LONDON (IT BOLTWISE) – Der Tech-Alltag hat ein neues Problem: Lob funktioniert inzwischen wie eine eskalierende Punktesystem-Sprache. Gründer werden nicht mehr nur als „genial“ bezeichnet, sondern als „insanely cracked“ oder „most cracked“. Dabei verrät die Wortwahl vor allem, wie stark Online-Zeit, Delivery-Geschwindigkeit und KI-Faszination als Statusmarker gelten. Was nach Insider-Spaß klingt, formt zunehmend Erwartungen an Tempo, Leistung und Prioritäten im Team.

„Sweaty“, „insane“ und „cracked“: Wie Tech-Gründer Lob zur Statuswährung machen
„Sweaty“, „insane“ und „cracked“: Wie Tech-Gründer Lob zur Statuswährung machen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in Startups arbeitet oder mit ihnen verhandelt, kennt das Muster: Sprache wird schnell zum sozialen Protokoll. In vielen Branchen entstehen Jargons, weil Fachwissen eine gemeinsame Sprache braucht. Im Tech-Umfeld wirkt der Ton jedoch zusätzlich wie eine Art Statuswährung. Statt nüchterner Aussagen wie „gut“ oder „sehr kompetent“ geraten zunehmend überdrehte Adjektive in Umlauf, die fast immer dasselbe signalisieren: Diese Person ist nicht bloß talentiert, sie liegt wahrnehmbar über dem Durchschnitt. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Bedeutung einzelner Wörter, sondern die Dynamik der Steigerung. So, wie Startup-Bewertungen in Diskussionen häufig „auf Teufel komm raus“ nach oben klettern, wird auch Gründerlob sprachlich inflationär.

Als Beispiel lässt sich „sweaty“ greifen, weil es gleich mehrere Mechanismen sichtbar macht. Das Wort stammt aus Gamer-Slang und wird im AI-lastigen Teil des Netzes besonders enthusiastisch genutzt. Max Tkacz, ein YouTuber, liefert dafür eine zugespitzte Deutung, die als Meme wiederverwendet wird: „If you say: ‘He’s sweaty. He’s a sweat, ’ it means he doesn’t shower, wears sweats and is always vibing with AI.“ In der Praxis meint „sweaty“ natürlich nicht wörtlich körperliches Schwitzen, sondern eine daueronline, high-velocity Arbeitsmentalität: Code-Shipping bis spät in die Nacht, Koffein als Routine und die Haltung, Schlaf sei eher optional. Für Außenstehende kann das nach „Intervention nötig“ klingen. Im Tech-Umfeld wird dieselbe Beschreibung jedoch als Kompliment gerahmt, weil sie Bereitschaft zur Intensität kommuniziert. Sprache belohnt dann nicht nur Output, sondern auch die sichtbare Bereitschaft, Grenzen zu verschieben.

Noch grundlegender ist „insane“ als Basis-Kompliment. Es beginnt als Begriff, der früher eher Alarm signalisierte, wird dann aber schrittweise entgrenzt: Eine „anständige Seed-Runde“? Insane. Ein Prototyp am Wochenende? Insane. Eine E-Mail-Reaktionszeit von zehn Minuten? Ebenfalls insane. Genau darin liegt der Kern der sprachlichen Inflation: Ein Wort, das ursprünglich für echte Auffälligkeit stand, wird zum Standard-Emoji für „funktioniert erstaunlich gut“. Gleichzeitig bleibt „insane“ in der Tech-Rhetorik meist ohne medizinische Konnotation, obwohl die Formulierungslogik formal über den ursprünglichen Bedeutungsraum hinausgeht. Für Führungskräfte und Recruiting-Teams ist das relevant, weil sich die interne Bewertungskultur dadurch verschiebt: Wenn fast alles „insane“ ist, wird Differenzierung schwieriger und Maßstäbe verlagern sich stärker auf Rhythmus, Intensität und sichtbare Energie.

