LONDON (IT BOLTWISE) – Die U.S. Army hat ihren ersten Prototyp einer mobilen 155-mm-Taktikkanone übernommen, die mittelfristig die M777-Haubitze ersetzen soll. Der Auftrag läuft weniger als ein Jahr nach dem Start einer Ausschreibung an und bindet den Hersteller Hanwha Defense USA ein. Die Erprobung soll mit „rapid prototyping, testing, and Soldier experimentation“ beginnen und dazu Feedback aus realitätsnahen Einsatzszenarien liefern. Zusätzlich ist das System als Plattform für spätere Reichweiten- und Antriebsmodule im 155-mm-Artillerie-Antriebsmodernisierungsprogramm eingeplant.

US Army erhält ersten Prototyp einer mobilen 155-mm-Kanone als M777-Nachfolger
US Army erhält ersten Prototyp einer mobilen 155-mm-Kanone als M777-Nachfolger (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entscheidung, die erste mobile 155-mm-Taktikkanone auszuliefern, markiert für die U.S. Army einen frühen, aber klaren Taktwechsel in der Artillerie-Modernisierung: Weg von der rein leichten, gezogenen Konfiguration der M777 hin zu einem selbstfahrenden System, das sich schneller in unterschiedliche Verbandsstrukturen integrieren lassen soll. Laut Angaben aus dem Umfeld der offensive-fires-Planung erhielt das Militär die erste Einheit des „Mobile Tactical Cannon“-Prototyps als koreanisch geprägtes Design, das auf den Erfahrungen der Hanwha-Plattformen basiert. Entscheidend ist dabei nicht nur die Übergabe selbst, sondern das Tempo: Die Auslieferung folgt auf eine erste Ausschreibung, die weniger als ein Jahr zuvor veröffentlicht wurde, und sie fällt in die Phase, in der die Armee ihre Erprobungs- und Testarchitektur für die nächste Generation „ready“-fähig machen will.

Technisch handelt es sich beim Mobile Tactical Cannon um eine 155-mm-Selbstfahrlösung, die konzeptionell die Lücke schließen soll, die die M777 in Reichweite und Mobilität in bestimmten Einsatzbildern offenlässt. Die M777 steht seit 2005 im Dienst und erreicht je nach Munition eine effektive Schussweite von unter 24 Kilometern; mit dem Extended-Range-Round Excalibur sind bis zu 40 Kilometer möglich. Demgegenüber wird die zugrundeliegende Referenzbasis „K9“ bei 52 Kalibern in der Praxis mit mehr als 60 Kilometern Reichweite angegeben. Genau diese Spannbreite bildet den Kern der erwarteten taktischen Wirkung: Eine Plattform, die bereits mit einer größeren Reichweite „konservativ“ kalkulieren kann, reduziert im Gefecht den Zwang, Zielzonen und Reichweiten für jede Variante neu zu operationalisieren.

Für die Umsetzung setzt die Army auf einen prototypenorientierten Beschaffungsweg, der auf eine „Other Transaction Authority“-Vereinbarung gestützt ist. Im August hatte die U.S. Army dazu einen Prototyping-Vertrag mit Hanwha für den Mobile Tactical Cannon bekanntgegeben: Vier Jahre Laufzeit, ein Volumen von bis zu nahezu 263 Millionen US-Dollar und die Option, bis zu 18 Systeme für „rapid prototyping, testing, and Soldier experimentation“ abzurufen. Inhaltlich bedeutet das: In kurzer Reihenfolge sollen nicht nur technische Schusstests erfolgen, sondern auch eine systematische Rückkopplung durch Soldaten, etwa zu Bedienbarkeit, Abläufen, Wartungsaufwand und praktischer Einsatzlogik. Die Verantwortlichen verwiesen darauf, man wolle gerade dieses Feedback gewinnen und parallel testen, ob die Systeme unter realistischen Bedingungen zuverlässig arbeiten.

