BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Phishing-Welle in Chats, die als „Signal Support“ getarnt ist, zielt darauf ab, Backup-Recovery-Keys zu stehlen. Gelangt der Key in die Hände Angreifer, können sie verschlüsselte Secure-Backups entschlüsseln und damit auf die komplette Nachrichtenhistorie zugreifen. Besonders kritisch sind damit Verläufe, die vor einem späteren Account-Übernahmeversuch bereits gespeichert wurden. Sicherheitsverantwortliche sollten ihre Nutzeraufklärung schärfen und zusätzliche Schutzfunktionen wie PIN-Schutz, Gerätewechsel-Alerts und Sperren aktivieren.

Signal-Phishing stiehlt Backup-Recovery-Keys und entschlüsselt Archive
Signal-Phishing stiehlt Backup-Recovery-Keys und entschlüsselt Archive (Foto: IT BOLTWISE)
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Angreifer nutzen derzeit eine bislang besonders folgenschwere Variante von Phishing, um an die Wiederherstellungs- bzw. „Recovery“-Schlüssel von Signal-Nutzern zu gelangen. Statt sich mit einer klassischen Account-Übernahme auf zukünftige Chats zu beschränken, zielt die Masche auf die Entschlüsselung der in Secure Backups gespeicherten Konversationsarchive. Der Ablauf ist dabei vergleichsweise simpel: Nutzer erhalten eine SMS oder einen Chat, der so wirkt, als stamme er vom Support, und wird mit Dringlichkeit, drohendem Datenverlust und einer Aufforderung zur manuellen Eingabe eines 64-stelligen Keys verknüpft. Damit kippt die Bedrohungslage für Betroffene von „Kontrollverlust über den Account“ hin zu „Kontrollverlust über Historie“.

Technisch ist der Angriff nur deshalb so wirksam, weil der Recovery-Key als Schlüsselmaterial fungiert, das die zuvor erzeugten, serverseitig abgelegten Backup-Archive überhaupt erst wieder lesbar macht. Secure Backups speichern die Inhalte verschlüsselt; der entscheidende Schritt ist die Entschlüsselung. Signal sieht laut Beschreibung vor, dass der Recovery-Key das Gerät nicht verlässt und nicht an die Signal-Server „zurückfließt“. Genau deshalb ist das Vorgehen effektiv: Sobald ein Angreifer Zugriff auf den Key und gleichzeitig auf den Account erlangt, kann er das komplette Backup herunterladen und entschlüsseln – nicht nur Nachrichten, die nach der Kompromittierung entstehen, sondern auch solche, die bereits lange vorher gesichert wurden. Für Organisationen ist das ein Unterschied, der sich in der Risikoanalyse direkt in Richtung Datenabfluss historischer Beweismittel verschiebt.

Für die Einordnung lohnt sich der Blick auf die Sicherheitsmechanik moderner Messenger: Während viele Nutzerverhalten auf „Passwörter ändern“ und „2FA aktivieren“ trainiert wurden, ist der Recovery-Key ein anderes, weitaus sensibleres Artefakt. In der Praxis treffen Nutzer häufig Entscheidungen in Stresssituationen – etwa wenn eine Nachricht „permanent drohender Verlust“ ankündigt. Sicherheitsforscher berichten, dass die Angriffe deshalb häufig über Trigger wie Zeitdruck, Angst und das Aussehen scheinbar offizieller Support-Kommunikation funktionieren. Ein wichtiger Vergleich zur Marktlage: Andere Dienste wie WhatsApp oder Telegram kennen ebenfalls Recovery- und Authentifizierungsprozesse, doch die konkrete Kombination aus Secure-Backup-Schlüssel und der Aufforderung zur direkten Eingabe innerhalb eines Chats macht Signal in dieser Angriffswelle besonders angreifbar.

Laut Berichten, unter anderem von Malwarebytes, beginnt die Kampagne typischerweise mit einer Nachricht, die „Signal Support“ imitiert und den Nutzer auffordert, den Recovery-Key aus den Einstellungen zu kopieren und „hier einzufügen“. Zusätzlich wird oft „Name not verified“ sichtbar sein, doch genau diese Warnsignale werden in der Regel nicht rechtzeitig beachtet. In den jüngsten Beobachtungen zeigt sich zudem ein Zielmuster: Journalisten, Aktivisten und weitere Personen, deren Kommunikation hohen Vertraulichkeitsgrad hat, werden überproportional adressiert. Historisch ist das kein neues Phänomen: Phishing nutzt seit Jahren ähnliche Social-Engineering-Ketten, aber die technische „Belohnung“ hier – Entschlüsselung ganzer Archive – ist die Verschärfung, die es in dieser Form bislang selten so klar belegbar machte.

