LINGEN/MARL / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland ist erstmals erneuerbarer Wasserstoff aus einer Elektrolyseanlage nachweisbar per Leitungsnetz an einen industriellen Abnehmer geflossen. Der von RWE in Lingen produzierte Wasserstoff geht über ein 120 Kilometer langes Netz zum Chemiepark Marl der Evonik im Ruhrgebiet. Das Projekt GET H2 Nukleus wird in Teilen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mitfinanziert und adressiert damit den Ausbau der Infrastruktur für den Wasserstoffhochlauf.

Der Transport beginnt an einer Stelle, an der Wasserstoff bislang in vielen Projekten vor allem als Planungsszenario auftauchte: aus Lingen ins Ruhrgebiet. Laut Mitteilung des Netzbetreibers Nowega wird erneuerbarer Wasserstoff aus einer Elektrolyseanlage über ein im Aufbau befindliches Kernnetz zur Wasserstoffversorgung zu einem industriellen Abnehmer geleitet. Konkret fließt der von RWE in Lingen produzierte Wasserstoff über ein 120 Kilometer langes Leitungsnetz zum Chemiepark Marl der Evonik.
Technisch ist das weniger ein einzelnes Rohrstück als vielmehr ein belastbarer Übergang zwischen Produktion und industrieller Nutzung. Das Kernnetz, das GET H2 Nukleus in Etappen bundesweit aufbaut, verbindet Elektrolyse, Transport und Anwendung. Für den Betrieb entscheidend ist, dass der Abnehmer bereits jetzt nicht nur „später geplant“, sondern mit dem vorhandenen Netzabschnitt direkt beliefert wird. So wird der oft als Flaschenhals diskutierte Sprung von der Erzeugung hin zur skalierbaren Versorgung von Industrieprozessen vorerst mit einem konkreten Lieferpfad umgesetzt.
Das Projekt ist zudem an Nachhaltigkeitsnachweise gekoppelt, die in der Praxis den Unterschied zwischen „grünem“ Marketing und nachprüfbarer Klimawirkung machen. RWE gibt an, dass der in Lingen produzierte Wasserstoff die EU-Anforderungen für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs (RFNBO) erfüllt. Damit können Abnehmer des Wasserstoffs entsprechende Nachweise nutzen und ihrerseits Einsparungen beim Klimagas CO2 geltend machen. Gerade bei energieintensiven Herstellern ist das ein zentraler Baustein, weil CO2-Bilanzierung und Lieferkettenanforderungen häufig zeitlich eng mit Produktions- und Investitionszyklen zusammenfallen.
Auch der weitere Ausbau hat bereits konkrete Größenordnungen: RWE will eigenen Angaben zufolge bis Ende dieses Jahres in Lingen eine Elektrolyseleistung von 200 Megawatt in Betrieb nehmen. Für das kommende Jahr nennt das Unternehmen 300 Megawatt als Ziel für die gesamte Anlage. In der norddeutschen Energieplanung spielt dabei insbesondere der Zugang zu Windenergie aus der Nordsee eine Rolle, weil der Elektrolysebetrieb ohne CO2-Emissionen möglich sein soll. Für den industriellen Kontext gilt grüner Wasserstoff damit als Hebel für Prozesse, die sich elektrifizieren lassen, aber nicht vollständig durch Strom allein ersetzt werden können – etwa im Stahlumfeld oder als Grundstoff für chemische Produktionen sowie als Input für Raffinerien.
Regional erweitert sich das Bild über das Ruhrgebiet hinaus. Im Zusammenhang mit GET H2 Nukleus in Nordrhein-Westfalen seien bereits fertiggestellte oder in Umsetzung befindliche Abschnitte genannt, darunter eine Ende 2025 abgeschlossene Leitung im Münsterland zu einem Wasserstoffspeicher der RWE, der Mitte 2027 in Betrieb gehen soll. Solche Zeitachsen sind für die Skalierung entscheidend: Ohne passende Speicher- und Transportkapazitäten bleibt jede Elektrolyseleistung in der Logik einer Insel. Mit dem schrittweisen Aufbau eines Kernnetzes entsteht dagegen eine Infrastruktur, die Lastspitzen bei Produktion und Verbrauch technisch ausgleichen kann.
GET H2 Nukleus selbst setzt dabei auf eine breite Beteiligung entlang der Wertschöpfungskette: Die Initiative umfasst mehr als 50 Unternehmen, Institutionen, Verbände und Kommunen. Der Ansatz zielt darauf, Projekte von Elektrolyse über Import, Transport und Speicherung bis zur Anwendung in unterschiedlichen Industrien zu koordinieren. Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) bezeichnete den Vorgang laut Mitteilung als wichtigen Meilenstein für den Wasserstoffhochlauf in Niedersachsen und Deutschland und verwies dabei auf Wasserstoff als Baustein für die Transformation energieintensiver Industrien. Für die Branche ist damit vor allem plausibel, dass der Markt nicht nur in einzelnen Pilotleitungen wächst, sondern entlang eines Netzdatenmodells, in dem industrielle Abnehmer frühzeitig angebunden werden.
Für Unternehmen mit Wasserstoff- oder CO2-relevanten Investitionsplänen verschiebt sich damit der Umsetzungsspielraum. Wenn ein Abnehmer wie im Chemiepark Marl bereits über einen definierten Transportweg beliefert wird, sinkt der „Infrastructure-on-demand“-Druck, der viele Projekte in den vergangenen Jahren ausgebremst hat. Gleichzeitig bleibt die nächste Herausforderung klar: Je mehr Elektrolyseleistung geplant ist, desto stärker werden Anforderungen an Netzbetrieb, Verfügbarkeit, Bilanzierung und Anschlusslogik. Das macht GET H2 Nukleus zu einem realen Referenzfall dafür, wie schnell sich aus einer Wertschöpfungskette in der Theorie eine Versorgung in der Praxis entwickeln kann.
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