WIESBADEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland liegt der Anteil junger Menschen ohne Job, Bildung oder Ausbildung im vergangenen Jahr bei 10,0 Prozent. Im Vorjahr waren es 9,5 Prozent, 2022 sogar 8,8 Prozent. Besonders auffällig: Nahezu zwei Drittel der Betroffenen stehen dem Arbeitsmarkt laut Angaben aus dem Bildungsbericht zunächst gar nicht zur Verfügung. Als häufige Hürden nennen sie Betreuungspflichten und gesundheitliche Probleme.

Der Befund ist zugleich sozialpolitisch heikel und für den Arbeitsmarkt höchst relevant: In Deutschland stieg der Anteil junger Menschen im Alter von 20 bis 24 Jahren, die weder in Bildung, Ausbildung noch im Job sind, im vergangenen Jahr auf 10,0 Prozent. Damit setzt sich eine Bewegung fort, die schon im Vorjahr sichtbar war (9,5 Prozent) und 2022 noch niedriger ausfiel (8,8 Prozent). Je länger diese Gruppe außerhalb zentraler Übergänge bleibt, desto schwieriger wird es häufig, später überhaupt Anschluss an Qualifizierung oder Beschäftigung zu finden. Der politische Handlungsdruck entsteht dabei nicht nur aus der individuellen Lebenslage, sondern auch aus dem Umfeld, in dem Unternehmen zunehmend händeringend Fachkräfte suchen.
Technisch betrachtet steckt hinter der Kennzahl eine konsequente Abgrenzung: Die sogenannte NEET-Quote (Not in Employment, Education or Training) bündelt Zustände, in denen junge Menschen nicht erwerbstätig sind und zugleich keinen Bildungs- oder Ausbildungsweg durchlaufen. Für die Praxis bedeutet das: Man sieht weniger den einzelnen Lebenslauf und mehr die Lücke zwischen Schule, Ausbildung und erster Berufstätigkeit. Der nationale Bildungsbericht aus dem Jahr 2024 ordnet diese Lücke zudem in Teilgruppen ein: Etwa ein Viertel der Betroffenen befindet sich auf Arbeitssuche, rund 10 Prozent stehen kurz vor der Aufnahme eines Studiums, einer Ausbildung oder eines Jobs. Der größte Teil bleibt jedoch zunächst außen vor – nahezu zwei Drittel stehen dem Arbeitsmarkt dem Bericht zufolge erst gar nicht zur Verfügung.
Diese fehlende Verfügbarkeit erklärt, warum reine Aktivierungsparolen oft zu kurz greifen. Wenn Betreuungspflichten und gesundheitliche Probleme als häufige Hinderungsgründe genannt werden, handelt es sich nicht nur um ein Vermittlungsproblem, sondern um strukturelle Brückenprobleme im Lebensalltag. Für die Betroffenen ist der Abstand zu Ausbildung und Arbeit damit oft nicht mit einem Termin in der Beratung aufzulösen. Stattdessen braucht es passgenaue Unterstützung, die Schutzbedarfe berücksichtigt, ohne den Übergang dauerhaft zu verzögern. Aus Sicht der Betroffenen wird damit die Perspektive unsicher, und aus Sicht des Arbeitsmarkts droht der Abfluss potenzieller Fachkräfte – nicht, weil die Potenziale fehlen, sondern weil der Weg dorthin stockt.
In der Einordnung wird auch deutlich, weshalb der Übergang Schule → Ausbildung und Ausbildung → Arbeit zunehmend nicht zuverlässig gelingt. Bettina Kohlrausch von der Hans-Böckler-Stiftung verweist darauf, dass ein wachsender Teil der Jugendlichen den Wechsel nicht mehr schafft und spricht dabei von einer „holprigen Erwerbskarriere“. Genau hier setzt die Forderung nach einer echten Ausbildungsgarantie an. Gemeint ist nicht nur ein Versprechen auf dem Papier, sondern ein System, das im Zweifel nicht nur auf Bewerbungen reagiert, sondern aktiv passende Plätze und Qualifizierungswege ermöglicht – gerade in Phasen, in denen einzelne Jugendliche aufgrund von Gesundheitslagen oder familiären Verpflichtungen nicht in der üblichen Rhythmik von Schule und Berufseinmündungen funktionieren.
Im europäischen Vergleich ist die Lage zwar weniger dramatisch als in vielen anderen Ländern, aber sie bleibt problematisch. Laut den vorliegenden Angaben liegt die NEET-Quote in Deutschland deutlich unter dem EU-Schnitt von 12,9 Prozent. Für den Vergleich werden unter anderem die Niederlande (5,6 Prozent) sowie Schweden oder Tschechien mit je gut sieben Prozent genannt, die deutlich niedrigere Werte erreichen. Umgekehrt zeigt Rumänien mit fast einem Viertel (22,8 Prozent) unversorgter Jugendlicher, gefolgt von Bulgarien (17,3 Prozent) und Frankreich (16,2 Prozent), wie stark sich die Übergangssysteme zwischen Ländern unterscheiden können. Dass der Abstand zum EU-Schnitt besteht, nimmt der Entwicklung hier jedoch nicht die Schärfe: Entscheidend ist der Trend nach oben und die Frage, ob das eigene System die kritischen Übergänge stabilisiert.
Auch innerhalb Deutschlands sind Unterschiede erkennbar. Junge Frauen sind aktuell mit anteilig 10,5 Prozent etwas häufiger betroffen als junge Männer (9,6 Prozent). Daneben zeigt sich ein Stadt-Land-Gefälle: Auf dem Land liegt der Anteil ohne Ausbildung oder Beschäftigung bei 7,9 Prozent, in größeren Städten bei 10,6 Prozent. Diese Verteilung lässt sich unter anderem damit erklären, dass Unterstützungsangebote, Betreuungsinfrastrukturen und passende Ausbildungsgänge regional unterschiedlich erreichbar sind. Wenn der Sozialverband Deutschland mit Blick auf den Gesamtschnitt betont, es laufe „etwas schief“, dann zielt das letztlich auf die Lücke zwischen Bedarf und Angebot. Die Forderung lautet entsprechend, die Förderung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und Beratung, Qualifizierung sowie Unterstützung beim Einstieg in Arbeit auszubauen – statt den Fokus zu stark auf Druck und Sanktionen in Jobcentern und Arbeitsagenturen zu legen.
Für Unternehmen entsteht daraus ein doppelter Effekt, der strategisch relevant ist: Einerseits wird der Mangel an Nachwuchskräften sichtbarer, wenn Übergänge nicht funktionieren und damit potenzielle Arbeitskräfte verloren gehen. Andererseits kann genau diese Gruppe bei passender Unterstützung deutlich eher in Ausbildungs- und Einstiegswege geführt werden als es eine rein zahlenbasierte Betrachtung vermuten lässt. Daraus folgt, dass Personalplanung, Ausbildungsmarketing und die Zusammenarbeit mit lokalen Trägern stärker zusammengedacht werden sollten, um nicht nur „Bewerber zu finden“, sondern Übergänge überhaupt wieder erreichbar zu machen. Im Hintergrund spielt dabei auch die Frage nach der Wirksamkeit von Programmen eine Rolle: Wenn fast zwei Drittel zunächst nicht verfügbar sind, muss man Förderlogiken entwickeln, die diese Ausgangslage einplanen und nicht ausschließlich auf schnelle Aktivierung setzen.
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