WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Katalyst Space und NASA beenden die geplante Reboost-Operation für das Swift-Gammastrahlenobservatorium. Grund sind anhaltende Attitude-Control-Probleme an der Link-Kapelle, darunter ein Spin-Manöver mit Verlust von zwei von drei Reaction Wheels. Statt Swift anzuheben soll Link nun nur noch Rendezvous- und Proximity-Tests in der Nähe des Observatoriums durchführen. Damit endet ein Projekt, das ohnehin auf hohes Risiko und eine enge Zeitplanung gesetzt hatte.

Das Projekt sollte Swift noch einmal Zeit verschaffen: Katalyst Space und die NASA haben die geplante Orbit-Anhebung des Gammastrahlenobservatoriums Swift auf dem letzten Abschnitt der Mission verworfen. Auslöser sind „ongoing attitude control issues“ mit dem Link-Raumschiff von Katalyst, das eigentlich an Swift heranmanövrieren und dessen Umlaufbahn mithilfe von Koppel- beziehungsweise Greif-Operationen anheben sollte. In der Mitteilung vom 20. August heißt es, dass Link „will not attempt to grapple Swift and raise its orbit as originally planned“ – nach Rücksprache mit der NASA, aber ohne weitere Details zu den Ursachen.
Technisch steht hinter der Absage vor allem ein Kontrollproblem der Lagestabilisierung: Katalyst hatte Link am 3. Juli auf einer Pegasus-XL-Rakete gestartet, um Swift gezielt zu „grapplen“ und so den Reboost auszuführen. Noch nach dem Start berichtete das Team, das System sei in gutem Zustand; nur wenige Wochen später stellte sich jedoch heraus, dass Link am 28. Juli in eine multi-axis Drehung geraten war. Ursache waren Attitude-Control-Probleme, unter anderem der Ausfall von zwei der drei Reaction Wheels. Zusätzlich arbeiteten die Triebwerke des Reaction Control Systems nur teilweise, was die verbleibenden Regelungsmöglichkeiten stark einschränkte.
Dass das Team den Spin überhaupt begrenzen konnte, war dennoch ein wichtiges Zwischenziel. Bis Anfang August gelang es, die Drehrate von 9 Grad pro Sekunde auf 1,47 Grad pro Sekunde zu senken, indem elektrische Triebwerke genutzt wurden, die eigentlich für den Wechsel der Umlaufbahn gedacht waren. Danach installierten die Flugkontrollteams neue Flight-Software, um die Steuerung zu stabilisieren und die nächsten Manöver zu ermöglichen. In einem Beitrag vom 11. August schrieb Katalyst, man erwarte, dass die aktualisierte Konfiguration „support rendezvous operations“ und in der nächsten Missionsphase einen Versuch ermöglichen werde, „to capture and boost NASA’s Neil Gehrels Swift Observatory“. Dieses Ziel wurde zwar zeitlich konkret angesetzt, aber im weiteren Verlauf offenbar als nicht mehr sicher beziehungsweise nicht mehr verlässlich genug bewertet.
Entsprechend betonen beide Parteien zwar, dass Link weiterhin Rendezvous- und Proximity-Operationen in der Nähe von Swift durchführen wird, aber ohne den eigentlichen Reboost-Schritt. Öffentlich erklären weder Katalyst noch die NASA, warum am Ende die Beurteilung kippte, ob Link „safely grapple and boost Swift“ durchführen kann. Für die Bewertung ist das typisch für Missionen dieser Klasse: Greif- und Boost-Phasen hängen nicht nur von einer stabilen Attitude ab, sondern auch von der Zuverlässigkeit von Sensorik, Aktuatorik (Reaction Wheels und Thruster-Logik) sowie der gesamten Flugsoftwarekette über die Zeit. Bereits ein begrenzter Verlust an Regelreserve kann aus einem machbaren Manöver schnell ein Risiko werden, insbesondere wenn die Kontaktphase mit engem Abstand geplant ist.
