LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Langzeitstudie mit 2.930 dauerhaft unverheirateten Singles in Deutschland zeigt, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit über 11 Jahre meist hoch und relativ stabil bleibt. Während Sexualzufriedenheit und der Wunsch nach einer Partnerschaft je nach Person stark variieren, zeigen viele Betroffene eine überraschende Robustheit. Besonders auffällig ist, dass sich die Lebenskurven zwischen Altersgruppen unterscheiden: Bei jungen und aufstrebenden Erwachsenen holen geringer zufriedene Gruppen häufig auf, während dies in der Lebensmitte weniger klar gelingt. Die Ergebnisse stützen damit die Idee, dass „Single-Sein“ keine einheitliche psychologische Schablone ist.

Wer Singles über Jahre hinweg beobachtet, stößt schnell auf einen Widerspruch: Die gesellschaftliche Erwartung an Partnerschaft als „Entwicklungs-Meilenstein“ wirkt weiterhin präsent, doch die Lebenswelt vieler Erwachsenen verläuft inzwischen deutlich flexibler. Eine neue Studie untersucht deshalb nicht nur Momentaufnahmen, sondern verfolgt dauerhaft nie verheiratete Menschen über ein Jahrzehnt hinweg. Im Fokus stehen dabei nicht romantische Statuswechsel als Ursache von Glück oder Unzufriedenheit, sondern die Frage, wie sich die Lebenszufriedenheit entwickelt, wenn jemand durchgehend ohne formale Ehe und ohne feste romantische Partnerschaft lebt.
Dafür haben die Autorinnen und Autoren Daten aus dem German Family Panel ausgewertet, einer langfristig angelegten Befragungsreihe zu Beziehungen und Familien in Deutschland. Insgesamt wurden 2.930 Erwachsene über 11 Jahre begleitet, mit Erhebungszeitraum von 2009 bis 2021. Die Teilnehmenden starteten in drei Alterskohorten: als „emerging adults“ um etwa 18 Jahre, als „young adults“ um etwa 26 Jahre und als „middle-aged adults“ um etwa 36 Jahre. Wichtig ist die methodische Eingrenzung: Nur Personen, die in allen elf jährlichen Befragungswellen nie verheiratet waren und ohne feste Partnerbeziehung geblieben sind, wurden berücksichtigt. Damit erfasst die Stichprobe gezielt langjährige Singles und nicht nur Menschen, die zu Beginn gerade „solo“ waren.
Bei der Bewertung der psychologischen Entwicklung verwendeten die Forschenden wiederkehrende Skalenwerte für vier Bereiche: allgemeine Lebenszufriedenheit, Zufriedenheit mit dem Single-Status, sexuelle Zufriedenheit sowie den Wunsch nach einer romantischen Partnerschaft. Um zu vermeiden, dass alle Singles pauschal einer einzigen durchschnittlichen Lebenskurve folgen, setzten sie auf ein statistisches Modell, das Personen mit ähnlichen Verläufen in verschiedene Gruppen einteilt. Das Ergebnis fällt dabei überraschend deutlich aus: In allen drei Altersgruppen berichtete der überwiegende Anteil über einen Zeitraum von 11 Jahren eine hohe und relativ stabile Lebenszufriedenheit. Rund 90 Prozent lagen dabei über dem Skalenmittelwert, lediglich mit einer leichten Abwärtsbewegung über die Zeit in den beiden jüngeren Kohorten. Eine kleine Minderheit startete dagegen mit niedrigerer Zufriedenheit.
Noch spannender wird es, wenn man auf die Dynamik dieser Minderheit schaut. Bei „emerging“ und „young adults“ zeigte sich, dass deren anfänglich geringere Zufriedenheit im Verlauf häufig wieder aufholt und sich damit an die Zufriedenheit der übrigen Gruppen annähert. Für die mittlere Altersgruppe ist das Muster weniger klar: Dort blieb die niedrige Startgruppe tendenziell leicht unter Druck, ohne dass der Rückgang statistisch signifikant gewesen wäre. Als mögliche Erklärung verweisen die Autorinnen und Autoren auf sozialen Druck in der Lebensmitte, in der Erwartungen rund um Ehe und Familie besonders stark wirken können. Gleichzeitig zeigt die Studie auch, dass nicht alle Dimensionen gleich „robust“ sind: Zufriedenheit mit dem Single-Status streut deutlich stärker als die allgemeine Lebenszufriedenheit.
