Themen vorliegen. Unabhängig vom Ausgang der Wahl dürfte sich der Trend aber fortsetzen: Verbände werden zunehmend öffentlich kommunizieren, welche Standards sie bei Entscheidungswegen, Führung und Kommunikation erwarten – und damit die Wahlpolitik stärker mit Fragen der Institutionenreputation verknüpfen.
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