Besonders auffällig wird die Eskalation, sobald Technologiegläubigkeit sprachlich gerahmt wird. „AI-pilled“ steht in diesem Kontext für eine nahezu religiöse Begeisterung, bei der KI als Antwort auf nahezu jede Frage erscheint. Typische Anzeichen sind nicht nur die inhaltliche Position („die Modelle werden ständig besser“), sondern auch die Organisationslogik: ganze Abteilungen sollen durch Agents ersetzt werden, ohne dass der Aufwand für Integration, Monitoring und Verantwortlichkeiten sprachlich sauber mitgedacht wird. Selbst wenn solche Aussagen im Spaßmodus formuliert werden, treffen sie reale Entscheidungen: In Teams entstehen Prioritäten, die stark davon abhängen, welche Geschichten im Gespräch dominieren. Wer „AI-pilled“ ist, erwartet häufig, dass KI-Bausteine schneller liefern als klassische Softwareprojekte. Dadurch steigt der Druck, Proofs of Concept zu beschleunigen – und damit auch die Gefahr, technische Risiken zu unterschätzen, etwa bei Datenqualität, Modell-Drift oder dem Betrieb in echten Workflows.

Die nächste Stufe der Statusleiter heißt „GOATed“ („greatest of all time“). Früher war das noch ein Spitzenprädikat für die absoluten Ausnahmen, inzwischen wird es jedoch von weiteren, noch stärker aufgeladenen Varianten überholt. „Cracked“ stellt dabei eine Art qualitativen Sprung dar: aus dem „besten aller Zeiten“ wird jemand, dessen Fähigkeiten und Execution Speed fast schon unfair wirken. Das Wort ist gaming-geprägt und beschreibt in Startup-Kreisen häufig Gründer, die Produkte in einem Tempo „shippen“, das für viele Teams außerhalb ihres Mikrokosmos schwer nachzuvollziehen ist. Gleichzeitig ist „cracked“ sprachlich riskant, weil es Leistung nicht nur misst, sondern emotional bewertet: Wer „cracked“ ist, scheint Konzepte sofort zu absorbieren und findet trotzdem Zeit, auf Plattformen sehr häufig zu posten. Selbst die Bemerkung mit „14-mal am Tag“ ist dabei weniger als Zahl gemeint, sondern als Signal, dass Sichtbarkeit zu Erfolg gehört. In der Folge kippt Lob von Leistung hin zu einer umfassenderen Persona-Anforderung: schnell, technisch, öffentlich, konstant.

Logisch folgt daraus „insanely cracked“: linguistisch unnötig, aber „spirituell“ unvermeidlich, sobald „cracked“ breit genug verwendet wird. Wenn alle „cracked“ sind, wird ein neuer Steigerungsgrad gebraucht; wenn selbst dieser Steigerungsgrad irgendwann Standard wird, entsteht der nächste. Dazu passt auch die Formulierung „most cracked“, die als seltene Sonderstellung wirkt. Interessant ist, dass mehrere Gründer zeitgleich so bezeichnet werden können – trotz der Superlativ-Logik. Und wie bei Bewertungen im Markt bewegt sich auch hier wenig nach unten: Hat sich die interne Messlatte einmal nach oben verschoben, bleiben spätere Rückschritte aus. Der Text deutet sogar an, dass in Zukunft noch absurdere Varianten kommen könnten, etwa nach weiteren „Technologie-Claims“. Für Unternehmen bedeutet das: Die Wortwahl kann dabei helfen, kulturelle Strömungen früh zu erkennen. Wenn das Team primär über „cracked“-Rhetorik zusammenkommt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Zeitpläne und Qualitätsmaßstäbe anders ausgehandelt werden als in Organisationen, die Lob stärker an messbaren Prozessen ausrichten.

Am Ende steht weniger ein Vokabelverzeichnis als eine Beobachtung über Motivation und Steuerung. Gründerlob in dieser Form ist nicht neutral: Es erzeugt Erwartungsdruck, es definiert, was „großartig“ bedeutet, und es kann mittelbar beeinflussen, wie Teams Ressourcen einsetzen. In der technischen Praxis ist die Frage dann immer die gleiche: Wie überführt man Tempo und Begeisterung in nachhaltige Umsetzung? Wer „AI-pilled“ ist, sollte idealerweise nicht nur über Agents reden, sondern auch über Betriebsketten wie Datenpipelines, Modellüberwachung und klare Zuständigkeiten für Fehlerfälle. Wer „sweaty“ beschreibt, kann parallel lernen, dass Delivery-Geschwindigkeit nur dann langfristig Vorteile bringt, wenn Testabdeckung, Dokumentation und Wartbarkeit Schritt halten. Die Meme-Sprache ist deshalb mehr als Entertainment: Sie ist ein Spiegel dafür, welche Signale in der Startup-Realität zählen – und wie schnell sich diese Signale selbst weiter „hochdrehen“, bis die eigentliche Nachricht über Leistung und Relevanz im Lärm der Steigerung verschwindet.


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