LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht, wie stark Überzeugungen zu „binär vs. nichtbinär“ mit autoritären Denkstilen zusammenhängen. Die Auswertung zeigt für beide Geschlechter-Positionen eine klare Kopplung: Strikte Binärvorstellungen passen besonders zu rechtsextrem-autoritären Tendenzen, nichtbinäre Vorstellungen zu links-anti-konventionalen Mustern. Die Forschenden stützen sich auf zwei vorregistrierte Online-Umfragen in den USA und im Vereinigten Königreich. Wichtig ist der methodische Hinweis: Es handelt sich um Korrelationen, keine Belege für Ursache oder Richtung.

Die Debatte um Geschlechtsidentität wirkt in der Öffentlichkeit oft wie ein Kulturkampf zwischen politischen Lagern. Die neue wissenschaftliche Arbeit, veröffentlicht in Archives of Sexual Behavior, verschiebt jedoch den Blick von „links gegen rechts“ hin zu einem gemeinsamen psychologischen Bauprinzip: Wie dogmatisch und regelorientiert Menschen Geschlecht interpretieren, korreliert offenbar mit autoritären Denkstilen – und zwar auf beiden Seiten des Spektrums. Die Studie nimmt dabei ein heikles Begriffspaar auseinander, das in solchen Diskussionen häufig vermischt wird: „sex“ steht für biologische Merkmale wie Chromosomen und Anatomie, „gender“ für psychologische Identität und soziale Rolle. Genau an dieser Stelle setzt die Untersuchung an, weil unterschiedliche Ansichten darüber, ob Sex und Gender als strikt binär oder als veränderlich zu verstehen sind, offenbar nicht nur Weltbilder prägen, sondern auch mit Persönlichkeits- und Ideologievariablen zusammenhängen.
Neu ist vor allem, dass die Forschenden nicht bei der aus der Literatur bekannten Schiene „rechts = starr = autoritär“ stehen bleiben. Frühere empirische Arbeiten hatten vor allem eine Verbindung zwischen einer binären Geschlechterauffassung und rechtsgerichtetem Autoritarismus nahegelegt. In der vorliegenden Studie wird das als Ausgangspunkt genutzt: Eine 2021 publizierte Arbeit, verankert in der DOI-Linie (2021), verknüpfte starkes Zugehen auf traditionelle Autoritäten mit starren Vorstellungen über traditionelle Geschlechterrollen. Die neue Publikation stellt dem eine Lücke gegenüber: Bisher sei es vergleichsweise selten gelungen, systematisch zu testen, wie „linksautoritäre“ Muster mit Geschlechts- und Gendervorstellungen zusammenlaufen. Diese Lücke wird nicht mit Spekulation geschlossen, sondern mit einem klaren Rahmen für links-autoritäres Denken.
Im theoretischen Unterbau wird dafür auf Modelle zurückgegriffen, die Autoritarismus auch im progressiven Milieu beschreiben. Konkret verweist die Studie auf eine Arbeit zu linksgerichtetem Autoritarismus mit der Idee, dass manche progressiven Milieus eine aggressive Durchsetzung unkonventioneller Normen besonders stark fordern. Als Bezug dient dafür eine 2020er Publikation mit dem Datensatz (2020), die ein Konzept von „anti-konventionalem“ linksautoritärem Denken operationalisiert: Menschen sollen demnach nicht nur progressive Werte übernehmen, sondern konservative Positionen als grundsätzlich unmoralisch zurückweisen und die so entstehende Normhierarchie durchzusetzen versuchen. Die Forschenden erweitern damit die Perspektive: Nichtbinäre oder als „fluid“ verstandene Genderauffassungen können dem Modell zufolge ähnlich stark mit autoritären Strukturen verbunden sein wie binäre Sichtweisen auf der anderen Seite des politischen Spektrums.