So differierten die Gruppen im Single-Status je nach Alter erheblich. Bei den jüngsten Erwachsenen berichteten etwa 67 Prozent durchgehend hohe und stabile Zufriedenheit. Unter jungen und mittelalten Erwachsenen fanden sich hingegen drei Muster: eine klar „sehr zufriedene“ Gruppe (etwa 30 Prozent bzw. 37 Prozent), eine größere mittlere Gruppe sowie jeweils eine kleinere Gruppe mit niedriger Zufriedenheit (etwa 12 Prozent bzw. 18 Prozent). Die Autorinnen und Autoren ordnen diese Verschiebung unter anderem veränderten Lebenszielen zu: In der frühen Erwachsenenphase kann Single-Sein gut zu Fokus auf Ausbildung und Karriere passen, während später Partnerschaft stärker in den Vordergrund rückt. Daneben spielt ein Selektionsmechanismus mit: Wer sich im Laufe der Zeit doch stärker partnerschaftlich orientiert, verlässt die Gruppe der dauerhaft Nieverheirateten, sodass in der mittleren Kohorte „Single durch Wahl oder Charakter“ häufiger mit anderen Prioritäten verbunden ist.
Auch bei Sexualzufriedenheit und Partnerschaftswunsch bleiben die Verläufe nicht einheitlich, jedoch mit anderen Eigenschaften. Die sexuelle Zufriedenheit entwickelte sich über die 11 Jahre insgesamt eher flach, variierte aber stark in den Ausgangsniveaus: Die jüngste Kohorte wurde in vier Gruppen eingeteilt, von sehr niedriger bis sehr hoher Erfüllung. Mit zunehmendem Alter vereinfacht sich das Bild in Richtung zweier Gruppen, in denen etwa 63 Prozent eine moderate sexuelle Zufriedenheit angaben, während etwa 37 Prozent sehr niedrig lagen. Auffällig ist zudem ein Zusammenhang mit Bildung: Personen mit höherem Bildungsniveau fanden sich häufiger in den Gruppen mit geringerer sexueller Zufriedenheit. Die Studie diskutiert als mögliche Erklärung, dass ein intensiver Fokus auf akademische Ziele Zeit und Interesse an sexuellen Erfahrungen reduzieren kann oder dass Menschen mit geringerer Motivation für Sex eher in solche anspruchsvollen Ausbildungswege geraten. Beim Wunsch nach einer Partnerschaft blieb die Mehrheit zwar im Bereich moderat bis hoch; zugleich existiert jedoch in jeder Altersgruppe eine kleine Teilgruppe mit sehr geringem Beziehungswunsch, die tendenziell höher gebildet ist und niedrigere Werte bei Neurotizismus zeigt.
Über alle Messbereiche hinweg zeichnen sich Gruppen mit der höchsten Lebens-, Single- und sexuellen Zufriedenheit eher durch „gesündere“ Persönlichkeitsprofile aus, konkret durch weniger Neurotizismus und mehr Extraversion. Übersetzt in alltagsnahe Faktoren heißt das: Wer tendenziell offener, geselliger und emotional stabiler ist, erlebt das Single-Leben häufiger nicht als Mangelzustand. Gleichzeitig betont die Studie methodische Grenzen: Da Persönlichkeit, Bildung und Einkommen nicht als Ursache experimentell kontrolliert werden, kann nicht sicher belegt werden, dass diese Faktoren das Glück direkt „verursachen“. Sie können vielmehr gemeinsam auftreten, weil Menschen ähnliche Lebensmuster konsistent verfolgen. Zudem ist die Ergebnisübertragbarkeit eingeschränkt, weil die Daten aus Deutschland stammen. Auch das juristische und soziale Umfeld unterscheidet sich im Zeitverlauf: Same-Sex-Ehe wurde 2017 in Deutschland legal, während der Erhebungszeitraum in der Studie weiter zurückreicht. Dadurch hatten „nie verheiratet“ und „Single“ für schwule und lesbische Teilnehmende über Teile des Zeitraums eine andere Bedeutung. Insgesamt zeigt die Arbeit jedoch einen klaren Kern: Es gibt nicht „den“ typischen Single-Verlauf – aber sehr viele Singles bleiben über Jahre hinweg zufrieden.
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