BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als 100 Startup-Gründer und bekannte Unternehmer werfen Bundeskanzler Friedrich Merz fehlendes Tempo bei der Wirtschaftspolitik vor. In einem Brandbrief verlangen sie beim Koalitionsausschuss am 1. Juli eine spürbare Reformagenda mit zehn konkreten Punkten – von Venture-Capital-Entlastungen bis zu schneller Unternehmensgründung. Im Kern geht es um Skalierungschancen für neue Unternehmen, um die digitale Infrastruktur auszubauen und Big-Tech-Regeln konsequent durchzusetzen. Beobachter sehen darin ein Warnsignal, weil viele Firmen den Vertrauensverlust in den Reformplan bereits spüren.

Startup-Brief an Merz: Zehn Forderungen für die Wirtschaftswende
Startup-Brief an Merz: Zehn Forderungen für die Wirtschaftswende (Foto: IT BOLTWISE)
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Mehr als 100 Erstunterzeichner aus der Startup-Szene senden den politischen Taktstock an die Spitze der Bundesregierung: Mit einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz fordern sie einen Kurswechsel, weil die Rahmenbedingungen für Wachstum nicht mehr ausreichen. Die Gründerinnen und Gründer beschreiben eine Gemengelage aus ausklingender Pandemie-Nachwirkung, kriegsbedingten Unsicherheiten und zusätzlich verschärften Handels- und Energiebelastungen. Zugleich verschärft sich der Wettbewerb mit China um industrielle Schlüsseltechnologien. In diesem Umfeld, so die Argumentation, drohe Deutschlands traditionelles Exportmodell an Grenzen zu stoßen, wenn die Politik nicht zeitnah in Finanzierung, Bürokratieabbau und Skalierungswege eingreift.

Technisch und wirtschaftsstrategisch ist dabei weniger die Zahl der Maßnahmen entscheidend als die Reihenfolge: Wer Startups in Richtung Industrie- und KI-Entwicklung bewegen will, muss Finanzierung und Infrastruktur gleichzeitig entkoppeln von regulatorischen Reibungsverlusten. Der Brief setzt deshalb früh bei der Kapitalverfügbarkeit an, etwa durch stärkere Zugänge zu Venture Capital als Anlageklasse. Zusätzlich wird die WIN-Initiative als Hebel genannt, um steuerliche und regulatorische Hürden für VC abzufedern. Aus Enterprise-Sicht ist das relevant, weil Venture-gestützte Skalierung typischerweise an klare Milestones gekoppelt ist: Produktreife, Markteintritt und dann erst Effizienz-Optimierungen im Betrieb.

Ein weiterer Schwerpunkt adressiert die Arbeits- und Beteiligungsmechanik, die für Startup-Planbarkeit häufig der Engpass ist. Die Unterzeichner verlangen, dass Kündigungsschutz gezielter und nur für Gutverdiener beziehungsweise Spitzenpositionen flexibilisiert wird, um Restrukturierungsaufwendungen zu senken. Gleichzeitig soll die Besteuerung sozialer Abgaben auf Mitarbeiterbeteiligungen erst beim tatsächlichen Gelderhalt greifen, nicht bereits bei der Anteilsvergabe. Ergänzend wird im GmbH-Recht eine eigene Anteilsklasse für Mitarbeitende gefordert. Das zielt indirekt auf Team-Retention und Recruiting ab: Gerade in frühen Wachstumsphasen entscheidet die Verknüpfung von Ownership und Liquidität über die Fähigkeit, Talente im Unternehmen zu halten.

Marktseitig spiegelt der Zehn-Punkte-Plan auch den Wettbewerbsdruck durch internationale Kapital- und Plattformmärkte wider. Während US-Ökosysteme häufig schneller Risikokapital mobilisieren und EU-Startups stärker an einheitliche Regeln für Skalierung gekoppelt sind, stehen europäische Firmen unter Zugzwang, wenn Gründungs- und Umsetzungszeiten zu lang werden. Die Forderung nach „EU Inc.“ soll genau diese Brücke schlagen: Eine europaweit kompatible Gesellschaftsform soll schnelle Gründung und grenzüberschreitende Skalierung erleichtern. Parallel wird der Digital Markets Act (DMA) als Vollzugsinstrument in den Vordergrund gerückt, damit marktbeherrschende Big-Tech-Anbieter Pflichten nicht nur formal, sondern wirksam einhalten müssen. Für die Produktentwicklung bedeutet das: Weniger Gatekeeper-Fragmentierung kann Go-to-Market-Zyklen verkürzen.