Besonders aufschlussreich ist die Herleitung des Ansatzes im Vertrags- und Liefermodell. Anstatt ein völlig neues, „Clean-Sheet“-Design zu verfolgen, orientierte man sich an reifen und verfügbaren Technologien, die schnell in die Zielarchitektur integriert werden können. Laut den Aussagen aus dem Umfeld der offensive-fires-Planung öffnete die Army dafür ihr Beschaffungsfenster bewusst auch für Anbieter außerhalb der bisherigen Fertigungskernbasis, verlangte aber eine zeitnahe Verlagerung der Produktion nach „Onshore“ innerhalb von zwei Jahren. Diese Kombination aus beschleunigter Integration und lokaler Fertigung ist ein typisches Muster, wenn ein Programm gleichzeitig Durchsatz bei Prototypen und langfristige Versorgungssicherheit absichern soll. Gleichzeitig wird in den Budgetunterlagen deutlich, wie die Army ihre Einführung schrittweise staffelt: Anfangs sollen insbesondere Stryker Brigade Combat Teams adressiert werden, danach Mobile und Infantry Brigade Combat Teams.

Die Erprobung bleibt dabei nicht auf das reine Fahrgestell und die Kanone beschränkt, sondern wird als Testbed für weitere Zukunftskomponenten ausgebaut. Für das Budgetjahr 2027 wird dem Mobile Tactical Cannon eine zusätzliche Rolle im Rahmen des 155-mm-Artillery-Propulsion-Modernization-Projekts zugeschrieben. Ziel ist es, die Reichweite und Leistungsfähigkeit durch neuartige Antriebskonzepte zu steigern – konkret durch Fortschritte bei „propelling charge“, modularen Ladungen, Zündsystemen, Treibmitteln sowie Verpackungslösungen. Genau hier kann der Prototyp als „Integrationstool“ dienen: Er ermöglicht, neue Ladungs- und Zündkonzepte in einem Systemkontext zu prüfen und anschließend in eine übergeordnete „system of systems capability“ zu überführen, um damit Fähigkeitslücken beim Bekämpfen von Artilleriezielen zu schließen, die sich bis etwa 70 Kilometer erstrecken. Im Kern geht es damit um die Kopplung von Waffensystem, Munitionschemie und Einsatzdoktrin – ein Zusammenspiel, das man erst vollständig bewerten kann, wenn konkrete Komponenten in einem stabilen Plattformrahmen getestet werden.

Auch die Programm-Iteration zeigt, dass die Army die Plattform nicht als statisches Endprodukt betrachtet. Obwohl die zunächst umgesetzte Ausschreibung einen wheeled self-propelled Ansatz adressierte, wurde später eine separate Ausschreibung für eine getrackte Variante veröffentlicht. Damit verschiebt sich der Fokus in der nächsten Ausbaustufe von „ob“ eine mobile 155-mm-Lösung grundsätzlich funktioniert hin zu „welche“ Varianten sich in welchen Verbänden und Logistikketten am besten durchsetzen. Dass Hanwha nach eigenen Angaben die getrackte Anforderung ebenfalls adressieren will, unterstreicht diesen Wettbewerbs- und Parallelisierungscharakter. Für die Industrie wiederum signalisiert das: Prototyping- und Integrationsplattformen gewinnen an strategischer Bedeutung, weil sie nicht nur einen einzelnen Vertrag bedienen, sondern Messdaten, Erfahrungen und Schnittstellen für Folgegenerationen liefern.

Um die Tragweite für die Beschaffungslage einzuordnen, lohnt der Blick auf den Zeitdruck, den die Army selbst setzt. In Berichten aus dem Umfeld der Field Artillery wird ein „ready version“-Zeithorizont bis 2031 als Ziel genannt. Diese Zielmarke erklärt, warum die aktuelle Auslieferung als erster Prototyp so früh in den Testfahrplan gehört: Nur wenn die Erprobungsschleifen zügig genug ausfallen, kann das Programm jene spätere Munition- und Antriebsmodernisierungskette verlässlich synchronisieren. Für Unternehmen bedeutet das gleichzeitig: Wer in frühen Testphasen mit belastbaren Integrations- und Produktionsfähigkeiten einsteigt, kann später von einer längeren Skalierungsphase profitieren – und muss dafür Schnittstellen, Fertigungsqualität und Datenrückführung in einer Geschwindigkeit liefern, die über klassische Entwicklungsprojekte hinausgeht.


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