BALTIMORE / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende um die University of Birmingham zeigen, dass eine bösartige SIM-Karte über die Modems von Mobilfunk-Controllern Befehle ausführen kann. In ihrem Test schaltete sich die als „RUN AT“ bekannte AT-Schnittstelle bei 9 von 26 geprüften Geräten ein. An einem kommerziellen EV-Ladegerät ließen sich damit eigene Codeszenarien anstoßen, zudem sind konkrete AT-Kommandos beschrieben, die ein Smartphone auf 2G festnageln. Die Auswertung macht deutlich, dass es keinen Einzelfix gibt, sondern Hersteller- und Firmware-Entscheidungen zur Härtung entscheidend sind.

Wer in zellular angebundene Geräte blickt – etwa EV-Ladeinfrastruktur, industrielle Router oder Telemetrie-Boxen im Fahrzeug – sieht meist nicht den Funkteil, sondern das Gesamtsystem. Genau hier setzt die aktuelle Untersuchung an: Eine SIM-Karte kann dem Modul Befehle proaktiv schicken und dadurch Codepfade im Modem anstoßen, ohne dass das Opfer zuvor aktiv zustimmen oder interagieren muss. Die Forschenden verknüpfen damit zwei Ebenen, die in der Praxis oft getrennt betrachtet werden: die standardisierte Proaktiv-Fähigkeit von SIMs im Zusammenspiel mit einer AT-Schnittstelle („AT commands“) im Mobilfunkmodul, die Hersteller in der Regel um eigene Funktionen erweitern.
In den Tests mit 26 Mobilfunk-Teilkomponenten und Smartphones schaltete sich „RUN AT“ in 9 Fällen ein. Die Autoren berichten, dass davon sechs der acht getesteten zellularen Module den Kommando-Aufruf akzeptierten. Bei den Smartphones nahm die Zahl deutlich ab: Nur 3 von 18 unterstützten die relevante Schnittstelle – genannt werden dabei OPPO Find X5, OPPO Reno 14 F 5G sowie ASUS Zenfone 9; iPhone und Pixel seien in dieser Stichprobe nicht betroffen gewesen. Die Exposition wird als „Machine-to-Machine Hardware“ eingeordnet, also als Einsatzdomäne, in der Module typischerweise für Dauerbetrieb gedacht sind und häufig mit frei zugänglichen SIM-Slots oder wenigen weiteren Schnittstellen ausgeliefert werden.
Entscheidend für die Angriffsrealität ist laut Arbeit weniger „welche Nummer das Opfer hat“, sondern wie die Angreifer an die Karte kommen. Der Bericht nennt Szenarien wie manuelles Tauschen im Slot, das Einbringen eines dünnen Interposers, das Zurückschieben der Karte durch einen kompromittierten Betreiber oder das Unterlaufen in Software- bzw. Produktionsprozessen. Für Betreiber von unbewachten IoT-Geräten ist das besonders relevant, weil sich der Aufwand für einen solchen SIM-Tausch im Feld mitunter stärker lohnt als beim Austausch einer kompletten Hardware- Einheit. Außerdem betonen die Forschenden, dass es keine einzelne universelle Patch-Lösung gibt: Wer die Schnittstelle zulässt, entscheidet nicht nur über eine Bug-Fix-Backport-Strategie, sondern darüber, ob eine dokumentierte Kommunikationsfunktion als General-Purpose-Konsole verfügbar bleibt.
Technisch wird „RUN AT“ als proaktiver Befehl beschrieben, der Bestandteil eines standardisierten SIM-Befehlssatzes ist und nicht wartet, bis die Gegenstelle einen Einlesevorgang auslöst. Der Angriff läuft darüber, dass das Modem einen AT-Befehl ausführt – die Modem-Steuersprache, die bis in die 1980er/zu Hayes Smartmodem-Ansätzen zurückreicht und heute von jedem Gerätehersteller erweitert wird. Damit wird die SIM-Karte nicht nur zur Datenträgerin, sondern zur Eingabequelle für eine Kommando-Schnittstelle. Die Arbeit ordnet außerdem die Architektur als Verstärker ein: Viele Module kombinieren den Funkteil mit einem kleinen Anwendungsprozessor; dabei geben sie nicht verstandene AT-Kommandos oft an diesen Prozessor weiter. In der Folge kann eine SIM-nahe Eingabe letztlich auch auf einer „rich attack surface“ enden – so benennen es die Forschenden für das Zusammenspiel aus Modem und zusätzlichem Linux/Android-Kontext.
