LONDON (IT BOLTWISE) – Die National Stem Cell Foundation, die Saudi Space Agency und Axiom Space senden im Rahmen der Mission CRS-35 neue Zellproben zur ISS. Erstmals kommen dabei auch Zellen aus Saudi-Arabien in die laufenden Untersuchungen zu Parkinson, Alzheimer und Primary Progressive Multiple Sclerosis. Das Projekt soll zeigen, wie sich Krankheitsbiologie und mögliche Therapieansprechen je nach genetischer und ethnischer Vielfalt unterscheiden. Ergänzt wird das Setup durch Zelllinien aus dem Vereinigten Königreich mit Mutation für Early-onset Alzheimer.

Auf der Internationalen Raumstation wächst gerade ein Labor heran, das sich weniger mit dem „Wie“ des Fliegens beschäftigt als mit dem „Wie“ von Krankheiten unter Schwerelosigkeit. Axiom Space, die National Stem Cell Foundation (NSCF) und die Saudi Space Agency haben eine Zusammenarbeit angekündigt, die an Bord von SpaceX CRS-35 gestartet ist. Ziel ist es, eine der langfristigsten Studien zur Neurodegeneration weiter auszubauen – und zwar mit Zellmaterial aus mehreren Ländern und Bevölkerungsgruppen. Damit rückt ein Punkt in den Fokus, der in der klinischen und translationalen Forschung schon lange diskutiert wird: Wenn Labordaten überwiegend an vergleichsweise ähnlichen Patientenkohorten gewonnen werden, bleibt offen, wie stark biologische Unterschiede das Fortschreiten und die Wirksamkeit möglicher Therapien beeinflussen.
Technisch betrachtet geht es bei der Mission um den Einsatz von Zellen beziehungsweise Zelllinien in einem Mikrogravitations-Setting, das Wechselwirkungen zwischen Zellen und der Mikro-Umgebung anders abbildet als auf der Erde. NSCF-Forschende werden erstmals Zellen aus den Partnerteams in Saudi-Arabien in ihr Studiendesign integrieren. Untersucht werden dabei unter anderem Parkinson’s Disease (PD), Primary Progressive Multiple Sclerosis (PPMS) und Alzheimer’s Disease (AD). Ergänzend fließen Zelllinien aus dem Vereinigten Königreich ein, die von Personen mit einer Mutation für Early-onset AD abgeleitet sind. Für die Auswertung ist entscheidend, dass nicht nur eine einzelne „Krankheitsspur“ betrachtet wird, sondern dass Unterschiede im zellulären Verhalten und in relevanten molekularen Pfaden zwischen organoidbasierten Modellen aus unterschiedlichen Patientengruppen verglichen werden.
Einordnung liefert dabei die bisherige Forschungslinie der NSCF: Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Gehirn-Organoide in der Schwerelosigkeit schneller reifen als in klassischen terrestrischen Laboren. Diese Beschleunigung kann in der Praxis bedeuten, dass sich bestimmte krankheitsbezogene Veränderungen früher beobachten lassen, die in traditionellen Laborzyklen deutlich länger brauchen würden. Genau an diesem Vorteil setzt die neue Mission an, denn sie ergänzt die bereits etablierten Vorgehensweisen um zusätzliche genetische und ethnische Diversität. Die wissenschaftliche Leitidee ist dabei nicht, Mikrogravitation als Ersatz für klinische Evidenz zu verstehen, sondern als spezielle Prüf-Umgebung, in der sich Modellorganismen schneller aufbauen lassen und die Biologie unter veränderten physikalischen Bedingungen neue Erkenntnisse über Krankheitsdynamiken liefern kann.
Im Kern fokussiert die CRS-35-„Untersuchung“ auf Neuroinflammation als ein wiederkehrendes Merkmal mehrerer neurodegenerativer und autoimmuner Erkrankungen. Parkinson, Alzheimer sowie PPMS teilen neben unterschiedlichen Krankheitsmechanismen auch entzündliche Prozesse im Nervensystem. Entsprechend sollen Forschende vergleichen, wie sich Zellverhalten, molekulare Signalwege und mögliche therapeutische Reaktionen zwischen Organioiden aus verschiedenen Patientenkonstellationen unterscheiden. Gleichzeitig ist das Vorhaben in einen breiteren Programmrahmen eingebettet: Das NSCF-Programm wird durch NASA-Mittel unterstützt und soll fortgeschrittenere Gehirn-Organoidmodelle validieren sowie das Spektrum bis hin zu Anwendungen in der Wirkstoffentwicklung und im Screening erweitern. Für Industrie- und Forschungsgruppen ist das insofern relevant, als Organoid- und Screening-Plattformen häufig an Grenzen stoßen, wenn es um die Übertragbarkeit auf sehr unterschiedliche Patientengruppen geht.
Auch die Partnerlandschaft ist mehr als eine reine Versand-Logistik: KAUST spielt eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung und Entwicklung der saudiarabischen Proben. Der wissenschaftliche Beitrag zielt darauf, Krankheitsmodelle in einer Umgebung zu testen, die sich auf der Erde nicht in gleicher Weise replizieren lässt. Das ist nicht nur eine Frage der Laborroutine, sondern auch der strategischen Positionierung in nationalen Forschungsprioritäten. Zudem verweist die Saudi Space Agency über das „BioGravity“-Programm darauf, das Wissen aus der Umlaufbahn in zukünftige therapeutische Lösungen zu überführen. In der Terminologie des Projekts wird damit die Brücke von Grundlagenbiologie zu potenzieller Anwendung betont – und genau diese Kette ist für viele Organisationen der Engpass, wenn es um beschleunigte Lernzyklen zwischen Modellierung, Test und potenzieller Wirkstoffselektion geht.
Für den Markt- und Ökosystemblick ist schließlich entscheidend, dass hier eine kommerzielle Raumfahrt-Infrastruktur als „Transport- und Testplattform“ für Biomedizin genutzt wird. Axiom Space positioniert die Mission als Beispiel dafür, wie kommerzielle Raumfahrt und private bemannte Missionen wissenschaftliche Teams grenzüberschreitend verbinden können. Das betrifft nicht nur die Bereitstellung von Kapazität, sondern auch den organisatorischen Rahmen: Internationale Kooperationen müssen Probenlogistik, Standardisierung der Probenherstellung und die Auswertung der Ergebnisse so koordinieren, dass die Daten im Laborvergleich belastbar bleiben. Wenn sich solche Workflows in wiederholten Missionen bewähren, könnten sich dadurch schneller wiederholbare Testzyklen für organoidbasierte Studien ergeben – ein Aspekt, der besonders für Startups und etablierte Pharma- und Biotech-Partner interessant ist, die Wirkstoffkandidaten früh und möglichst patientennah priorisieren wollen.
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