MAGDEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen in Sachsen-Anhalt, fordert regionale Strompreiszonen statt eines einheitlichen Börsenstrompreises. Die Idee: Dort, wo erneuerbare Energien günstig produziert werden, soll der Strom am Ende auch für Verbraucher und Unternehmen preislich vorteilhafter sein. Als mögliche Blaupause nennt sie eine gemeinsame Zone mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Gleichzeitig bleibt das Ziel bestehen, Sachsen-Anhalt bereits bis 2035 klimaneutral zu machen.

In Sachsen-Anhalt schiebt die Politik ein Thema nach vorn, das in vielen Debatten über Energiewende bislang zu kurz kommt: der Zusammenhang zwischen Erzeugungsort, Netzausbau und dem, was am Ende in der Stromrechnung landet. Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen in dem Bundesland, plädiert laut MDR für regionale Strompreiszonen. Der Kern ist eine Entkopplung vom bislang überwiegend einheitlich abgebildeten Börsenstrompreis, der nicht automatisch abbildet, ob erneuerbarer Strom in der Region gerade im Überfluss verfügbar ist oder ob Engpässe den Transport verteuern.
Aktuell gebe es in Deutschland einen einheitlichen Börsenstrompreis, während erneuerbare Energie vor allem in Nord- und Ostdeutschland erzeugt werde. Umgekehrt liegen wichtige industrielle Zentren eher im Süden und Westen. Wenn die Netze diese Mengen nicht effizient in die Verbrauchsregionen bringen, kommt es zu Redispatch und der Abregelung von Erzeugern: Wind- und Solaranlagen werden dann teilweise abgeschaltet, um eine Überlastung zu verhindern. Genau hier setzt die Forderung an, denn sie will nicht nur technische Probleme lösen, sondern auch Preissignale so gestalten, dass sie Anreize für Ausgleich und Investitionen liefern.
Sziborra-Seidlitz argumentiert dabei zweigleisig: Einerseits sollen Verbraucher profitieren, andererseits sollen Unternehmen einen wirtschaftlichen Vorteil spüren. Die Logik ist schlicht und politisch anschlussfähig: Wenn Strom aus erneuerbaren Quellen dort günstiger verfügbar ist, wo er anfällt, dann sollte er auch im regionalen Preisbild entsprechend günstiger abgerechnet werden. Damit würden Preisschwankungen und Transportkosten stärker sichtbar werden, anstatt in einem bundesweiten Durchschnitt zu verschwinden. Für die Praxis bedeutet das allerdings mehr als nur eine neue Preisformel, denn regionale Preiszonen berühren die Art, wie Märkte verfügbare Kapazitäten, Engpässe und die Kosten für den Netzbetrieb abbilden.
Bemerkenswert ist zudem der Vorschlag zur Umsetzung über Ländergrenzen hinweg. Laut Sziborra-Seidlitz könnte Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen eine gemeinsame Strompreiszone bilden. Sie betont dabei zugleich die politischen Grenzen der eigenen Ebene: So etwas lasse sich nicht auf Landesebene allein regeln, sondern müsse von den Ländern angestoßen und unterstützt werden. In der Energiewende-Debatte ist das ein typischer Realitätscheck, weil die Ausgestaltung von Marktregeln und Zonierung in der Regel überregional koordiniert werden muss und sich nicht beliebig von einem einzelnen Bundesland steuern lässt.
Technisch und marktdesignbezogen hat das Modell einen klaren Hintergrund: Preiszonierung ist ein Instrument, das Engpässe im Netz abbilden kann, ohne jede einzelne Netzentscheidung in die Bilanzierung zu verlagern. Ziel ist, dass sich Knappheit dort stärker im Preis zeigt, wo Transportkapazität fehlt, während Regionen mit Überschuss entsprechende preisliche Entlastung erhalten. Damit könnten sich auch Verhalten und Investitionen verschieben – etwa in Richtung effizienterer Nutzung lokaler Erzeugung, besserer Lastverschiebung oder schnellerer Netzintegration. Gleichzeitig bleibt abzuwägen, wie stark solche Zonen in die Kosten- und Beschaffungsprozesse von Versorgern und Industriekunden eingreifen, die bisher mit einem bundesweit einheitlichen Bild planen.
Inhaltlich passt die Debatte zur weiteren energiepolitischen Linie in Sachsen-Anhalt. Sziborra-Seidlitz verteidigt das Ziel, das Bundesland bereits bis 2035 klimaneutral zu machen – zehn Jahre früher als im Bund geplant. Regionalisierte Strompreise wären in diesem Kontext nicht das alleinige Mittel, aber ein Hebel, um die Akzeptanz und Wirtschaftlichkeit der Umstellung zu stützen. Denn wenn die Energiewende nicht nur technisch gelingt, sondern auch im Portemonnaie sichtbar wird, sinkt typischerweise die Bereitschaft, Maßnahmen pauschal abzulehnen.
Für die nächsten Schritte ist entscheidend, ob und wie die Politik die regionalen Preiszonen als umsetzbares Konzept in konkrete Abstimmungsprozesse bringt. Die Idee einer gemeinsamen Zone mit mehreren Nord- und Ostbundesländern deutet darauf hin, dass die Initiierung länderübergreifend gedacht ist. Gleichzeitig dürfte der Streitpunkt weniger die Zielrichtung „faire Preise“ sein als die Frage, wie stark das Preisbild tatsächlich Engpässe abbildet und welche Übergangsregeln für bestehende Beschaffungs- und Vertragsmodelle gelten. Gerade bei der Verknüpfung von Netzausbau, Redispatch und Erzeugungsmanagement wird sich zeigen, ob regionale Preislogik die Effizienz der Energiewende erhöht – oder ob sie neue Komplexität schafft.
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