LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor der Malware-Familie PoeLLM, die öffentlich erreichbare KI- und LLM-Services kompromittiert. Ziel sind nicht nur klassische Krypto-Miner wie XMRig, sondern auch die systematische Erweiterung eines Botnetzes. Auffällig ist eine „poem“-basierte Verschleierung des Command-and-Control-Ziels. Laut bisherigen Erkennungen waren bereits über 3.400 betroffene Server im Einsatz, konzentriert in den USA und West-Europa.

Eine neue Malware-Familie mit dem Namen PoeLLM zeigt, wie schnell Angreifer die Angriffsfläche moderner KI-Setups ausweiten. Im Zentrum steht die Kampagne Canto Incognito, die gezielt exponierte KI- und Large-Language-Model-Umgebungen anvisiert, um Rechenleistung für Krypto-Mining zu missbrauchen. Der Fokus liegt dabei auf der Infrastruktur, die im Betrieb häufig „von außen erreichbar“ ist: Server, auf denen LLM-Services wie LiteLLM oder Gotenberg laufen, aber auch Geräte und Plattformen wie Gitea sowie Ivanti-Sentry-Appliances.
Technisch basiert das Vorgehen auf einer klaren finanziellen Logik. Die Infektionen installieren Krypto-Miner unter anderem aus dem Umfeld von XMRig und „Iron“ und verbinden kompromittierte Systeme anschließend mit Kryptex, einem Mining-Service. Damit wird nicht nur Rechenleistung abgezweigt; zugleich profitieren die Angreifer von der typischen Architektur solcher Deployments. Viele Teams stellen ihre KI-Services per Reverse-Proxy, Container-Plattform oder direkt über HTTP bereit und betreiben sie mit Komponenten, die über APIs und Ports erreichbar sind. Genau diese Eigenschaften machen die Ziele attraktiv: Sie bieten sowohl Angriffsoptionen über bekannte Schwachstellen als auch leistungsfähige Hardware, die für Mining geeignet ist.
Die bisherige Größenordnung unterstreicht den operativen Charakter der Kampagne. In den bisherigen Beobachtungen wurden mehr als 3.400 betroffene Server identifiziert, wobei die Verteilung vor allem auf die USA und Westeuropa konzentriert ist. In einer Phase der Hochlast – Mitte Juni – soll die Kampagne fast 2.200 betroffene Systeme umfasst haben, mit nahezu 800 aktiven Instanzen pro Tag. Solche Muster passen weniger zu einzelnen „Test“-Infektionen als zu einem laufenden Botnet-Betrieb mit wiederkehrender Ausnutzung. Zugleich deutet der weitere Netzwerkverkehr Richtung SSH und anderen Login-Portalen darauf hin, dass die Akteure auch experimentieren, wie sich Zugriffe stärker automatisieren lassen; ob daraus bereits ein ausgereifter Distributed-Brute-Force-Mechanismus geworden ist, bleibt den bisherigen Auswertungen zufolge aber unklar.
Besonders detailreich ist die Art, wie PoeLLM das Command-and-Control-Ziel (C2) versteckt. Die Malware nutzt laut den Untersuchungen eine „kreative“ Methode: Die C2-Adresse soll in einem von den Angreifern verfassten Gedicht verborgen sein, das sie in einem GitHub-Repository bereitstellen. Bei jeder neuen C2-Umstellung ändern die Angreifer demnach nur wenige Wörter im Text, und die Malware leitet aus dem zu diesen Wörtern gehörenden Schlüssel die aktuelle Adresse ab. Der erste Commit in diesem Repository soll am 13. April 2026 erfolgt sein. Für die Verteidigung bedeutet das: Selbst wenn Sicherheitsfilter C2-Endpunkte aus blocklist-nahen Signaturen schwer erkennen, kann eine sprach- oder steganografieartige Verschleierung die Wiedererkennung deutlich erschweren.
Der Kampagnenablauf wirkt außerdem auf Skalierung optimiert. Einige kompromittierte Systeme werden nicht nur zum Mining genutzt, sondern auch zu Scannern umgebaut: Sie suchen im Internet nach ähnlichen Instanzen und senden HTTP-POST-Anfragen an exponierte Ports der gefundenen Ziele. Die Antwort bzw. die darauffolgende Anweisung soll dann dafür sorgen, dass weitere Komponenten die Malware vom C2 nachladen. Genau dieses „infect-to-propagate“-Prinzip erzeugt eine Wachstumsdynamik, bei der die Betreiber der LLM-Services häufig erst sehr spät merken, dass ihre Systeme als Verbreitungsknoten dienen. Für Security-Teams ist das eine unangenehme Kombination, weil das Verhalten im Netzwerk sowohl Mining-Indikatoren als auch Scan- und Exploit-Aktivitäten umfassen kann.
Als Startpunkt der Angriffe wird nach den Beobachtungen vor allem das Ausnutzen von Schwachstellen in öffentlich zugänglichen Diensten beschrieben. Der Endzustand besteht darin, bekannte Lücken in einer Reihe von Services zu weaponisieren, um sie in ein Krypto-Mining-Botnet einzubinden und einen Teil davon zusätzlich als Scanner zu verwenden. Dass KI-Infrastruktur zunehmend Ziel wird, passt zu einem breiteren Trend: LLM-Systeme sind oft „produktionsnah“, laufen mit hoher Compute-Auslastung und werden mit Daten- und Modellschnittstellen betrieben, die für Angreifer zusätzliche Nutzenpotenziale eröffnen können – nicht nur wegen der Softwareseite, sondern auch wegen des vorhandenen Rechenpotenzials.
Für die Praxis folgt daraus weniger ein einzelner „Patch-Quick-Fix“, sondern ein Bündel aus harten Betriebskontrollen. Entscheidend ist, dass Unternehmen ihre extern erreichbaren KI-Komponenten konsequent absichern: vom Minimieren offener Ports über Segmentierung bis hin zur Überwachung typischer Outreach-Muster wie Portscans, wiederholte Login-Versuche und ungewöhnliche HTTP-POST-Requests. Zusätzlich sollten Betreiber darauf achten, ob in Logs Hinweise auf das Nachladen von Malware-Komponenten oder auf C2-Bezüge auftauchen, die sich nicht sauber in klassische Blocklistenmuster einordnen lassen. Wer LLM-Services wie LiteLLM, Gotenberg oder zugehörige Gateways betreibt, sollte diese Systeme wie „hochwertige Infrastruktur“ behandeln: nicht nur wegen des möglichen Ausfalls, sondern weil sie – wie die PoeLLM-Beobachtungen zeigen – zur massenhaften Verbreitung in Botnetze umfunktioniert werden können.
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