LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher von Check Point Research (CPR) haben zwischen 25. Juni und der zweiten Juliwoche eine neue Phishing-Taktik entdeckt, die Microsofts vertrauenswürdigen Authentifizierungsablauf missbraucht. Über 200 Phishing-E-Mails erreichten rund 120 Organisationen und lockten Empfänger mit vermeintlichen Teams- und HR-Aufgabenbenachrichtigungen. Entscheidend ist, dass die Weiterleitung auf eine echte Microsoft-Anmeldeseite führt und die böswillige Absicht erst danach über eine kontrollierte Anwendung eingeholt wird. Damit verschiebt sich der Angriff von klassischem Link-Phishing hin zu OAuth-/Consent-Umgehungen im Microsoft-365-Umfeld.

Angreifer arbeiten beim Phishing zunehmend dort, wo traditionelle Schutzmechanismen weniger effektiv greifen: nicht mehr nur am Inhalt der E-Mail, sondern an den vertrauenswürdigen Prozessschritten, die Nutzer im Alltag ohnehin akzeptieren. Genau an dieser Stelle setzt die von Check Point Research (CPR) beobachtete Kampagne an. CPR hat vom 25. Juni bis in die zweite Juliwoche mehr als 200 Phishing-E-Mails identifiziert, die sich an Nutzer in rund 120 Organisationen richteten. Die Zustellung deckte dabei unterschiedliche Branchen und Länder ab, was auf eine breit ausgerollte, skalierbare Vorgehensweise hindeutet statt auf einen einzelnen, eng begrenzten Angriff.
Technisch gesehen täuschen die Nachrichten zunächst eine ganz konkrete Microsoft-Routine vor: Eine angebliche Aufgabenbenachrichtigung über Microsoft Teams soll die Empfänger in einen Verifikations- und Einwilligungsfluss führen. Die Absenderkennung folgt dabei dem Muster „Es gibt neue Aktivitäten im Team“ und eine Betreffzeile, die wie ein HR-Bezug wirkt (u. a. mit HR@[Unternehmen].com). CPR beschreibt, dass der Nachrichtentext das Design von Teams auffallend genau imitiert und gleichzeitig ein Thema adressiert, das in Unternehmen regelmäßig als Routine vorkommt: „Update zu Gehaltsabrechnung, Vergütung und Zusatzleistungen“. Dazu kommt ein Zähler mit „überfällige Mitarbeiteraufgaben“, der eine zeitliche Dringlichkeit erzeugt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Nutzer schneller als nötig klicken.
Der eigentliche Hebel liegt jedoch nicht im Layout, sondern in der Abfolge danach. Alle Links in der Nachricht – einschließlich der beiden Aktionsschaltflächen – führen über dieselbe Weiterleitung in die nächste Phase des Angriffs. Aus Sicht der Opfer wirkt der folgende Schritt „echt“, denn die Weiterleitung landet auf einer legitimen Microsoft-Anmeldeseite. Damit entsteht eine gefährliche Mischung: Der Bildschirm, den die Nutzer sehen, entspricht dem vertrauten Authentifizierungsablauf, während die böswillige Absicht in der anschließenden Phase über eine vom Angreifer kontrollierte Anwendung eingebracht wird. Anschließend werden die Empfänger aufgefordert, dieser Anwendung Berechtigungen zu erteilen; je nach gewährten Rechten kann die kontrollierte App in der gesamten Microsoft-365-Umgebung agieren.
Auf Ebene der Berechtigungen wird klar, warum CPR von einer geänderten Logik spricht: Die Angreifer imitieren nicht mehr lediglich „Microsoft“, sondern nutzen die Microsoft-Dienste direkt mit den im Consent-Dialog vergebenen Zugriffsrechten. CPR nennt als mögliche Auswirkungen unter anderem den Zugriff auf E-Mail-Funktionen wie Lesen, Suchen und Senden aus dem Postfach des Opfers – ein Szenario, das häufig als Sprungbrett für weitergehende Betrugsversuche (etwa BEC-Varianten) über vertrauenswürdige interne Absender dient. Ebenso relevant sind Dateizugriffe auf Dokumente, die der Nutzer öffnen, herunterladen oder freigeben kann. Darüber hinaus können über die Berechtigungen Chats und Nachrichten in Teams sowie Inhalte in SharePoint und im Onedrive-Cloudspeicher betroffen sein. Auch Kalenderdaten wie Besprechungen, Einladungen und Teilnehmerinformationen können zur Erkundung und für zeitlich abgestimmte Folge-Codes dienen.
