HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die NASA will die Internationale Raumstation (ISS) spätestens bis zum Ende des Jahrzehnts aus dem Betrieb nehmen und startet dafür einen neuen Wettbewerb. Mit einer Aufforderung zur Einreichung von Angeboten sucht die US-Behörde kommerzielle Firmen, die Raumstationen für den Low-Earth-Orbit (LEO) entwickeln und betreiben. Die Einreichungsfrist läuft bis zum 8. Dezember, erste Verträge sollen bis zum Frühjahr 2027 vergeben werden. Langfristige Laufzeiten von rund acht Jahren und mögliche Verlängerungen auf insgesamt bis zu 15 Jahre sollen Planungssicherheit für die Industrie schaffen.

Die nächste Phase der bemannten Raumfahrt bekommt eine klare wirtschaftliche Übersetzung: Die NASA beginnt, den Low-Earth-Orbit (LEO) schrittweise als kommerziellen Betriebsraum zu denken. Ausgangspunkt ist die geplante Außerdienststellung der Internationalen Raumstation (ISS) bis zum Ende des Jahrzehnts. Damit verschiebt sich die Rolle der NASA von der alleinigen Stationsbetreiberin hin zu einem Kunden, der Forschung, Technologietests und Training weiter einfordert, während private Anbieter die Infrastruktur in eigener Verantwortung bereitstellen. Genau dafür hat die US-Behörde jetzt einen Request for Proposals veröffentlicht, der bis zum 8. Dezember angenommen werden soll.
Technisch ist der Schritt weniger ein „neuer Bahnhof“, sondern eher eine Neuordnung der Schnittstellen zwischen Betrieb, Nutzlasten und Orchestrierung im Orbit. Die ISS ist seit Jahren ein komplexes System aus Modulen, Versorgungsketten, Kommunikationswegen und standardisierten Andock- sowie Übergabeprozessen. Wenn die NASA diese Funktionen in Zukunft über kommerzielle Raumstationen abbildet, verlagert sich der Schwerpunkt auf wiederholbare Betriebsabläufe: Wie wird Versorgung geplant, wie werden wissenschaftliche Nutzlasten installiert, wie laufen Sicherheits- und Wartungsfenster ab, und wie werden Crew-Phasen für Experimente und Technologiedemonstrationen abgestimmt? In dem Ausschreibungsprozess fordert die NASA deshalb konkrete Pläne, wie neue Stationen in wenigen hundert Meilen Höhe über der Erde dauerhaft im LEO betrieben werden können.
Auf der Zeitachse wirkt die Ausschreibung wie ein Versuch, Lücken zu vermeiden. Die NASA erwartet, die ersten Verträge im Frühjahr 2027 zu vergeben, grob um den 15. April herum. Die initialen Auftragnehmer sollen dabei Verträge erhalten, die etwa acht Jahre laufen, mit optionalen Verlängerungen, die zusammen bis zu etwa 15 Jahren reichen können. Solche Laufzeiten sind für die Industrie entscheidend, weil Stationen typischerweise nicht nur aus Hardware bestehen, sondern auch aus wiederkehrenden Operationskosten, Ersatzteilstrategien und einem verlässlichen Zugriff auf Andock- und Versorgungskapazitäten. Dass die Behörde keine genaue Größenordnung für die Vergabesumme nennt, mindert die Kalkulationsrisiken zunächst nicht, aber unterstreicht, dass die Bandbreite der Konzepte offen bleiben soll.
Marktseitig ist das auch ein Signal an die Hersteller- und Betreiberlandschaft im Raumfahrtsektor. Mehrere US-Regierungen hatten laut NASA-Positionierungen über die Jahre hinweg deutlich gemacht, dass LEO langfristig kommerziell geöffnet werden soll. Die NASA will sich dabei nicht aus der Rolle der Nutzerin verabschieden, sondern beschreibt vielmehr eine „dauerhafte US-Präsenz“ im LEO auch nach dem ISS-Ruhestand. Administrator Jared Isaacman verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass weiterhin ein Ort für Forschung, die Entwicklung von Technologien, das Training von Crews und die Vorbereitung von Missionen zum Mond und zum Mars benötigt werde. Kommerzielle Raumstationen sollen genau diese Aufgabe erfüllen und zugleich neue Chancen für die Industrie schaffen, während die NASA ihre Ressourcen stärker auf Missionen konzentrieren kann, die als besonders anspruchsvoll gelten.
