TRONDHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine NTNU-Studie legt nahe, dass „The Hum“ bei den meisten Betroffenen nicht von externen Anlagen stammt, sondern als subjektives, niedrigfrequentes Tinnitus-Phänomen im Hörsystem entsteht. In Messungen an 28 Personen fanden die Forschenden weder eine außergewöhnlich gute Low-Frequency-Hörschärfe noch spontan messbare otoakustische Emissionen im relevanten Bereich. Damit verschiebt sich der Fokus von der Suche nach verborgener Infrastruktur hin zu Fragen, wie das Gehirn sehr leise Signale im Tiefbass verarbeitet. Die Arbeit ordnet außerdem die offene Wissenslücke zur Wahrnehmung von Infraschall und sehr tiefen Frequenzen strategisch ein.

Studie zu „The Hum“: Niedrigfrequentes Tinnitus-Phantom statt Maschinenlärm
Studie zu „The Hum“: Niedrigfrequentes Tinnitus-Phantom statt Maschinenlärm (Foto: IT BOLTWISE)
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„The Hum“ gilt seit den 1970er-Jahren als eines der beständigsten Rätsel der Hörforschung: Ein tiefes, brummendes Summen, das manche Menschen in Küsten- und dicht besiedelten Städten fast dauerhaft wahrnehmen, während andere am selben Ort keinerlei Geräusch ausmachen. Die neue Untersuchung eines Teams um Markus Drexl von der norwegischen NTNU adressiert genau diese Diskrepanz. Statt nur Spekulationen über Lüftungen, Ventilatoren oder Naturgeräusche zu sammeln, prüfen die Forschenden systematisch, ob es sich um eine besondere Hörfähigkeit für niedrigfrequente Signale handelt oder um ein inneres Klangereignis. Damit rückt ein psychophysiologisches Erklärmodell in den Vordergrund.

Technisch setzt die Studie auf eine saubere Trennung zwischen „messbaren“ Schallquellen und „nicht messbaren“ Wahrnehmungsphänomenen. In dem Design werden zwei zentrale Hypothesen getestet: Erstens, ob Betroffene eine ungewöhnlich hohe Sensitivität für bestimmte Low-Frequency-Schallanteile besitzen. Zweitens, ob das Ohr selbst – über spontan auftretende otoakustische Emissionen – im relevanten Frequenzbereich messbare Signale produziert, die Betroffene subjektiv als Tinnitus interpretieren könnten. Dazu kombinieren die Forschenden hochauflösende Hörschwellenmessungen mit SOAE-Tests (Spontan-otoakustische Emissionen) mittels sensibler Mikrofontechnik im Gehörgang.

Die Ergebnisse fallen für die erste Hypothese überwiegend negativ aus. Zwar zeigen zwei von 28 Teilnehmenden bessere als der Durchschnitt liegende Baseline-Verarbeitungswerte in engen Frequenzbereichen, jedoch ist das nicht der dominante Befund. Für die Mehrzahl bestätigt das die Annahme normaler Hörschwellenstruktur in den getesteten Low-Frequency-Bereichen. Genau an dieser Stelle wird die historische „Hyper-Hearing“-Erzählung schwächer: Schon kleinere individuelle Unterschiede in der Hörschwellen-Mikrostruktur können Wahrnehmungseffekte erklären, aber sie reichen allein nicht, um zu erklären, warum in denselben Räumen unterschiedliche Menschen „The Hum“ hören. Das Team betont daher, dass konventionelle Audiogramme wichtige, aber nicht hinreichende Details abbilden.

Auch die zweite Messstrecke liefert einen deutlichen Hinweis auf ein inneres Phänomen: Otoakustische Emissionen sind zwar grundsätzlich biologische Nebenprodukte des cochlearen Verstärkungsprozesses, typischerweise aber im Bereich von etwa 500 bis 5.000 Hertz besonders gut objektivierbar. In der vorliegenden Untersuchung konnten keine entsprechenden spontan auftretenden Emissionen im niedrigen Frequenzbereich nachgewiesen werden, der für „The Hum“ berichtet wird. Damit reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene primär eigene, mechanistisch messbare Ohr-Outputs im Bassbereich hören. Aus technischer Sicht ist das entscheidend, weil SOAE-Messungen ein objektivierbares Gegenstück zur subjektiven Wahrnehmung liefern und damit das Untersuchungsparadigma stärkt.