Der Markt- und Bedrohungskontext verschiebt sich dadurch, dass „Targeting“ nicht automatisch bedeutet, dass es dauerhaft bleibt. Sobald sich eine Technik als praktikabel erwiesen hat, wird sie häufig adaptiert und breiter ausgerollt. Besonders relevant ist das für Enterprise-Umgebungen, in denen Mitarbeitende regelmäßig auch mit externen Stakeholdern kommunizieren: Sobald ein Angriffsmuster in öffentlichen Kanälen auftaucht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ähnliche Kampagnen später massenhaft „nachziehen“. Zudem berichten Ermittler in Deutschland von Fällen, in denen mutmaßlich russische Akteure über Signal Vertrauen missbrauchten, um Accounts zu kompromittieren. In diesem Zusammenhang wurde eine Untersuchung eingeleitet, die Hinweise auf koordinierte Spionageaktivitäten prüft, wobei die frühe Evidenz auf ein staatlich unterstütztes Vorgehen hindeutet.

Für das Risiko von Einzelpersonen lässt sich das an konkreten Meldungen festmachen: Unter anderem wurde berichtet, dass eine prominente Politikerin (Julia Klöckner) Ziel eines Phishing-Versuchs gewesen sein soll, der in einer angeblich legitimen Gruppenkonversation eingebettet war. Ebenso tauchten Hinweise auf, dass auch der Versuch adressiert haben könnte, den Account des Bundeskanzler-Nachfolgers Friedrich Merz zu kompromittieren, wobei dort keine Bestätigung einer erfolgreichen Übernahme vorlag. Behörden gehen zudem davon aus, dass möglicherweise hunderte Accounts betroffen sein könnten. Für die IT-Sicherheitsstrategie bedeutet das: Die Schutzwirkung klassischer Kontrollen (etwa „nur Links prüfen“) reicht nicht aus, wenn der Angriff direkt auf Schlüsselmaterial und den Kopiervorgang in der App abzielt.

In der Praxis sollten Organisationen ihre Schutzmaßnahmen deshalb stärker an „Secret Hygiene“ ausrichten. Signal selbst wird – wie in vielen Sicherheitsleitfäden betont – keine Recovery-Keys proaktiv anfordern oder Nutzer zuerst kontaktieren, um Registrierungsdaten, PINs oder Recovery-Keys entgegenzunehmen. Entsprechend ist es entscheidend, dass Mitarbeitende unsichere Support-Nachrichten als potenziell manipuliert behandeln, Links in Warnmeldungen skeptisch prüfen und niemals Authentifizierungsgeheimnisse oder Verification-Codes teilen. Sinnvolle Hardening-Schritte sind zudem Funktionen wie Registration Locks, PIN-Schutz und Benachrichtigungen bei Gerätewechseln, weil sie die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass ein kompromittierter Prozess unbemerkt bleibt. Disappearing Messages können die Exposition bei einer Account-Übernahme senken, ersetzen aber nicht den Schutz des Recovery-Key-Prozesses.

Regulatorisch und datenschutzseitig berührt die Welle mehrere Ebenen: Wenn Angreifer verschlüsselte Historien entschlüsseln, handelt es sich faktisch um einen Verlust der Vertraulichkeit von Kommunikationsinhalten, selbst wenn die Transportwege ursprünglich geschützt waren. Das macht die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen zu einer Frage der organisatorischen Sorgfaltspflichten, wie sie in der EU-Datenschutzpraxis regelmäßig als Teil technischer und organisatorischer Maßnahmen verstanden werden. Für die Zukunft ist entscheidend, wie Messenger wie Signal Recovery-Workflows weiter absichern, etwa durch zusätzliche Plausibilitätsprüfungen gegen Social-Engineering und durch verstärkte Nutzerführungen bei der Wiederherstellung. Gleichzeitig werden Unternehmen und Sicherheitsanbieter verstärkt Automatisierung in Scam-Erkennung und Schulungsprogramme integrieren, um die menschliche Schwachstelle gerade in stressgetriebenen Situationen zu verkleinern.


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