MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens hat im dritten Quartal im Neugeschäft und im operativen Ergebnis Rekordwerte erzielt. Der Auftragseingang stieg angetrieben von Smart Infrastructure um 13 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro. Gleichzeitig hob der Konzern seine Ergebnisprognose für 2025/26 an und verwies auf industrielle KI sowie den anhaltenden Ausbau von KI-Rechenzentren. Bei der geplanten Abspaltung von Siemens Healthineers kündigte Siemens einen konkreten Zeitplan und die Reduktion von Mandaten im Aufsichtsrat an.

Siemens startet mit einem deutlichen Quartalsimpuls ins zweite Halbjahr: Im dritten Quartal wuchs das Neugeschäft stärker als erwartet, und auch das operative Ergebnis markierte neue Bestmarken. Besonders auffällig ist dabei die Verteilung der Nachfrage auf digitale Schwerpunkte. Der Konzern führt die Entwicklung auf eine robuste Lage in seinen beiden digitalen Kernsparten zurück – insbesondere auf den Ausbau von KI-Rechenzentren sowie auf Digital Industrie, wo Industrieautomatisierung und Software eng miteinander verzahnt werden.
Technisch und operativ relevant ist vor allem, was hinter diesen Zahlen steckt: Smart Infrastructure profitierte laut Unternehmensangaben im Quartal von hoher Nachfrage, der Auftragseingang kletterte um 13 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro (Stand: Ende Juni). Diese Dynamik lässt sich in der Praxis meist dort beobachten, wo Energieverteilung, Gebäude- und Netztechnik sowie moderne Steuerungsarchitekturen skalieren müssen – also genau in den Projektlandschaften, die für Rechenzentren im Zuge KI-getriebener Workloads entstehen. Auch der Auftragsbestand wächst und schafft Planungssicherheit: Mit 132 Milliarden Euro sieht Siemens nach Aussage von Konzernchef Roland Busch „sehr optimistisch“ in das nächste Geschäftsjahr.
Der Umsatz stieg um sieben Prozent auf rund 20,8 Milliarden Euro; bereinigt um Währungs- und Portfolioeffekte lag das Wachstum bei acht Prozent. Im Industriegeschäft legte das Ergebnis um ein Viertel auf 3,5 Milliarden Euro zu. Als konkreter Treiber wird hier unter anderem der Effekt aus Zollrückerstattungen in den USA genannt, vor allem im Umfeld der Medizintechniktochter Siemens Healthineers. Unter dem Strich verdiente Siemens 2,6 Milliarden Euro und damit 15 Prozent mehr – ebenfalls besser als erwartet, was den Konzern in eine aktivere Prognosehaltung bringt.
Die Kapitalmarktreaktion fiel dennoch zunächst zweigeteilt aus: Obwohl Investoren die Entwicklung grundsätzlich positiv aufnahmen, gab die Aktie im frühen Handel mehr als fünf Prozent nach, nachdem das Papier am Vortag ein Rekordhoch erreicht hatte. Solche Bewegungen sind an der Börse häufig das Zusammenspiel aus „Gewinnmitnahmen“ nach starken Kursphasen und einer Bewertung, ob die neue Guidance bereits im Kurs eingepreist war. Entsprechend unterschiedlich fielen auch die Analystenkommentare aus: Einerseits wurde das Quartal über die Breite des Wachstums und die damit verbundene Überraschung gelobt, andererseits bemerkten Marktstimmen, dass der Konsens beim Thema Gewinnziel bereits nahe beieinanderliege.
Mit der Anhebung der Ergebnisprognose für 2025/26 zeigt Siemens jedoch klar, dass der Wachstumsschub nicht nur aus einzelnen Großprojekten gespeist wird. Für das Ergebnis je Aktie (vor bestimmten Kaufpreiseffekten) nannte der Konzern nun 11,20 bis 11,50 Euro nach zuvor 10,70 bis 11,10 Euro. Der Umsatzausblick wurde zugleich bestätigt: Siemens erwartet weiter vergleichbares Wachstum am oberen Ende der Spanne von sechs bis acht Prozent. Für Smart Infrastructure hob Siemens Erwartungen für Umsatz und Marge an, was zur Logik der Zahlen passt: Wenn die Projektpipeline und die Auslastungslage zulegen, wirkt das typischerweise sowohl auf die kurzfristige Ergebnishebelung als auch auf die Fähigkeit, Margen in Folgequartalen zu halten oder zu verbessern.
Auch die Konzernstruktur bleibt ein zentraler Treiber, weil Siemens gleichzeitig an der geplanten Abspaltung von Siemens Healthineers arbeitet. Veronika Bienert, Finanzvorständin, sagte in der Telefonkonferenz, die relevanten steuerlichen Themen seien mit den Finanzbehörden verbindlich geklärt worden. Der Zeitplan sieht vor, dass die Aktionäre beider Unternehmen in Hauptversammlungen im kommenden Jahr darüber abstimmen; weitere Details will Siemens im November mit den Jahreszahlen veröffentlichen. Parallel kündigte Konzernchef Busch an, dass die Anzahl der Aufsichtsratsmandate von Siemens-Vorstandsmitgliedern bei Healthineers von drei auf eins reduziert wird („Veronika und ich werden unsere Mandate niederlegen“). Diese Änderung soll zur nächsten Hauptversammlung von Siemens Healthineers im Februar 2027 wirksam werden – ein Schritt, der die organisatorische Trennung sichtbar macht.
Für Entscheider in Unternehmen und für die KI-Industrialisierung insgesamt ist der Kernpunkt mehr als nur eine Ergebnisrunde: Siemens verbindet die Nachfrage nach Rechenzentrums-Infrastruktur mit Software- und Automatisierungskompetenz, statt diese Entwicklung als reines Hardware-Thema zu behandeln. Das kann gerade dann wertvoll sein, wenn KI-Projekte in der Praxis an Energieeffizienz, zuverlässiger Netzführung und Integrationsfähigkeit scheitern. Wenn der KI-Boom – wie Siemens es in der Telefonkonferenz als wahrscheinlich bezeichnet – länger anhält, verschiebt sich der Wettbewerb für Systemintegration und Steuerungsarchitekturen weiter in Richtung Anbieter, die sowohl Engineering als auch Plattformlogik liefern.
Strategisch bleibt damit doppelt Spannung im Markt: Einerseits wirkt die angehobene Guidance wie ein Signal für stabilen Nachfragefluss in Smart Infrastructure und eine belastbare Profitabilität im Industrieumfeld. Andererseits könnte die laufende Strukturentscheidung bei Siemens Healthineers das Risikoprofil des Konzerns über die nächsten Quartale verändern, weil ein stärker fokussiertes Unternehmensprofil tendenziell leichter zu bewerten und zu steuern ist. Beobachter werden nun vor allem darauf schauen, ob die höheren Margenerwartungen in Smart Infrastructure auch dann halten, wenn Projektspitzen auslaufen, und ob die Abspaltungsmeilensteine bis zu den geplanten Abstimmungen ohne Verzögerungen umgesetzt werden.
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