Vergangenheit und Politikrealität spielen in der Debatte eine zentrale Rolle. Viele Punkte, die jetzt in einem Brandbrief gebündelt werden, tauchen bereits in Koalitionsvereinbarungen auf – etwa Bürokratieabbau, schnellere Ausgründungen sowie der Ausbau digitaler und KI-relevanter Industrieprogramme. Branchenexperten berichten jedoch, dass Vereinbarungen in der Praxis nicht immer mit derselben Geschwindigkeit in konkrete Umsetzungsprogramme übersetzt werden. Wie aus der Debatte weiter zu hören ist, wertet Ines Zenke, Präsidentin des Wirtschaftsforums der SPD, das aktuelle Vorgehen als Warnsignal: Sie fordert klare, verbindliche Signale statt „Reförmchen“ und Einzelmaßnahmen, die den erwarteten Aufschwung nicht zuverlässig auslösen. Das ist im Kern ein Stakeholder-Thema – Vertrauen entsteht durch Umsetzungs-Taktung, nicht durch Ankündigungen.

Rechtlich und regulatorisch adressiert der Brief mehrere Ebenen, die für Datenschutz, Compliance und Sicherheit mittelbar entscheidend sind. Wenn die öffentliche Beschaffung konsequent für innovative Startups geöffnet werden soll („Ankerkunde“-Staat), verschiebt sich das Risikoprofil von Beschaffungsprozessen: Vergaben müssen skalierbar, nachvollziehbar und auditierbar werden, ohne Innovation durch zu harte Standardanforderungen im Keim zu ersticken. Ebenso ist der Vorschlag, 24-Stunden-Gründungen flächendeckend einzuführen, eng mit IT-gestützter Identifizierung, Registerprozessen und rechtsgültigen digitalen Abläufen verknüpft. Gleichzeitig wird eine priorisierte IP-Strategie für Ausgründungen aus Konzernen oder Wissenschaft gefordert, was vor allem den Weg von Forschung in marktfähige Produkte beschleunigen kann, ohne dass wertvolles Know-how durch Prozesshürden verloren geht.

Am sichtbarsten ist der infrastrukturelle Teil: Der Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur soll so massiv vorangetrieben werden, dass europäische Startups nicht dauerhaft von außereuropäischen Hyperscalern abhängig bleiben. Aus technischer Sicht ist das nicht nur eine Frage von „Cloud-Kapazität“, sondern von Latenz, Datenhoheit, Betriebskosten und auch von nachhaltiger Energieversorgung für Training und Inferenz. Für Unternehmen bedeutet das außerdem: KI-Entwicklung wird planbarer, wenn Hosting- und Beschaffungswege verlässlich sind und nicht in kritischen Phasen auf Preis- oder Verfügbarkeitsrisiken zulaufen. Dazu passt die Forderung nach einem klaren Zielkorridor für Auftragsvergaben, weil öffentliche Pilotprojekte helfen können, die frühen Betriebs- und Integrationshürden zu überwinden.

Für die Zukunft zeichnet sich damit ein konkreter Fahrplan ab, der sowohl für Gründerteams als auch für etablierte Unternehmen relevant ist. Der Zeitpunkt – der Koalitionsausschuss am 1. Juli – wirkt wie ein Druckpunkt, an dem aus Forderungen belastbare Beschlüsse werden müssen. Sollte die Regierung die Punkte tatsächlich priorisieren, könnten sich für Entwickler, Systemintegratoren und Enterprise-Anbieter neue Projektfenster öffnen: mehr Kunden in der Beschaffung, mehr Skalierung aus Ausgründungen, mehr Nachfrage nach KI-gestützter Infrastruktur und sicherer Deployment-Praxis. Bleibt die Umsetzung dagegen zögerlich, steigt das Risiko, dass Marktchancen früh verpasst werden und sich Kapital sowie Talente verstärkt in Regionen mit schnellerem Regulierungs- und Infrastruktur-Tempo konzentrieren.


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