WISCHHAFEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Suedlink erreicht mit dem Tunneldurchschlag bei Wischhafen den nächsten entscheidenden Bauabschnitt für die rund 700 Kilometer lange Stromtrasse. Die Elbquerung entsteht komplett unterirdisch und verbindet Start- und Zielpunkte zwischen Schleswig-Holstein und Niedersachsen. TransnetBW und Tenne t planen die Inbetriebnahme der Gesamtstrecke bis Ende 2028, deutlich später als ursprünglich vorgesehen. Damit wächst die Energie-Infrastruktur, die Wind- und Solarbeiträge künftig stärker von Nord nach Süd bringen soll.

Bei Wischhafen ist die Elbquerung von Suedlink als sichtbarer Meilenstein abgeschlossen. Zwischen Wewelsfleth in Schleswig-Holstein und Wischhafen in Niedersachsen wurde der Suedlink-Tunnel zur Unterquerung des Flusses fertiggestellt, ein Schritt, der für ein Projekt dieser Größenordnung vor allem organisatorisch zählt: Der restliche Leitungsbau setzt sich aus vielen parallelen Teilstücken zusammen, und die Erreichbarkeit solcher Schlüsselpunkte bestimmt den Takt der Gesamtplanung. Dass der Durchschlag durch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sowie Christian Meyer, niedersächsischer Umweltminister (Grüne), symbolisch vollzogen wurde, zeigt zugleich, wie stark das Infrastrukturvorhaben politisch begleitet wird.
Technisch steht dahinter die Idee einer unterirdischen „Stromautobahn“, die Energieflüsse über mehrere Bundesländer hinweg optimieren soll. Suedlink ist dafür als durchgehende, weitestgehend unterirdische Leitung konzipiert und wird zwischen Nord und Süd über die Länder Hessen und Thüringen hinweg verlegt. Im Detail handelt es sich um zwei Stromleitungen, die weitgehend parallel verlaufen sollen, sich jedoch an den Start- und Endpunkten verästeln. Damit adressiert das Projekt eine typische Herausforderung beim Netzausbau: Statt nur einen Korridor zu „verlängern“, schafft es Redundanzen und Abzweiglogik, ohne dass die Trasse vollständig neu gedacht werden muss.
Die zeitliche Dimension ist ebenso zentral wie der geologische Untergrund. Laut Projektangaben soll die Inbetriebnahme auf der gesamten Länge bis Ende 2028 erfolgen; als Zieltermin wird damit eine Fertigstellung in sechs Jahren nach hinten verschoben, nachdem Ende 2028 als Vollendung aller Bauabschnitte genannt wurde. Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, sollen rechnerisch 8,5 Millionen Kubikmeter Erdreich bewegt worden sein. Die konkrete Elbquerung trägt dafür schon Zahlen bei: Die Tunnelbohrmaschine „Elsa“ hat nach rund eineinhalb Jahren und 5,2 Kilometern den Zielschacht in Wischhafen erreicht. Ab Ende 2027 sollen die Kabel in einen etwa vier Meter durchmessenden Schacht eingezogen werden; erst danach beginnt die eigentliche Verlegung, während Hindernisse wie Straßen oder Flüsse zuvor über Bohrungen unterquert werden.
Für die Netzplanung geht es bei Suedlink nicht nur um „mehr Leitung“, sondern um eine andere Betriebslogik. Das Projekt soll Strom aus dem Norden in den Süden transportieren, weil Windenergie in Norddeutschland perspektivisch in höherem Umfang produziert wird als an konventionellen Standorten in der Nähe von Industriezentren. Gleichzeitig soll Suedlink auch Strom aus Photovoltaik-Anlagen in Süddeutschland nach Norden befördern und – im Zusammenspiel mit anderen Trassen – Optionen eröffnen, um erneuerbare Erzeugung wie norwegische Wasserkraft in das deutsche System einzubinden. Für die Dimensionierung nennt TransnetBW eine Transportkapazität von bis zu vier Gigawatt; rechnerisch könnte die Verbindung damit für etwa zehn Millionen Einfamilienhaushalte ausreichen, wobei die volle Auslastung als Voraussetzung genannt wird.