Die Konsequenz der Forschenden ist eine zweigeteilte Einordnung: Es bleiben zwar Fälle denkbar, in denen externe Quellen existieren, doch für die große Mehrheit spricht alles für eine subjektive Variante von Tinnitus mit niedrigfrequenter Ausprägung. Der Kernpunkt: Das Gehörsystem erzeugt ein Phantom- bzw. inneres Pulsieren, das zunächst wie eine externe Vibration wirkt, weil es mit der Person „mitgeht“, statt räumlich an einer Infrastrukturstelle verankert zu sein. Diese Unterscheidung entspricht auch dem in der Praxis relevanten Diagnoseprinzip – wer den vermeintlichen Ursprung verliert, sobald er die Umgebung wechselt, muss anders suchen. Gerade für Betroffene erklärt das, warum es im Schlafzimmer bei Nacht besonders belastend sein kann: Das akustische „Masking“ sinkt, und interne Signale werden stärker gewichtet.

Der breitere Kontext zeigt, warum die Fragestellung auch für die digitale und industrielle Akustik wichtig ist. In vielen Diskussionen rund um technische Low-Frequency-Noise (etwa 20 bis 250 Hz) und Infraschall (unter 20 Hz) wird häufig nach einer einzelnen Hardware-Ursache gesucht, etwa durch Windkraftanlagen, Verkehr, Heizungssysteme oder Wärme- und Kühlaggregate. Die Studie unterstreicht jedoch, dass die moderne Audiologie bislang keine vollständige Karte dafür besitzt, wie Gehirn und Hörbahn sehr tiefe Frequenzen verarbeiten. Während Branchenberichte das Thema mitunter stark in Richtung Messtechnik und Emissionsquellen drehen, zeigt diese Arbeit, dass Wahrnehmung auch ohne messbare Außenquelle real sein kann – und damit Bewertung, Eskalation und regulatorische Prüfung neu strukturiert werden müssen.

Marktseitig entsteht dadurch ein anderer Wettbewerb der Lösungsansätze: Auf der einen Seite stehen Anbieter und Dienstleister, die „Hardware-Ursachen“ mit Mikrofonarrays, Spektralanalyse und modellbasierter Ausbreitungsrechnung identifizieren wollen. Auf der anderen Seite gewinnt die klinische Diagnostik – also Verfahren, die psychoakustische Muster, Tinnitus-Mechanismen und die Kopplung von Umwelt- und Innenwahrnehmung erfassen. Als Vergleich ist etwa die Art, wie große Hersteller von Messtechnik (z. B. aus dem Bereich industrieller Akustikmesssysteme) Daten interpretieren, nicht automatisch deckungsgleich mit medizinischen Ursache-Wirkungsmodellen. Experten aus der Akustik betonen deshalb, dass Messreihen allein nicht reichen: Erst die Kombination mit Wahrnehmungsprofilen macht „The Hum“ praktisch unterscheidbar.

Für die Zukunft ist die Implikation klar: Forschung und Entwicklung müssen stärker als bisher die gesamte Hörkette betrachten – von den Frequenzschwellen bis zu zentralen Verarbeitungsprozessen. Drexl argumentiert sinngemäß, dass eine gründliche Bewertung von Low-Frequency-Sounds und Infraschall ein besseres Verständnis der Wahrnehmungsmechanismen bei den tiefsten Schwellen erfordert. In der nächsten Stufe werden deshalb wahrscheinlich Studien mit größeren Kohorten, feineren Frequenzabstufungen und standardisierten Wechsel-Umgebungsprotokollen dominieren. Für Unternehmen bedeutet das: Bei Beschwerden über tiefen Schalldruck sollten Prüf-Workflows sowohl Messtechnik als auch subjektive Diagnostik integrieren. Zugleich bleibt eine datenschutz- und sicherheitsrelevante Frage offen, wie Tracking- und Messdaten (z. B. Langzeitaufnahmen) in solchen Verfahren verarbeitet werden, damit Betroffene nicht unnötig personenbezogene Muster preisgeben.


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