NIESTETAL (KREIS KASSEL) / LONDON (IT BOLTWISE) – SMA hat in der Region Kassel eine Fabrik für Technik rund um große Energieanlagen eröffnet und dafür 80 Millionen Euro investiert. Bei voller Auslastung soll das Werk mehr als 60 Gigawatt an Produktionskapazität pro Jahr erreichen. Die Anlage mit 46.000 Quadratmetern Fläche ist als „Gigawatt Factory“ ausgelegt und soll besonders modulare Wechselrichter- und Systemlösungen für den Netz- und Speicherbetrieb unterstützen. Laut SMA sollen zwar keine neuen Jobs entstehen, bestehende Arbeitsplätze im Geschäft mit Heimanlagen aber perspektivisch gesichert werden.

SMA baut seine Rolle in der Energiewende nicht mehr nur über Komponenten für einzelne Dachanlagen aus, sondern rückt deutlich näher an den großskaligen Ausbau heran. In Niestetal (Kreis Kassel) hat der Solartechnikhersteller eine neue Fertigungsanlage für Technik rund um große Energieanlagen eröffnet. Die Investition beziffert SMA dabei mit 80 Millionen Euro, die das Unternehmen in eine eigene Produktionsumgebung für Großanlagen bündelt. Damit adressiert SMA genau den Teil der Wertschöpfung, bei dem Stromerzeugung, Speicherung und Netzbetrieb technisch eng zusammenlaufen müssen.
Die Dimension der „Gigawatt Factory“ wird in der Kommunikation über die Jahreskapazität greifbar: Bei voller Auslastung soll das Werk mehr als 60 Gigawatt pro Jahr produzieren. Zum Einordnen wird ein Benchmark aus der Branche genutzt: Die gesamte europäische Fertigungskapazität lag 2025 nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur bei rund 95 Gigawatt. Rechenlogisch entspricht das fast zwei Dritteln der europäischen Kapazität allein aus dem neuen Werk. Auf der Fläche bleibt es dabei nicht bei Symbolik: Die Fabrik am Sandershäuser Berg misst 46.000 Quadratmeter – groß genug, um das Projekt als Industrievorhaben mit erheblichem Material- und Prozessfluss zu betrachten.
Technisch steht die Anlage für ein modulares System, das in der Praxis mit Wechselrichtern beginnt. Diese Geräte wandeln Gleichstrom aus Solaranlagen in Wechselstrom um, damit der Strom ins Stromnetz eingespeist werden kann. SMA positioniert die Anlage nicht als Fertigung, die nur für Photovoltaik allein optimiert ist, sondern auch für große Batterieparks und für die Kombination aus beidem. Gerade diese Kopplung ist in vielen Ausbauplanungen entscheidend, weil Speicher Lastspitzen glätten und die Netzstabilität unterstützen sollen, während gleichzeitig die fluktuierende Einspeisung aus PV verstetigt werden muss.
Dass SMA den gleichen Geräteansatz auch außerhalb klassischer Solarparks nennt, zeigt die Breite der Zielmärkte. Laut Beschreibung kommen die Systeme unter anderem in Rechenzentren und bei der Wasserstoffproduktion zum Einsatz. Dabei hebt SMA hervor, dass die Geräte in ihrer Größenordnung Dimensionen erreichen, die mit einem Schiffscontainer vergleichbar sind. Für die Fabrik bedeutet das: Die Prozesse müssen Bauteile und Baugruppen nicht nur präzise, sondern auch in industrieller Taktung und mit robusten Test- und Qualitätsabläufen zusammenführen. Zugleich soll künftig die gesamte Großanlagenproduktion in der Halle gebündelt werden, was auf klare Fertigungsströme hindeutet und das Risiko von Medienbrüchen zwischen Teilfertigungen reduziert.
Der Markt, den SMA damit adressiert, wächst laut Angaben des Unternehmens seit 2022. Rund 80 Prozent des Umsatzes sollen in der Großanlagensparte liegen – und damit deutlich anders als im Geschäft mit Klein- und Gewerbekunden, wo SMA in der Vergangenheit rote Zahlen geschrieben hatte und in dem die Konkurrenz aus China dominiert. Für die Einordnung ist wichtig: Großanlagen sind nicht nur ein Frage der Stückzahlen, sondern auch der Systemintegration, der Projektabwicklung und der Fähigkeit, große Komponenten in planbare Lieferketten einzufügen. Mit der Kasseler Fabrik setzt SMA daher weniger auf „mehr Masse“, sondern auf eine Fertigungs- und Skalierungsstrategie für denjenigen Teil des Marktes, der stärker nach Engineering, Verfügbarkeit und Langzeitbetrieb verlangt.
Zur Eröffnung kamen ranghohe Wirtschaftsvertreter, und die Aussagen kreisten um Versorgungssicherheit und die Rolle günstiger Erzeugungsquellen. Der frühere VW-Chef Herbert Diess ordnete die Bedeutung des Projekts in den Kontext des Ausbaus von Solarstrom ein und bezeichnete Solarstrom als eine der günstigsten Energiequellen, die es auszubauen gelte. Nikolaus Valerius, CEO des Kraftwerkbetreibers RWE Generation, stellte dagegen die Fabrik stärker als Baustein für Versorgungssicherheit in Deutschland dar; RWE Generation nennt dabei bereits installierte 20 Gigawatt an erneuerbaren Erzeugungskapazitäten und verweist auf die Technik von SMA als Mitfaktor. Dass SMA zugleich betont, neue Arbeitsplätze würden nicht entstehen, wirkt dabei wie eine klare Erwartungssteuerung: Bestehende Jobs im defizitären Segment rund um Heimanlagen sollen nach SMA-Angaben jedoch gerettet werden können – ein Hinweis darauf, wie der Konzern die Modernisierung der Fertigung mit der Sanierung einzelner Geschäftsbereiche verknüpft.
Für Unternehmen, die im Umfeld von PV- und Speicherprojekten planen oder Technologie beschaffen, verschiebt die Gigawatt-Fabrik die Diskussion von „ob“ hin zu „wie schnell“ und „mit welcher Stabilität“. Besonders in Ausschreibungen wird Skalierung oft indirekt über Lieferzeiten, Ersatzteilverfügbarkeit und Testkapazitäten abgesichert – und genau dort entscheidet sich, ob ein Hersteller bei der Umstellung auf größere Systemgrößen liefert. Wenn SMA die Großanlagenproduktion künftig vollständig in die Halle verlagert, kann das außerdem die Variantenvielfalt in der Fertigung besser beherrschbar machen, weil Materialfluss, Vormontage und Prüfprozesse enger gekoppelt werden. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie sich der Produktionshochlauf auf die reale Projektabwicklung auswirkt – denn die angekündigte Kapazität erreicht erst mit voller Auslastung ihre volle Wirkung.
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