Die aktuelle Netzwirklichkeit liefert dafür den Betriebsgrund: Laut Projektangaben würden Windkraftanlagen im Norden teilweise abgeschaltet, weil sie zu viel Strom produzieren. Gleichzeitig erzeugen erneuerbare Energien starke Schwankungen, wodurch die Lastflüsse im Tages- und Saisonverlauf „springen“. Eine zusätzliche, leistungsfähige Verbindungsstrecke kann diese Effekte abfedern, indem sie Überschüsse gezielt dorthin transportiert, wo die Nachfrage und die Netzinfrastruktur gerade leistungsfähig sind. Interessant ist dabei auch die Aufteilung der Verantwortlichkeiten: Neben TransnetBW ist der Netzbetreiber Tennet am Zehn-Milliarden-Euro-Projekt beteiligt; Tennet übernimmt demnach die Zuständigkeit für Schleswig-Holstein und Niedersachsen, ausgenommen den Bereich Südniedersachsen. Das erklärt, warum sich das Baugeschehen nach der Elbquerung in Niedersachsen südlich von Brunsbüttel fortsetzt und dann über Orte westlich der Lüneburger Heide bis Richtung Hannover sowie weiter durch Südniedersachsen bis Friedland kurz vor der Grenze zu Hessen führt.
Gegenwind gibt es seit Jahren, und er speist sich aus mehreren Argumenten, die im Projektkontext immer wieder auftauchen. Viele Bürgerinitiativen kämpfen demnach seit Jahren gegen den Bau eines rund 700 Kilometer langen Vorhabens und kritisieren vor allem die ökologische Sinnhaftigkeit sowie die Wirtschaftlichkeit einer Vier-Gigawatt-Trasse. Hinzu kommen Befürchtungen, dass am Ende die Stromverbraucher die Kosten tragen, und der Wunsch vieler Anwohner, keine hohen Strommasten in unmittelbarer Nähe zu haben. Dass Suedlink komplett unterirdisch verlegt wird, gilt dabei als Reaktion auf genau diese Akzeptanzfrage. Die Bundesenergieministerin Katherina Reiche (CDU) hatte beim Baustart in Bayern im Kontext der Diskussion um Erdkabel und Akzeptanz betont, dass Erdkabel helfen würden, die Akzeptanz vor Ort besser zu steuern, allerdings seien dafür höhere Kosten zu erwarten.
Für Unternehmen und Entwickler aus dem Energiesektor bedeutet der Tunnel-Status vor allem eins: Planungssicherheit für nachgelagerte Schritte. Sobald Bauabschnitte wie die Elbquerung in die Phase „Kabel ziehen“ übergehen, rücken Themen wie Koordination von Bau- und Montagefenstern, Logistik von Kabelabschnitten, sowie Qualitätsprüfungen in den Vordergrund. Auch die spätere Betriebsphase hängt davon ab, wie gut das Gesamtsystem dann mit anderen Netzausbauvorhaben zusammenarbeitet, insbesondere wenn Wind- und Solarspitzen zeitlich nicht deckungsgleich auftreten. In der Marktbetrachtung ist Suedlink damit nicht nur ein Projekt der Bauindustrie, sondern ein zentraler Baustein für die Netzintegration erneuerbarer Energien – und genau dort entscheidet sich, ob zusätzliche Transportkapazität im Alltag tatsächlich Engpässe reduziert.
Ob die Kritiker langfristig verstummen oder lauter werden, hängt am Ende an Kennzahlen, die erst im Betrieb belastbar sind: Auslastung, Kostenentwicklung, sowie die Frage, wie gut die Trasse real tatsächlich zu Zeiten mit hoher Überschusserzeugung einspringt. Das Projekt ist bereits weit in der Umsetzung, die Elbquerung bei Wischhafen markiert dafür einen sichtbaren Fortschritt. Bis Ende 2028 soll die Inbetriebnahme der Gesamtstrecke erfolgen; bis dahin bleibt jedoch die Kombination aus Baufortschritt, Koordination mehrerer Bundesländer und einem sensiblen Verhältnis zur lokalen Akzeptanz der entscheidende Prüfstein. Für die Energiewende ist das Timing dabei besonders relevant, weil der Zubau von Wind- und Solarleistung nicht auf den Netzausbau wartet, sondern zunehmend parallel läuft.
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