LUDWIGSHAFEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland nimmt Telefon- und Internetbetrug deutlich Fahrt auf, auch weil Täter gezielt Microsoft-Infrastrukturen ansteuern. Innerhalb von vier Wochen wurden laut Cisco Talos rund sieben Millionen Device-Code-Phishing-Angriffe registriert, 99 Prozent davon gegen Microsoft. Parallel häufen sich Trojaner und gefälschte Online-Shops, während KI die Maschen schwerer erkennbar macht. Für Betroffene wird damit der Wechsel zu modernen Schutzmechanismen wie Passkeys noch dringlicher.

Phishing-Welle trifft Microsoft: 7 Millionen Device-Code-Angriffe in 4 Wochen
Phishing-Welle trifft Microsoft: 7 Millionen Device-Code-Angriffe in 4 Wochen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuellen Zahlen deuten auf eine neue Eskalationsstufe bei Phishing und Identitätsdiebstahl hin: Laut Erhebungen für das zweite Quartal 2026 belegt Deutschland mit rund 2,3 Millionen registrierten Angriffen im Tech-Support-Betrug weltweit den dritten Platz. Besonders auffällig ist dabei, dass internationale Tätergruppen die Bundesrepublik nicht nur als weiteres Ziel behandeln, sondern sie offenbar gezielt in ihre Kampagnen einplanen. Für Unternehmen und Privatpersonen folgt daraus ein spürbar verschärfter Handlungsdruck, weil sich Betrug heute weniger als „einzelner Klick“ darstellt, sondern als zusammenhängende Kette aus Täuschung, technischen Manipulationen und anschließender Ausnutzung der erbeuteten Zugänge.

Technisch wird die Lage vor allem durch Device-Code-Phishing greifbar: Experten von Cisco Talos berichten von einer massiven Welle innerhalb von nur vier Wochen, bei der rund sieben Millionen Angriffe registriert wurden. Von diesen entfallen laut der Meldung 99 Prozent auf Microsoft-Infrastrukturen, was die Angriffsfläche konkret eingrenzt und damit auch die Abwehrprioritäten schärft. Device-Code-Phishing zielt typischerweise darauf ab, Authentifizierungsabläufe auszunutzen, bei denen Nutzende einen Code aus einer laufenden Sitzung übernehmen oder in einem Browser weiterverfolgen. Gerade diese „Übergabe“ ist ein Sollbruchpunkt, weil sie sozialer Manipulation Tür und Tor öffnet: Wer glaubt, ein legitimer Sicherheits- oder Supportschritt müsse soeben bestätigt werden, liefert dem Angreifer die notwendige Information.

Während diese Angriffslogik auf der technischen Ebene greift, zeigt sich die Kriminalität auf der Anwendungsebene zunehmend brutaler: Phishing ist inzwischen für mehr als die Hälfte der dokumentierten Sicherheitsvorfälle verantwortlich. Gleichzeitig steigt die Zahl von Schadsoftware-Typen: Trojaner legten um 145 Prozent zu, gefälschte Online-Shops um 134 Prozent. Das Muster dahinter ist häufig die Kombination aus präziser Kontaktaufnahme und schneller Eskalation: Zuerst täuschen Täter einen „technischen Notfall“ vor, danach lenken sie in eine Installationskette oder auf eine gefälschte Verkaufs- beziehungsweise Zahlungsumgebung. Ein Fall aus Ludwigshafen illustriert das: Ein 83-Jähriger verlor rund 19.000 Euro, nachdem Betrüger ihn zur Installation einer Fernwartungssoftware gebracht hatten, und forderte anschließend Vorabzahlungen in Form von Apple-Geschenkkarten.

Auch Vishing – also Betrug per Telefon – und die Imitation von Bank- sowie Behördenkommunikation bleiben sehr wirksam, weil sie auf Vertrauen und Zeitdruck setzen. So berichtet der Kontext von einem Verlust von rund 174.440 Euro in Zwolle, ausgelöst durch eine Kurznachricht und ein Telefonat mit einem angeblichen Bankmitarbeiter. Das Opfer wurde dabei dazu gebracht, hohe Summen in Kryptowährungen umzuwandeln, bevor die Angreifer den weiteren Zugriff absicherten. Noch deutlicher wird das bei behördlich inszenierten Szenarien: Ende Juli gaben sich Täter im Burgenland als Polizisten aus und behaupteten, eine Tochter habe einen tödlichen Unfall verursacht; zur Abwendung einer Haftstrafe wurde eine Kaution eingefordert. Solche Beispiele zeigen nicht nur die menschliche Komponente, sondern auch, wie stark der Erfolg davon abhängt, dass Opfer in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen sollen, ohne Rückkanäle zu nutzen.

