LONDON (IT BOLTWISE) – Der NASA-Rover Perseverance soll in Kürze den Distanzrekord für Fahrzeuge auf einem anderen Planeten brechen. Geplant sind mehr als 45,16 km Fahrtstrecke über die Marsoberfläche. Entscheidend ist dabei sein autonomes Navigationssystem, das Sensordaten direkt während der Fahrt verarbeitet. Damit kann das Team deutlich weniger Zeit mit Rückfragen aus der Ferne verbringen und mehr Messzeit für die Wissenschaft freisetzen.

Der neue Distanzrekord, auf den NASA mit ihrem Mars-Rover Perseverance in den kommenden Tagen zusteuert, ist mehr als nur eine Zahl auf einer Missionsgrafik. Der automobile Routenplaner arbeitet dabei nicht im Hintergrund, sondern entscheidet praktisch in Echtzeit: Der Rover soll jenseits von 45,16 km Fahrstrecke über die Marsoberfläche kommen und damit den bisherigen Bestwert des lange aktiven Opportunity-Rovers übertreffen, der 2018 die Kommunikation einstellte. Die eigentliche technische Herausforderung liegt weniger im „Fahren an sich“, sondern in der zuverlässigen Routenfindung unter extremen Bedingungen – von groben Felsbrocken bis zu sandigen Hängen – ohne dass es irgendwo „Street Signs“ oder gut gepflegte Spuren gäbe.
Wie Perseverance seine Strecke plant, erklärt Steven Lee, Projektmanager für den Rover bei NASA’s Jet Propulsion Laboratory: „The real enabling technology has been its auto navigation system.“ Der Kern liegt im Zusammenspiel aus Kameras an Bord und einer Rechenlogik, die aus Bilddaten eine sichere Route ableitet. Während irdische Fahrzeuge oft auf klar definierte Karten, Markierungen und Verkehrsregeln bauen, muss Perseverance solche Referenzen selbst aus dem Gelände heraus ableiten. Auch die Logik unterscheidet sich von typischen Assistenzsystemen: Es geht nicht um das „Vermeiden“ eines einzelnen Hindernisses, sondern um die fortlaufende Bewertung vieler Fahrpfade – mit dem Ziel, die Sicherheit der nächsten Meter zu maximieren.
Damit wird auch verständlich, warum der Vergleich zu Curiosity nicht nur nostalgisch ist, sondern technisch aufschlussreich. Curiosity, das „weitgehend als Zwilling“ gilt und neun Jahre früher startete, nutzt zwar ebenfalls Bildverarbeitung und ähnliche Grundidee, aber ein älteres Rechensetup: „But its onboard computer was a generation older, and some of its chipset dated back to the 1990s“, so Lee. In der Folge ist nur ein relativ kleiner Teil des Fahrens autonom; ungefähr 10 Prozent der Fahrstrecke werden als autonom beschrieben, weil die Verarbeitungsgeschwindigkeit nicht ausreichend ist. Perseverance dagegen schafft den größten Teil der Distanz autonomen Entscheidungen zufolge zu etwa 90 Prozent, unter anderem dank einer (leicht) moderneren „Vision Compute Element“-Einheit, die Sensorik und Berechnung direkt beim Drehen der Räder zusammenführt.
Die Leistungsfähigkeit zeigt sich nicht nur in der Autonomiequote, sondern auch in der Missionsökonomie. Perseverance fährt zwar nicht wie ein Testfahrzeug über Autobahnen – die maximale Radgeschwindigkeit liegt bei etwa 150 Metern pro Stunde – doch genau deshalb wird Zeit zur wertvollen Ressource. Wenn ein Rover weniger Zeit damit verbringt, auf Navigationskommandos aus der Entfernung zu warten, steigen die Chancen, dass wissenschaftliche Planungen enger an das tatsächliche Gelände angepasst werden können. Vivian Sun, Deputy Project Scientist der Mission, bringt die Wirkung auf den Punkt: „It is very enabling for the science, “ und ergänzt: „Not to sell the rover’s other advanced capabilities short, but the driving in particular has allowed us to have a larger scope than previous missions.“ Damit wird Künstliche Intelligenz – hier im Sinne datengetriebener Bildauswertung und automatischer Routenentscheidungen – zu einer Art „Zeitübersetzer“ zwischen Navigation und Laborzeit.
Der Unterschied zwischen Curiosity und Perseverance lässt sich zudem entlang der Geologie erklären. Curiosity landete im Gale Crater und arbeitet sich in Richtung Mount Sharp vor, bewegt sich also vergleichsweise „kontinuierlich“ und verbringt mehr Zeit mit systematischen, detaillierten Messungen im Verlauf des Höhengewinns. Perseverance hingegen startete im Jezero Crater, wo die wissenschaftlichen Ziele stärker über den Raum verteilt sind. Autonome Fahrabschnitte ermöglichen es dem Team, von einem Standort zum nächsten zu wechseln und teils sogar überraschend neue Aufschlüsse anzufahren, die zeitlich nicht exakt im ursprünglichen Plan lagen. Das ist besonders relevant, weil Jezero Crater zu den ältesten Kapiteln der Marsgeschichte zählen kann: Der Rover untersucht Gesteine, die bis auf etwa 4 Milliarden Jahre zurückreichen und damit ältere Formationen darstellen als das, was auf der Erde typischerweise so direkt zugänglich ist. Die Interpretation knüpft an die späte Phase des „heavy bombardment“ an, in der noch viele Einschläge die Entwicklung der inneren Planeten prägten.
Im wissenschaftlichen Kern geht es dabei um mögliche Umweltbedingungen, die frühes Leben begünstigt haben könnten. Während der betreffenden Epoche wird vermutet, dass große Seen – eventuell sogar Ozeane – auf dem Mars existierten. Perseverance erkundet dieses Terrain, um besser einzuordnen, welche geologischen und atmosphärischen Voraussetzungen damals vorlagen und wie geeignet der Planet für biologische Prozesse gewesen sein könnte. Die Debatte ist laut Beschreibung nicht abgeschlossen; es wird jedoch ein Bild diskutiert, das mit der Mojave-Wüste auf der Erde vergleichbar sein könnte, inklusive Wasserflüssen durch eine trockener wirkende Landschaft. Entsprechend liefert die Mission heute eine Datenbasis, die Curiosity ebenfalls ergänzt: Curiosity ist nach fast 15 Jahren weiterhin im Einsatz, und die Operatoren berichten, dass Perseverance „great“ läuft.
Auch die Ingenieursseite der Autonomie kommt über die Lebensdauer ins Spiel. In den Jahren mit Curiosity stellten die Teams laut Angaben einen spürbaren Verschleiß an den Rädern fest. Für Perseverance wurden die Räder deshalb umkonstruiert; Lee nennt keine Anzeichen für einen vergleichbar ausgeprägten Verschleiß. Die verbleibende Nebenbaustelle betrifft jedoch Aktuatoren in den Rädern: Sie wurden zunächst für 20 km Lebensdauertests ausgelegt, während NASA derzeit die Zertifizierung auf mindestens 100 km vorbereitet – möglicherweise auch darüber hinaus. Zusätzlich ist Perseverance auf RTG-Leistung ausgelegt und kommt ohne Treibstoffe, Verbrauchsmaterialien oder Schmierstoffe an Bord aus. Genau diese Kombination aus robustem Antrieb, integrierter Autonomie und langlebiger Energieversorgung erklärt, warum das System laut Lee noch über viele weitere Jahre hinweg selbstständig über den Mars fahren kann.
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