Die Datengrundlage besteht aus zwei separaten Online-Umfragen. Im ersten Schritt wurden 1.431 Erwachsene aus den USA rekrutiert. Die Teilnehmenden beantworteten Fragen zu ihren Überzeugungen über Sex und Gender auf einer kontinuierlichen Skala und zudem eine einfache Direktauskunft zur Frage, ob es nur zwei Geschlechter gebe. In dieser Stichprobe lagen die Antworten bei 57 % für „nur zwei“ und 43 % für „mehr als zwei“. Ergänzend erfassten die Forschenden zwei Formen von Autoritarismus: rechtsautoritäre „conventionalism“, also der Wunsch, dass alle gesellschaftlichen Regeln traditionellen moralischen Standards entsprechen sollen, sowie linksautoritäre „anti-conventionalism“, also der Wunsch, dass alle Menschen progressive Werte übernehmen, während konservative Ansichten als inhärent unmoralisch behandelt werden. Das Ergebnis ist in seiner Richtung eindeutig: Wer Gender als binär und unveränderlich ansieht, zeigt eine starke Kopplung an rechtsautoritären Conventionalism. Umgekehrt hängt die Zustimmung zu nichtbinären und veränderlichen Vorstellungen stark mit linksautoritärem Anti-Konventionalismus zusammen. Diese Zusammenhänge bleiben laut Studie robust, selbst nachdem demografische Faktoren wie Alter, Einkommen und die generelle politische Ausrichtung berücksichtigt wurden.
Im zweiten Schritt prüfen die Forschenden, ob das Muster auch in einem anderen kulturellen Kontext trägt. Dazu wurden 1.390 Erwachsene aus dem Vereinigten Königreich befragt, wieder mit denselben Erhebungsinstrumenten für Genderüberzeugungen sowie für rechte und linke autoritäre Facetten. Auch hier zeigt sich die Kopplung in die gleiche Richtung: 68 % der Teilnehmenden befürworteten eine binäre Sichtweise, 32 % eine nichtbinäre. Zusätzlich wurden weitere autoritäre Merkmale gemessen, darunter soziale Dominatorneigung, rechte Aggression, linksgerichtete anti-hierarchische Aggression sowie der Wunsch nach Top-down-Zensur. Die Studie berichtet, dass die zentralen Prädiktoren für die Genderüberzeugungen besonders Conventionalism und Anti-Konventionalism sind – also genau jene Normdurchsetzungslogiken, die im theoretischen Modell ausgearbeitet wurden. In der Methodik fällt außerdem auf, dass die Untersuchung als präregistrierte Studie durchgeführt wurde und sich an „open science“-Standards orientiert, inklusive Replikation über zwei unabhängige Datensätze. Damit wird weniger nur ein Ergebnis behauptet, sondern auch der Forschungsweg überprüfbar gemacht.
Wichtig für die Einordnung ist der Unterschied zwischen Korrelation und Ursache. Die Daten erlauben keine Aussage darüber, ob eine bestimmte Genderüberzeugung Menschen autoritärer macht oder ob autoritäre Persönlichkeiten eher zu bestimmten Regel- und Kategorienvorstellungen tendieren. Die Forschenden betonen außerdem, dass nicht jede Person, die binär oder nichtbinär denkt, automatisch den Anspruch hat, diese Sichtweisen anderen aufzuzwingen. Was die Studie nahelegt, ist vielmehr: Personen mit besonders stark kontrollierenden Persönlichkeitsstrukturen verknüpfen ihre Genderideologien besonders intensiv mit autoritären Durchsetzungsmechanismen. Für die Praxis bedeutet das zugleich, wie man Debatten rhetorisch führen sollte: Eine einseitige Vereinfachung („diese Position ist nur autoritär“) greift offenbar zu kurz, weil autoritäre Logiken auf beiden politischen Seiten auftreten können – nur eben mit unterschiedlichen Normzielen.
Die Arbeit adressiert damit auch eine meta-wissenschaftliche Spannung: Sozialwissenschaften und Psychologie stehen immer wieder im Verdacht, durch eigene Wertannahmen geprägt zu sein. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass es Teil der Verantwortung öffentlich finanzierter Universitäten sei, nicht einseitig Argumentationsmaterial für politische Rhetorik zu liefern. Zugleich deutet der Ausblick auf offene Anschlussfragen hin: Ob sich die Muster in weiteren Ländern reproduzieren lassen, wie genau tiefere Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus hineinspielen könnten, und wie verwandte Konzepte (etwa das Zusammenspiel von Ideologie und problematischen Persönlichkeitsprofilen) in zukünftigen Studien getestet werden. Unterm Strich liefert die Studie damit nicht nur neue Daten zu Geschlechts- und Genderüberzeugungen, sondern auch ein Signal an die Forschung: Wenn Autoritarismus mehr als ein „rechtsgerichtetes“ Phänomen sein kann, müssen auch die theoretischen Brillen entsprechend erweitert werden.
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