Dass diese Angriffe inzwischen zusätzlich mit KI-gestützter Automatisierung vorbereitet werden, verschiebt wiederum die Erkennbarkeit: Laut Branchenberichten stiegen KI-gestützte Phishing-Varianten um 1.200 Prozent. Rund 86 Prozent aller Phishing-Angriffe enthalten demnach Elemente, die durch Künstliche Intelligenz generiert wurden, wodurch Tonalität, Sprachmuster und oft auch die Plausibilität von Nachrichten besser an reale Kommunikationsstile angepasst werden. Ebenso nahm Vishing zu; für das zweite Halbjahr 2024 wurde ein Anstieg um 442 Prozent gemessen. Für die Praxis bedeutet das: „Ungewöhnliche Formulierungen“ als Erkennungsmerkmal reichen zunehmend weniger, während technische Hürden wie MFA, URL-Checks und vor allem passwortlose Verfahren an Bedeutung gewinnen.

Parallel zu Social Engineering bleibt die technische Angriffsfläche zentral. Als konkrete Einfallstore stehen aktuell kritische Sicherheitslücken in Outlook (CVE-2026-42897) und Ruby on Rails (CVE-2026-66066) im Fokus. Besonders für IT-Teams ist das ein klarer Auftrag zur Priorisierung: Patches müssen nicht nur eingespielt, sondern auch auf betroffene Instanzen, Integrationen und Abhängigkeiten geprüft werden. Ergänzend zeigen die Angaben zur Investitionsbereitschaft, wie ernst der Markt die Lage nimmt: Rund 64 Prozent der deutschen Firmen haben ihre Budgets für Cybersicherheit erhöht. Das ist wichtig, weil ein Patch allein nicht automatisch die Angriffsfläche schließt, wenn etwa veraltete Zusatzmodule, falsch konfigurierte Zugänge oder fehlende Monitoring-Regeln bestehen bleiben.

Für den Schutz von digitalen Konten rückt damit ein mehrschichtiger Ansatz in den Vordergrund: Passkeys können Phishing zumindest bei Teilen der Kontoübernahme konterkarieren, weil sie nicht auf wiederverwendbaren Passwörtern basieren und Prozesse zur Authentifizierung stärker an legitime Endgeräte koppeln. Neben der Umstellung auf Passkeys sollten Verbraucherinnen und Verbraucher verdächtige E-Mails und Nachrichten etwa im Namen von AOK-nahem Kontext (mit Versprechen wie Rückerstattungen) konsequent melden und nicht auf QR-Codes oder Links reagieren, die zu manipulierten Portalen führen. Die US-Steuerbehörde IRS warnt zudem vor gefälschten Schreiben an Kryptobesitzer, bei denen QR-Codes auf Portale führen, die Zugangsdaten für digitale Wallets abgreifen. Das Landeskriminalamt (LKA) weist zusätzlich darauf hin, dass Täter vermehrt Daten aus früheren Leaks nutzen, um Identitätsdiebstahl und unberechtigte Kontenabbuchungen anzustoßen.

Unterm Strich zeigt die Gemengelage aus Device-Code-Phishing, steigenden Malware- und Shop-Fälschungen sowie KI-gestützter Sprach- und Prozessanpassung: Sicherheit ist aktuell weniger eine einmalige Maßnahme als ein kontinuierlicher Betrieb. Unternehmen sollten deshalb ihre Authentifizierungs- und Freigabeprozesse (inklusive Support-Workflows), die Patch- und Schwachstellen-Strategie sowie das Incident-Handling eng verzahnen. Dann wird aus den Angriffszahlen ein messbarer Sicherheitsgewinn: weniger erfolgreiche Kontoübernahmen, geringere Zeit bis zur Erkennung und ein klarerer Weg, wie Mitarbeitende und Kunden verdächtige Signale verlässlich adressieren.


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