Dass die NASA die ISS nicht nur „abschaltet“, sondern bereits den geordneten Übergang in Richtung Deorbit plant, wird in der Ausschreibungspraxis sichtbar. Im Jahr 2024 hatte die NASA dafür SpaceX ausgewählt, um ein Raumfahrzeug zu entwickeln, das die ISS aus dem Orbit zurückführt. Der Auftrag umfasst laut Angaben einen Vertrag über 843 Millionen US-Dollar für das Deorbitieren: Die Station soll durch die Erdatmosphäre geführt und in einer unbewohnten Region des Ozeans geborgen werden. Damit wird deutlich, dass der kommerzielle Ersatz nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern dass das Shutdown-Szenario der ISS bereits in einem Industriewerkzeug abgebildet wird. Für Betreiber neuer Stationen bedeutet das auch: Planbarkeit entsteht nicht nur durch Vertragshorizonte, sondern durch den späteren Status der bestehenden Infrastruktur.
Für Unternehmen, die sich an der Ausschreibung beteiligen wollen, liegt der Hebel weniger in einzelnen technischen Komponenten als in der gesamten Betriebskette. Die NASA deutet in ihren Vertragslogiken an, dass öffentliche und private Kompetenzen zusammenwirken sollen, etwa indem NASA-Personal und Expertise in Public-private Partnerschaften genutzt werden. Praktisch heißt das: Wer Stationen anbietet, muss nicht nur eine modulare Raumstruktur planen, sondern auch Nachweise dafür liefern, dass Missionen zuverlässig laufen und Nutzlasten in einem regulatorisch geprägten Sicherheitsrahmen betreibbar bleiben. Gleichzeitig ist im Hintergrund relevant, dass die ISS nach bisherigen Kostenangaben die NASA über Milliardenbeträge belastet hat – die Quelle nennt sogar bis zu 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr (bezogen auf einen Bericht aus 2021). Genau diese Größenordnung macht verständlich, warum die Behörde stärker auf kommerzielle Kapazitäten setzt: nicht als Ersatz für die wissenschaftliche Mission, sondern als Verschiebung der Infrastrukturkosten und des Herstellungs- sowie Betriebsrisikos.
Ein weiterer Aspekt ist die strategische Wirkung über den LEO hinaus. Die NASA kündigt an, langfristig auch mit Blick auf Mond- und Marsvorhaben im LEO testen zu wollen, etwa bei Technologien, die später bei tieferen Missionen wiederverwendbar sein sollen. Für Entwickler von Raumfahrtsoftware, Datensystemen und Missionsplanung bedeutet das: Neue Betreiber brauchen Schnittstellen und Prozesse, die sich in bestehenden Workflows abbilden lassen – von der Telemetrie bis zur Systemüberwachung. In der Praxis kann das die Nachfrage nach zuverlässiger KI-gestützter Analyse im Operations-Umfeld erhöhen, etwa bei Anomalieerkennung oder bei der Automatisierung von Auswerteketten für wissenschaftliche Experimente. Entscheidend bleibt aber, dass die Grundlagen der Betriebsfähigkeit im Vordergrund stehen: Stromversorgung, Kommunikationspfade, Andockstrategie, Wartungsplanung und Sicherheitsprotokolle müssen so skalieren, dass wissenschaftliche Nutzung planbar bleibt.
Für den Wettbewerb bis zum 8. Dezember ist damit die Kernfrage klar: Wer kann eine kommerzielle Raumstation so planen, dass die NASA als Nutzerin über Jahre hinweg verlässliche Nutzungsfenster, technische Anbindung und einen sicheren Betrieb erhält? Die Kombination aus zeitlich gestaffelten Vertragserwartungen (Vergabe bis etwa April 2027) und mehrjährigen Laufzeiten bis zu 15 Jahren signalisiert, dass es nicht um eine kurzfristige Demonstration geht, sondern um ein tragfähiges Betriebsmodell. Genau deshalb ist der nächste Technologiesprung weniger spektakulär als organisatorisch: Die Raumstation wird zum Service, und die NASA definiert dafür die Anforderungen. Ob die ISS damit „ruhiger“ ausläuft oder ob die neue LEO-Landschaft zunächst mehrere konkurrierende Ansätze parallel führt, entscheidet sich nun in den eingereichten Konzepten und in den späteren Auswahlkriterien.
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