In der Einordnung ordnet CPR die Taktik im MITRE ATT&CK-Framework als eigene Technik ein und verweist darauf, dass sie im Jahr 2026 von einem eher gezielt und manuell aufgebauten Angriff hin zu einem „Dienst“ gewachsen ist, der praktisch von anderen Akteuren gemietet werden kann. Das erklärt, warum die Kampagne zwar als identifizierte Aktion offenbar nicht mehr aktiv war, aber dennoch als Beispiel für eine grundlegend geänderte Vorgehensweise taugt. Der Wechsel besteht weniger darin, dass neue Screens erfunden werden, sondern darin, dass die Angreifer den vertrauenswürdigen Authentifizierungs- und Autorisierungsteil in die eigene Angriffskette einbinden. Dadurch wird die klassische Phishing-Abwehr, die oft bei verdächtigen Login-Seiten oder offensichtlich manipulierten Domains ansetzt, strukturell unterlaufen.
Für Unternehmen und Anwender leitet CPR daraus konkrete Prüf- und Reaktionsschritte ab. Praktisch bedeutet das: Nutzer sollten den Mauszeiger über Links bewegen, bevor sie klicken, und dabei abgleichen, ob das Ziel wirklich zu dem passt, was in der Nachricht behauptet wird – und zwar nicht nur „irgendwie“, sondern entlang der gesamten Logik („Aufgabenbenachrichtigung“ über Teams vs. tatsächlich gewünschte Aktion). Zusätzlich empfiehlt CPR, Absendername, -adresse und -domain konsequent zu vergleichen und nicht allein darauf zu vertrauen, dass eine scheinbar interne Adresse auch wirklich intern ist. Ein weiteres Detail mit hohem Sicherheitswert: Es sollten besonders Situationen misstrauisch machen, in denen unterschiedliche Schaltflächen letztlich zur gleichen URL weiterleiten. Im Zweifel rät CPR, Teams oder andere Anwendungen direkt über die offizielle App zu öffnen, statt Links aus der E-Mail zu verwenden. Diese letzte Regel reduziert das Risiko, dass der Nutzer unbemerkt in den OAuth-/Consent-Teil geführt wird.
Auch organisatorisch ist das Ereignis ein Hinweis auf die Bedeutung schneller Prozesse rund um Consent-Dialoge und App-Überprüfungen. Wenn Nutzer verdächtige Nachrichten melden, können Sicherheitsteams laut CPR die vom Angreifer kontrollierte Anwendung untersuchen, böswillige Einwilligungen widerrufen und betroffene Konten sowie verbundene Aktivitäten identifizieren, bevor sich daraus Folgeschäden ergeben. Für IT- und Security-Leitungen folgt daraus zudem ein klarer Handlungsdruck: Nicht nur E-Mail-Filter zählen, sondern die Absicherung des gesamten Berechtigungs- und Identitätsflusses in Microsoft 365. Gerade weil der „gefälschte“ Teil im Kern die Absicht hinter der App ist, ist ein sicherheitsbewusster Umgang mit Berechtigungsanfragen ein zentraler Baustein – im Zusammenspiel mit Monitoring, das ungewöhnliche App-Zugriffe und ungewöhnliche Aktivitäten im M365-Ökosystem sichtbar macht. KI-Unterstützung kann hier helfen, Auffälligkeiten in Login-, Consent- und Zugriffsereignissen schneller zu korrelieren; entscheidend bleibt aber, dass Nutzer und Admins den Consent-Schritt als Sicherheitsentscheidung behandeln.
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