Als konkretes Beispiel dient ein kommerzielles EV-Ladegerät (Modellcode MAXI US AC W12-L-4G), in dem ein Quectel-Modul eingesetzt ist. Im Umfeld des Quectel EC25AFXDGA wird laut Analyse ein Daemon erwähnt, der über eine unsichere Formatzeichenkettenbehandlung Text aus Angreifer-Kommandos in eine Shell-Call-ähnliche Funktion einspeist; ein Blocklisten-Ansatz soll Shell-Escape-Sequenzen abfangen, jedoch sei das Umgehen über einen Newline möglich gewesen. Zwei Stufen später sei dadurch Codeausführung möglich gewesen, angetrieben ausschließlich durch SIM-Kommandos. Die Forschenden verweisen zudem auf das Tooling CATana, mit dem sie im Smartphone-Fall 198 AT-Kommandos über die SIM-Schnittstelle erreichbar gemacht haben.
Auf Nutzerseite zeigt sich das Risiko besonders deutlich am OPPO Reno 14 F 5G: Eine AT-Kommandozeile wird beschrieben, die das Gerät auf 2G festnagelt und durch gängige UI- oder Bedienaktionen nicht wieder rückgängig gemacht werden kann – weder über Airplane Mode, manuelle Netzumschaltung, mobile Daten-Optionen, SIM-Deaktivierung noch über die bevorzugte Netzgeneration. Ergänzende Befehle führten zudem dazu, dass das Gerät heruntergefahren bzw. der Modem-Teil abgeschaltet wurde. Die Arbeit nennt außerdem einen weiteren Case: Über AT-Kommandos in Verbindung mit einem TFTP-bezogenen Daemon sollen auf einem Quectel-Modul beliebige Dateien lesbar gemacht worden sein; dafür habe allerdings zusätzlich ein vorbereiteter Pfad bzw. ein zuvor platzierter Link auf dem Modul-Dateisystem existieren müssen, etwa durch einen SD-Karten-Eintrag oder eine manipulierte Partition.
Auf der Hersteller- und Patch-Strategieebene wird das Bild uneinheitlich: Qualcomm habe laut Bericht eine „hardened configuration“ aufgebaut, die die Schnittstelle standardmäßig deaktiviert; Quectel habe eine Mitigation für einen Dateizugriffs-Aspekt vorgenommen und arbeite weiterhin an der direkten Schnittstelle. Ein Problem bleibt allerdings, dass Modulhersteller häufig nicht mit frei öffentlichen Firmwarestände- oder Fix-Versionen planen, was die Verifikation im Feld erschwert. Zu den Einträgen, die die Forschenden angeben, zählt die Zuordnung der Schnittstelle als CVE-2026-57550 (durch Qualcomm) sowie CVD-2026-0122 durch die GSMA; bis zum genannten Zeitpunkt sei der CVE-Eintrag noch nicht in der veröffentlichten Liste erschienen. Unabhängig davon wird für Betreiber vor allem eine pragmatische Maßnahme empfohlen: beim Modul- oder Gerätelieferanten explizit nachfragen, ob „RUN AT“ in der ausgelieferten Firmware aktiviert ist und ob sich die Funktion deaktivieren lässt.
Für die Branche ist der Fall deshalb mehr als ein einzelner Schwachstellenreport: Er verschiebt den Fokus von „Bug im Code“ hin zu „Angriffsfläche durch eine aktivierte Kommunikationsfähigkeit“. Die Forschenden ordnen die Resultate außerdem in einen größeren Kontext ein, weil bereits zuvor ein AT-reichbarer Command-Injection-Eintrag über einen anderen Einstiegspunkt publiziert wurde (CVE-2021-31698). Zusätzlich wird ein separater Android-Fall erwähnt, der in einem Dezember-2025 Bulletin als CVE-2025-48618 auftauchte und ohne User-Interaktion eine Webseite öffnen konnte; Google habe daran offenbar gepatcht. Für IoT-Flotten bedeutet das: Neben Patch-Zyklen sollten Betreiber vor allem die Firmware-Einstellungen und Sicherheitsprofile der Mobilfunkmodule prüfen, weil der entscheidende Hebel offenbar bei der Deaktivierung oder Härtung der AT-SIM-Schnittstelle liegt – nicht bei einer einzigen Standard-Aktualisierung.
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