WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Politik übt Druck auf Starbucks aus, nachdem das Unternehmen zwei neue Cafés in Urumqi eröffnet hat. John Moolenaar, Vorsitzender des China-Sonderausschusses im US-Repräsentantenhaus, verlangt laut Stellungnahme die sofortige Schließung der Filialen in Xinjiang. Er verknüpft den Verkauf von Getränken dort ausdrücklich mit dem Vorgehen gegen die Uiguren. Parallel kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Menschenrechtslage in der Region, während Peking die Vorwürfe zurückweist.

Starbucks steht wegen neuer Standorte in Xinjiang erneut im Spannungsfeld von Außenpolitik und Unternehmensreputation. Konkret eröffnete die Kaffeekette am Dienstag zwei Cafés in der Regionalhauptstadt Urumqi: eines am Großen Basar und eines am internationalen Flughafen. Für den Konzern geht es damit nicht nur um lokale Expansion, sondern auch um die Frage, wie stark sich globale Marken in Regionen einbinden lassen, in denen Menschenrechtsfragen dauerhaft politisch aufgeladen sind.
Aus den USA kommt der unmittelbare politische Druck. John Moolenaar, Vorsitzender des China-Sonderausschusses im US-Repräsentantenhaus, forderte Starbucks laut Stellungnahme auf, die Geschäfte angesichts der Unterdrückung der Uiguren wieder zu schließen. Der Republikaner bezeichnete die Eröffnung als „schockierend und moralisch bankrott“. Seine Argumentation läuft darauf hinaus, dass Starbucks mit jedem dort verkauften Becher eine bekannte amerikanische Marke mit dem Vorgehen der Kommunistischen Partei gegen die Uiguren verknüpft. Für Unternehmen ist das besonders heikel, weil solche Vorwürfe selten auf operativen Details beruhen, sondern auf dem symbolischen Wert einer Marke in der Debatte um Menschenrechte.
Die Hintergründe liegen in der Lage der überwiegend muslimischen Minderheit der Uiguren in Xinjiang. Menschenrechtsorganisationen werfen der chinesischen Regierung vor, diese Minderheit zu unterdrücken, während Peking die Vorwürfe zurückweist. Damit prallen in der Praxis zwei Narrative aufeinander: Während aufseiten internationaler NGOs vor allem Zwangsmaßnahmen und Freiheitsentzug betont werden, stellt die chinesische Regierung die Kritik als unbegründet oder politisch motiviert dar. Diese Divergenz macht Compliance-Entscheidungen für multinationale Konzerne schwer, denn selbst ein rein wirtschaftlicher Expansionsplan wird in den öffentlichen Debatten häufig als Zustimmung zu politischen Entscheidungen interpretiert.
Auch strategisch zeigt sich, wie komplex der China-Fußabdruck für Starbucks geworden ist. Der Konzern hatte erst im Frühjahr 60 Prozent seines Filialgeschäfts in China an den chinesischen Finanzinvestor Boyu Capital verkauft, während die restlichen 40 Prozent weiter bei Starbucks liegen. Genau diese Konstellation kann den Zielkonflikt verschärfen: Einerseits bleibt Starbucks als Markeninhaber und Teilhaber sichtbar, andererseits ist das operative Geschäft in Teilen durch Beteiligungsstrukturen und Partner geprägt. In Konfliktlagen wird die Aufteilung deshalb oft nur eingeschränkt akzeptiert; Kritiker und Boykottaufrufe fokussieren regelmäßig auf die Marke statt auf die Eigentumsquote.
Dass Firmen wegen Xinjiang immer wieder zwischen Fronten geraten, ist kein Einzelfall. Der Volkswagen-Konzern stand nach der Kritik an seinem Werk dort über Jahre im Fokus, Ende 2024 wurde der gemeinsam mit SAIC betriebene Standort verkauft. Umgekehrt trafen Boykottaufrufe auch H& M und adidas im Jahr 2021, nachdem Bedenken wegen möglicher Zwangsarbeit in Xinjiang geäußert worden waren. Für Starbucks bedeutet das: Die Markenerzählung ist eng mit der Frage verknüpft, ob ein Unternehmen in Liefer- und Geschäftsbeziehungen genug Transparenz sowie klare Abgrenzungen realisiert. Gleichzeitig steigt das Risiko von Gegenbewegungen, etwa wenn politische Akteure in den jeweiligen Ländern das Thema strategisch nutzen.
Technisch und organisatorisch betrifft der Druck damit vor allem die Fähigkeiten zur Risikoanalyse und zur Steuerung von Franchise- und Beteiligungsmodellen. In der Praxis geht es unter anderem darum, wie Unternehmen Standortentscheidungen dokumentieren, welche Sorgfaltsprozesse bei Partnern greifen und wie schnell Reputationsrisiken in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Gerade bei Filialnetzen können einzelne Neueröffnungen schnell als Signal verstanden werden, obwohl sie unter Umständen das Ergebnis laufender Planungszyklen sind. Für den Kapitalmarkt wiederum wird die Diskussion oft zu einem Erwartungsproblem: Investoren bewerten weniger die kurzfristige Produktleistung, sondern stärker, ob eine Marke politisch eskalationsfähig bleibt und welche Folgekosten durch Boykotte, regulatorischen Druck oder verlorene Werbewirkung entstehen könnten.
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