Der Abbruch trifft Swift zusätzlich zu einer ohnehin verschärften Zeitachse. Swift wurde 2004 gestartet, um unter anderem Gammastrahlenblitze zu beobachten. Die Umlaufbahn hatte sich nach Einschätzungen der NASA schneller als erwartet verflüchtigt, weil der Atmosphärendrag durch erhöhte Sonnenaktivität zugenommen hatte; die Agentur ging davon aus, dass eine Wiedereintrittsphase bereits „as soon as late 2026“ eintreten könnte. NASA hatte daher bereits vorab Studien ausgeschrieben, darunter Verträge an Katalyst und an Cambrian Works, die mit Astroscale U.S. verbunden war, um die Machbarkeit von Reboost-Optionen zu untersuchen. Im September folgte dann ein 30-Millionen-US-Dollar-Vertrag für Katalyst, wobei das Reboost-Programm eine Raumsonde wiederverwendete, die ursprünglich für eine Low-Earth-Orbit-Demonstration der Satellitenwartung entwickelt wurde.
In der Kommunikation wurde mehrfach betont, dass es sich um eine „high-risk, high-reward“-Mission handelt. Shawn Domagal-Goldman, Direktor der Astrophysik-Division der NASA, sagte in der Agenturerklärung: „We knew this was a high-risk, high-reward mission: a first-of-its-kind attempt, developed on an unprecedented timeline driven by the sun’s activity“. Jared Isaacman, NASA-Administrator, ergänzte: „NASA should be willing to move quickly and take smart risks when the potential return is worth it, and that is exactly what we did with this mission“. Genau dieses Spannungsfeld wird nun sichtbar: Die Technik sollte auch in einer schwierigen Bahn- und Regellagesituation weiterlernen, aber die finale Umsetzungsentscheidung fällt zugunsten von Sicherheits- und Betriebsgrenzen aus.
Für die Astronomie bedeutet der Schritt nun faktisch das Ende der aktiven Nutzung von Swift, denn das Observatorium soll nach NASA-Angaben noch in diesem Jahr wieder eintreten. Aktuell kreist Swift in einer Höhe zwischen 343 und 347 Kilometern. Die NASA hatte die Wissenschaftsbetriebe bereits im früheren Jahresverlauf weitgehend eingestellt, um den Betrieb gezielt umzustellen und den Atmosphärendrag zu reduzieren und damit Zeit für den Reboost zu gewinnen. Offiziell bleibt dabei offen, ob die Instrumente für die verbleibenden Monate noch reaktiviert werden, um zumindest einen Rest an Messzeit mitzunehmen. Auch Katalyst ordnet die verbleibenden Link-Betriebsphasen als Lernschritt: Das Unternehmen will die gewonnenen Erkenntnisse in eine „repeatable playbook“ für zukünftige Rendezvous-, Proximity- und Servicing-Missionen überführen. Ghonhee Lee, CEO von Katalyst Space Technologies, formulierte dazu: „We have already learned a tremendous amount, and now our job is to turn those lessons into something durable: building a repeatable playbook to inform future rendezvous and proximity operations and satellite servicing“.
Für den Markt der Satellitenwartung und -dienstleistungen ist der Ausgang dennoch mehr als nur ein Rückschlag. Die konkrete Greif- und Boost-Fähigkeit wurde nicht demonstriert, aber die Mission liefert weiterhin verwertbare Betriebsdaten über Spin-Reduktion, elektrische Antriebsnutzung bei begrenzten Regelreserven und die Wirksamkeit eines Software-Updates im Flug. Dass die Komponenten für Deorbiting-Services in einem separaten Auswahlprozess im Umfeld der Space-Development- und Defense-Innovation-Unit bereits weitergedacht wurden, zeigt außerdem, dass der Bedarf an On-Orbit-Services strukturell vorhanden bleibt. In den kommenden Starts werden Entscheider deshalb stärker als bisher darauf achten, wie viel Regelreserve in Attitude-Control-Architekturen tatsächlich in Grenzszenarien bleibt und wie robust Flugsoftware in Echtzeit auf neue Zustände reagiert – denn die nächste Reboost-Chance wird nicht auf Wetter oder Solaktivität, sondern auf physikalische und softwareseitige Stabilität passen müssen.
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