LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Untersuchung zeigt, welche Hürden Männer nach Gewalt in der Partnerschaft am häufigsten vom Suchen professioneller Hilfe abhalten. Als häufigste Barriere gilt, das Geschehen als „private Angelegenheit“ zu betrachten. Je nach Herkunft kommen weitere psychologische und kulturelle Faktoren hinzu, etwa Scham, Schwierigkeiten bei der Benennung von Missbrauch oder die Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Die Ergebnisse zielen darauf, Hilfsangebote stärker traumasensibel und kulturell passend auszurichten.

Gewalt in intimen Beziehungen bleibt für viele Betroffene unsichtbar, besonders dann, wenn es sich um Männer handelt. Eine groß angelegte Studie der George Mason University nimmt genau diese Lücke in den Blick und arbeitet heraus, wie kulturelle Deutungsmuster und psychologische Schutzmechanismen das Hilfesuchen bremsen. Ausgangspunkt ist eine bekannte Diskrepanz: Laut CDC berichten 44% der Männer, jemals Opfer von Gewalt durch den (intimen) Partner beziehungsweise die Partnerin geworden zu sein, doch ein großer Teil erhält keine Unterstützung. Die neue Untersuchung macht damit nicht nur ein Versorgungsproblem sichtbar, sondern zeigt auch, welche Barrieren in unterschiedlichen Gruppen besonders wirksam sind.
Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, warum Männer nach einer Gewalterfahrung deutlich seltener Hilfe suchen als Frauen. Die Forschenden identifizieren mehrere wiederkehrende Hindernisse, darunter die Einordnung des Missbrauchs als private Angelegenheit, die Angst vor Vergeltung sowie ausgeprägte Schamgefühle. Entscheidend ist dabei: Diese Faktoren sind nicht bloß allgemeine Stimmungslagen, sondern wirken als interpretative Filter. Wenn Betroffene das Geschehen beispielsweise nicht als „missbräuchlich“ rahmen können, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie eigene Erfahrungen als Anlass für Beratung oder medizinisch-psychologische Unterstützung sehen. Gleichzeitig kann die Befürchtung, nicht geglaubt zu werden, die Schwelle zum ersten Kontakt weiter erhöhen.
Besonders relevant für die Praxis sind die differenzierten Muster nach Herkunft. Über alle untersuchten Gruppen hinweg dominiert die Vorstellung, die Gewalt „privat“ zu halten, als häufigster Grund, auf Hilfe zu verzichten. Darüber hinaus treten jedoch Nuancen zutage: Latino Männer nennen laut der Studie häufiger Scham oder ein Gefühl von Peinlichkeit als zentrale Hürde. Bei White Männern zeigt sich öfter das Problem, die eigene Erfahrung angemessen als tatsächlichen Missbrauch zu labeln. Für Black Männer ist wiederum weniger die Sorge im Vordergrund, von Behörden oder Unterstützungssystemen nicht ernst genommen zu werden. Diese Kombination aus gemeinsamen Hauptbarrieren und gruppenspezifischen Ausprägungen ist mehr als Statistik, denn sie beschreibt unterschiedliche mentale Einstiegspunkte für Interventionen.
Die Autorinnen und Autoren um Lyric Russo, Denise Hines und Denise Hines’ wissenschaftliches Netzwerk ordnen die Ergebnisse explizit in den Forschungsstand ein, der bislang oft zu wenig Männerperspektiven berücksichtigt hat. Die Arbeit wurde in der Fachzeitschrift „Psychology of Men & Masculinities“ veröffentlicht und trägt den Titel „Barriers to Help-Seeking Among Male Victims of Female-Perpetrated Intimate Partner Violence: Insights From Black, Latino, and White Men“. In der Studie wurden fast 1.200 nicht-lateinamerikanische schwarze, lateinamerikanische und nicht-lateinamerikanische weiße Männer untersucht, die von Gewalt in intimen Beziehungen durch weibliche Tatpersonen betroffen waren. Damit bewegt sich die Studie methodisch weg von rein qualitativen Eindrücken hin zu einem systematischen Vergleich von Barrieren in mehreren Gruppen.
Für den Entwurf von Hilfsangeboten folgt daraus ein konkreter Entwicklungsauftrag: „Trauma-informed“ und „culturally responsive“ reicht nicht als Schlagwort, wenn die Angebote nicht aktiv an den Barrieren ansetzen. Wenn das „private“ Narrativ ein dominanter Grund ist, müssen Einstiegskontakte so gestaltet werden, dass sie ohne Gesichtsverlust und ohne schnelle Pathologisierung funktionieren. Auch die Benennungsfrage wird praktisch: Beratungsstellen und Hotlines können Formulierungen und Gesprächsleitfäden so anpassen, dass Betroffene ihre Erfahrungen zunächst beschreiben können, ohne sofort die juristisch oder klinisch belastete Etikettierung liefern zu müssen. Ebenso spricht das Muster zu Schamgefühlen dafür, dass die Kommunikationskultur in Erstkontakt-Settings besonders sensibel sein sollte und nicht ungewollt „Beweislogik“ oder Rechtfertigungsdruck erzeugt.
Für den Markt der Unterstützungsangebote und für Organisationen, die mit Betroffenen arbeiten, bedeutet die Studie zudem eine Verschiebung der Prioritäten. Anstatt ein einheitliches Informationsmaterial über alle Gruppen zu legen, sollten Träger ihre Schulungen, Screening-Logik und Kommunikationskanäle stärker an den erkennbaren Barrieren ausrichten. Gleichzeitig lässt sich das Ergebnis in bestehende Versorgungsketten einweben: Wenn Angst vor Vergeltung genannt wird, wird der Zugang zu sicheren Kontaktwegen, anonymen Erstgesprächen und klaren Weiterleitungsprozessen zu einem entscheidenden Faktor. Die Studie ist damit auch für Entscheider relevant, weil sie zeigt, an welchen Stellen Engagement „abprallen“ kann – und wo sich durch bessere Passung die Wahrscheinlichkeit erhöhen dürfte, dass Männer überhaupt in bestehende Dienste eintreten.
Langfristig ist die Veröffentlichung auch ein Signal an die Forschung. Die Autorinnen stellen heraus, dass ohne fokussierte Untersuchungen Interventionen möglicherweise die realen Erfahrungen männlicher Betroffener verfehlen. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, welche weiteren Moderatoren noch untersucht werden sollten, etwa Lebenssituation, sprachliche Zugänglichkeit, digitale Hilfesuche oder die Rolle sozialer Netzwerke. Gerade weil die Arbeit in den USA große Gruppen vergleicht, bleibt die Herausforderung, die Erkenntnisse in andere Versorgungslandschaften zu übertragen. Für die Praxis in der Gegenwart ist der Nutzen dennoch klar: Die Studie liefert ein Set an Barrieren, das Hilfsstrukturen messbar überprüfen können, bevor sie neue Kampagnen starten oder neue Schulungsprogramme ausrollen.
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